14_White Snow Dwarf (Bashful)_pink_2010_Foto Fredrik Nilsen_Ursula Hauser Collection Switzerland

Riesenzwerge in Silikon – Paul McCarthy in St. Gallen

Er ist der, der weiss, dass auch der amerikanische Traum mit dem Aufwachen endet. Er ist der, der hinter dem knuffigen Disney-Zwerg die Psychoschlucht sieht. Er ist der, der George W. Bush die Luft aus dem Kopf lässt. Er ist der, der auch nach 50 Jahren Künstlerleben noch provozieren kann. Er ist der Anti-Koons. Er ist Paul McCarthy.

Allenthalben waren Abgesänge auf ihn zu lesen. Wie wichtig er einst war, als er mit seinen Genitalien malte oder Mayo-Ketchup-Hackfleisch-Orgien inszenierte. Wie krass er nun von den neuen Wilden links und rechts überholt wird. Man musste schon fast Angst haben um McCarthys Stachel, den er in das Fleisch des amerikanischen Mainstreams jagte.

Und dann pflanzte er vor zwei Jahren ein „Tree“ genanntes (und mit viel Phantasie auch so aussehendes) sieben Meter hohes, mit Luft gefülltes, grasgrünes Sexspielzeug mitten auf die Place Vendôme in Paris. Dem Analstöpsel für Riesen wird nächtens die Luft rausgelassen und McCarthy tätlich angegriffen: Und schon hatten die Medien und die prüden Franzosen ihren Skandal. In heutigen (fast) tabulosen Zeiten ein hartes Stück Arbeit – auch für Paul McCarthy. (mehr …)

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Alles ist elegant

Bei Schirmer/Mosel ist das Standardwerk zum Schaffen von Robert Mapplethorpe erschienen.

Als Belohnung für mein bestandenes Abitur durfte ich vor einigen Jahrzehnten meinen Vater auf einer von ihm geführten Kunstreise durch die Südstaaten der USA begleiten. Zum ersten und auch einzigen Mal in meinem Leben wurde ich dabei beinahe zum Kunsträuber.

Die Reise führte zu einigen der hervorragendsten Privatsammlungen moderner Kunst in den USA. Unter anderem besuchten wir ein Privathaus, in dem vier Marylins von Andy Warhol im hohen und lichten Treppenhaus hingen. Auf dem Sims eines fulminanten Kamins im Schlafzimmer der Besitzer fielen mir einige Fotografien auf, die die Sammlerfamilie zeigten.

Darunter eine, die mich regelrecht in ihren Bann zog: Kontrastreich gegeneinander abgegrenzt standen die Familienmitglieder in Reih und Glied, jedes einzelne von solcher Schönheit, als wollte diese Familie das Tolstoische Diktum, alle glücklichen Familien glichen einander, ausser Kraft setzen. Diese Familie war einzigartig glücklich, wurde dem Betrachter durch die Fotografie suggeriert. (mehr …)

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Fotografieren erlaubt

Kunstmuseum St. Gallen startet Handy-Fotowettbewerb im Rahmen der Ausstellung „The Dark Side of the Moon“

Manchmal hat man ja das Gefühl, dass man einem Kunstwerk die Aura klaut, wenn man es fotografiert. So böse schauen die Museumswächterinnen und -wächter, wenn man das iPhone zwecks Dokumentation eines besonders eindrücklichen Werkes zückt.

Im Kunstmuseum St. Gallen darf nun aber munter drauflosgeknipst werden. Mit familiären Duzen werden die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung „The Dark Side of the Moon“ aufgefordert, „unheimliche, gruselige, abgründige“ Handybilder zu machen. Selfies oder „spannende Blickwinkel“ sind gefragt. Das Werk soll dann auf dem eigenen Facebook-  oder Twitteraccount gepostet werden, inkl. @Kunstmuseum St.Gallen im Kommentar, damit die Museumsleute das Foto auch sehen. Eine Jury aus Mitarbeiterinnen des Kunstmuseums sowie der Leitung des Kunstvereins St. Gallen kürt dann das Gewinnerbild. Gewinnen kann man eine moderne Polaroidkamera mit Selfie-Funktion – für weitere abgründige Fotos, vorzugsweise von sich selbst. Das alles bis zum 23. Oktober 2016.

So lange läuft auch die Ausstellung selbst, deren gezeigte Werke laut Pