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Haus Liechtenstein gibt sich die Ehre

Die Fürstlichen Sammlungen im Kunstmuseum Bern

Der Fürst lädt ein und alle kommen nach Bern, ins Kunstmuseum. Dort zeigt das Haus Liechtenstein eine Auswahl von 200 Werken aus der eigenen Kunstsammlung, die durch seine Würdenträger über vier Jahrhunderte zusammengetragen wurde. Wobei der Singular hier scheinbar fehl am Platz ist. „Liechtenstein. Die fürstlichen Sammlungen“ heisst die Ausstellung. Plural sei es, obwohl nicht klar wird, wo in dieser Ausstellung die eine Sammlung aufhören und die andere beginnen soll.

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Anton Jenik: Fürst Johann I. von Liechtenstein mit seiner Familie. Detail.

Dass alle Sammlung mit den Fürsten des Hauses beginnt, wird hingegen schnell klar. Da umringen auf einem grossformatigem Bild von zweifelhafter Qualität die männlichen Familienmitglieder von Fürst Johann I. (1760-1836) mit geröteten Wangen ihren Chef, während die Damen züchtig auf der anderen Seite des Raumes gruppiert wurden, begleitet von einigen hübsch beschnautzten Kavalieren. Warum sich das irgendjemand anschauen sollte, bleibt schleierhaft – es sein denn, um sich der grossartigen Geschichte des Fürstenhauses bewusst zu werden. (mehr …)

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Die Notwendigkeit des Handelns

Ein Beitrag von Ludwig Luchs

Ich mag ja gerne glauben, dass Donald Trump nun präsidial wird; dass er sich nicht mehr so gebärden kann wie zu Wahlkampfzeiten; dass der moralisch Unflätige eigentlich der Journalist ist, der die „Pussy-Aufnahme“ von Trump an die Öffentlichkeit brachte (und nicht etwa der president elect, der „boys-talk“ über die einfache Verfügbarkeit von Frauen von sich gab); dass man sich über die Ohrfeige fürs Establishment freuen sollte, dass das amerikanische System von „checks and balances“ Trump in die Schranken weisen wird; dass ein wenig Know-how in Betriebswirtschaft der amerikanischen Politik ganz gut tun wird; dass Donald Trump schnell lernt; dass bereits die Wahl von Washington-Insidern für sein „transition-team“ sein Unvermögen aufzeigt, sich vom Establishment zu lösen – kurz: dass alles nicht so schlimm kommen wird, wie von vielen Menschen, von links über grün bis zu liberal eingemittet, befürchtet.

Aber: Es wird so schlimm kommen. Denn das amerikanische Volk hat am 9. 11.2016 nicht einen neuen Charakter für Donald Trump gewählt, sondern ebendiesen Siebzigjährigen darin bestärkt, dass sein Charakter geeignet sei, ihn ins höchste Amt zu führen. Warum sollte Trump sich jetzt das Mäntelchen des Moderaten umhängen? Deshalb ist es gefährlich, seine Sprüche der vergangenen Monate in die Mottenkiste der zugespitzten Wahlkampf-Aussagen zu verstauen. (mehr …)

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Ausgestopfter Schrecken: Cattelan in Paris

Maurizio Cattelan ist fünf Jahre nach dem Beginn seines selbsternannten Vorruhestandes – den er 2011 mit einer fulminanten Retrospektive all seiner Kunstwerke in New York einläutete – auf die Kunstbühne zurückgekehrt; von der er natürlich nie wirklich verschwunden war.

2013 stellte er fünf kopflose, an der Wand befestigte Pferde unter dem Titel „Kaputt“ in der Fondation Beyeler in Riehen aus. Und erntete damit mitunter harsche Kritik, so in der FAZ, die ihm vorwarf, „schweifwedelnd“ den Kunstmarkt mit sommerlochfüllenden Blödeleien zu bedienen. Im Frühling 2016 liess Cattelan die Schweizer Rollstuhl-Athletin Edith Wolf-Hunkeler im Rahmen der Manifesta über den Zürichsee paddeln – eine reichlich misslungene Performance, inhaltlich wie in der Ausführung.

Jetzt meldet er sich also offiziell zurück, in einer kleineren Retrospektive bekannter Werke in der Monnaie de Paris, der Münzprägeanstalt am Quai de Conti mit ihren neoklassizistisch-prachtvollen Räumen. (mehr …)

Alireza Varzandeh: Ohne Titel

Kunst Zürich: Die Suche nach dem „gap“

„It’s not what you see that is art, art is the gap“. Dieses Zitat wird, zurecht oder nicht, Marcel Duchamp zugeschrieben, dem Erfinder des ready-made. Mit diesem Zitat im Kopf ging ich an die Kunst Zürich, die jährliche Kunstmesse in einer alten Industriehalle in Zürich Oerlikon, und ich machte mich auf die Suche nach der Lücke, dem Spalt, dem Ausgesparten, ja dem Unausgesprochenen.

Eingeladen war ich von der Galerie sam scherrer contemporary, darum starten wir die Suche nach dem gap auch hier. Zu den langjährigen Bestsellern der Galerie gehören die Kopf&Hals-Tiere von Viviana Chiosi, die eine Mischung von Hase und Manga-Figur zu sein scheinen. Versehen mit aktuellen Referenzen (an der Messe hängt eine Figur, deren Torso mit einer Westwing-Werbung versehen ist, und die auf den online-Kaufrausch verweist, der einen giftgrün werden lässt) zeigen sie die Lücke zwischen Wunsch und Erfüllung, zwischen Ideal und Realität auf. Hinter der auf den ersten Blick lustigen Comic-Figur lauern die Verfremdungen heutiger Lebensläufe. (mehr …)

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Urwüchsige Natur an der Place Vendôme

Die Place Vendôme, einer der „königlichen Plätze“ von Paris zeichnet sich durch eine klare Symmetrie, eine architektonische Strenge der sie umgebenden Gebäude und eine Distinguiertheit der Passanten aus, die ins Ritz hinein- oder hinausschlendern oder eines der Luxusgeschäfte betreten, um für mehrere Tausend Euro eine Uhr zu erstehen.

Der Schweizer Künstler Ugo Rondinone bricht nun mit diesem versteinerten Klassizismus des Platzes und seiner Benutzer. Im Rahmen der FIAC haben sich verschiedene Galerien zusammengetan, um zwei grosse Installationen von Rondinone auf dem Platz zu ermöglichen. Auf der eine Seite der Achse, die den Platz in zwei teilt, stehen fünf grosse Olivenbäume aus Aluminium, deren grotesk verzweigten Äste gegen die klaren Winkel der Stadthäuser das Chaos antanzen lassen. Urwüchsige Natur gegen steingewordene Machtansprüche. Ein Erlebnis, vor allem vor stahlblauem Pariser Herbsthimmel.

Auf der anderen Seite, vor dem Hotel Ritz, stellt Rondinone atavistische Sandsteingestalten auf, grosse Verwandte des kleinen blauen Totems von A.R. Penck, das an der FIAC zu sehen war. Ein Gruss aus der Vorzeit in dieses bürgerliche Paris, das auf so viel aufgeklärte Geschichte zurückblickt. Ein Hauch von Anarchie in der erstarrten Vernunft.

A.R. Penck: Kleiner Totem

FIAC: Ware Kunst statt wahre Kunst

Die diesjährige Ausgabe der FIAC, der Pariser Messe für zeitgenössische Kunst, fällt schwächer aus als ihre unmittelbaren Vorgänger. Die Platzhirsche präsentieren Gefälliges, die jungen Galerien können kaum überzeugen. Stark sind die Frauen vertreten; sie zeigen, das Kommerz auch Kunst sein kann.

Keine Gewalt, kein Sex, kein Swarowski-Bling-Bling, kaum Politik. Die Galerien an der Pariser Kunstmesse FIAC fokussieren in diesem Jahr vor allem auf Apartes und Bewährtes. In beunruhigenden Zeiten kein Wunder.

Henri Matisse verlangte einst „eine Kunst als geistiges Beruhigungsmittel, etwas Ähnliches wie ein guter Lehnstuhl, der von physischer Ermattung Erholung gewährt.“ Der moderne Mensch will sich heute von der psychischen Ermattung erholen, an der wir durch die dauernde Bedrohung leiden, egal ob real oder gefühlt. (mehr …)

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Pünktchen in Lugano

Vom ruhmvollen Neoimpressionismus bis zur Serienabbildung von französischen Häfen. Das LAC in Lugano zeigt eine einzigartige Privatsammlung, die sich dem französischen Maler Paul Signac widmet.

Paul Signac (1863-1935) war der Weggefährte von Georges Seurat und Maximilien Luce und ist dem interessierten Kunstpublikum als Vertreter des Pointillismus bekannt. Dass diese Bezeichnung eher abwertend gemeint war und dass sich die Freunde selbst Neoimpressionisten nannten, lernt man in der Ausstellung im LAC Lugano Arte e Cultura, die diesen Künstler in den Mittelpunkt stellt.

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Paul Signac: L’Arc-en-Ciel (Venice)

Aufbauend auf der Farbenlehre des in Künstlerkreisen einflussreichen Chemikers Eugène Chevreul, der die Wechselwirkung von nebeneinanderliegenden Farben beschrieb, setzte sich Signac wissenschaftlich mit dem Farbkreis auseinander und wollte in seinen Werken den einzelnen Farben möglichst grosse Wirkung verleihen

Dass ihm dies gelang, ist in Lugano noch bis zum 8. Januar 2017 zu erleben. Nicht nur in seinen divisionistischen Gemälden, also denjenigen, in denen er Punkte reiner Farbe nebeneinander setzt, sondern auch – und noch viel mehr – in seinen Aquarellen. Diese sind im zweiten Teil der Ausstellung zu sehen und überzeugen durch eine Unmittelbarkeit, die sich der Entstehung im Freien verdankt.

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Paul Signac: Saint Nazaire

Die Auftragsarbeit, alle Häfen Frankreichs abzubilden, erwies sich als schwierig: Er kämpfte mit Regen, Kälte, Wind. Sieben über drei Jahre verteilte Reisen benötigte Signac, um das Werk zu vollenden. 34 Werke dieses Ensembles zeigt die Ausstellung. Sie ziehen den Betrachter in ihren Bann. Der über sechzigjährige Künstler bringt luftige, farbenfrohe Aquarelle aufs Blatt, die mit lockerem Strich jede Mühe des Entstehens ausblenden.

Der Blick durch das grosse Panoramafenster im ersten Stock des LAC zeigt den See, der bei Sonnenschein blinken und mit seinen Lichtpunkten dem Besucher einen Widerschein der wunderbaren Kunst im Inneren des erfreulichen neuen Kunsttempels in der Südschweiz schenken würde.

MASI Lugano, LAC: Paul Signac. Riflessi sull’acqua. Bis 8. Januar 2017

Beitragsbild: P. Signac, Saint Tropez. Fontaine des Lices, 1895

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Riesenzwerge in Silikon – Paul McCarthy in St. Gallen

Er ist der, der weiss, dass auch der amerikanische Traum mit dem Aufwachen endet. Er ist der, der hinter dem knuffigen Disney-Zwerg die Psychoschlucht sieht. Er ist der, der George W. Bush die Luft aus dem Kopf lässt. Er ist der, der auch nach 50 Jahren Künstlerleben noch provozieren kann. Er ist der Anti-Koons. Er ist Paul McCarthy.

Allenthalben waren Abgesänge auf ihn zu lesen. Wie wichtig er einst war, als er mit seinen Genitalien malte oder Mayo-Ketchup-Hackfleisch-Orgien inszenierte. Wie krass er nun von den neuen Wilden links und rechts überholt wird. Man musste schon fast Angst haben um McCarthys Stachel, den er in das Fleisch des amerikanischen Mainstreams jagte.

Und dann pflanzte er vor zwei Jahren ein „Tree“ genanntes (und mit viel Phantasie auch so aussehendes) sieben Meter hohes, mit Luft gefülltes, grasgrünes Sexspielzeug mitten auf die Place Vendôme in Paris. Dem Analstöpsel für Riesen wird nächtens die Luft rausgelassen und McCarthy tätlich angegriffen: Und schon hatten die Medien und die prüden Franzosen ihren Skandal. In heutigen (fast) tabulosen Zeiten ein hartes Stück Arbeit – auch für Paul McCarthy. (mehr …)

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Alles ist elegant

Bei Schirmer/Mosel ist das Standardwerk zum Schaffen von Robert Mapplethorpe erschienen.

Als Belohnung für mein bestandenes Abitur durfte ich vor einigen Jahrzehnten meinen Vater auf einer von ihm geführten Kunstreise durch die Südstaaten der USA begleiten. Zum ersten und auch einzigen Mal in meinem Leben wurde ich dabei beinahe zum Kunsträuber.

Die Reise führte zu einigen der hervorragendsten Privatsammlungen moderner Kunst in den USA. Unter anderem besuchten wir ein Privathaus, in dem vier Marylins von Andy Warhol im hohen und lichten Treppenhaus hingen. Auf dem Sims eines fulminanten Kamins im Schlafzimmer der Besitzer fielen mir einige Fotografien auf, die die Sammlerfamilie zeigten.

Darunter eine, die mich regelrecht in ihren Bann zog: Kontrastreich gegeneinander abgegrenzt standen die Familienmitglieder in Reih und Glied, jedes einzelne von solcher Schönheit, als wollte diese Familie das Tolstoische Diktum, alle glücklichen Familien glichen einander, ausser Kraft setzen. Diese Familie war einzigartig glücklich, wurde dem Betrachter durch die Fotografie suggeriert. (mehr …)

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Fotografieren erlaubt

Kunstmuseum St. Gallen startet Handy-Fotowettbewerb im Rahmen der Ausstellung „The Dark Side of the Moon“

Manchmal hat man ja das Gefühl, dass man einem Kunstwerk die Aura klaut, wenn man es fotografiert. So böse schauen die Museumswächterinnen und -wächter, wenn man das iPhone zwecks Dokumentation eines besonders eindrücklichen Werkes zückt.

Im Kunstmuseum St. Gallen darf nun aber munter drauflosgeknipst werden. Mit familiären Duzen werden die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung „The Dark Side of the Moon“ aufgefordert, „unheimliche, gruselige, abgründige“ Handybilder zu machen. Selfies oder „spannende Blickwinkel“ sind gefragt. Das Werk soll dann auf dem eigenen Facebook-  oder Twitteraccount gepostet werden, inkl. @Kunstmuseum St.Gallen im Kommentar, damit die Museumsleute das Foto auch sehen. Eine Jury aus Mitarbeiterinnen des Kunstmuseums sowie der Leitung des Kunstvereins St. Gallen kürt dann das Gewinnerbild. Gewinnen kann man eine moderne Polaroidkamera mit Selfie-Funktion – für weitere abgründige Fotos, vorzugsweise von sich selbst. Das alles bis zum 23. Oktober 2016.

So lange läuft auch die Ausstellung selbst, deren gezeigte Werke laut Pressetext „ein beeindruckendes Panorama gesellschaftlicher Verwerfung und menschlicher Abgründe enthüllen.“ Ich bin gespannt, vor allem auf die Skulpturengruppe des Schweizer Martin Disler und natürlich das Werk der Leipziger Künstlergruppe FAMED, die mich schon seit längerem überzeugt. Mehr darüber bei Gelegenheit hier.

Ach übrigens: Blitzen ist bei aller Fotografierlust in der Ausstellung dann doch nicht erlaubt! Aber das würde den Grusel eh nur zunichte machen!

 

Beitragsbild: Installationsansicht St.Gallen Foto: Stefan Rohner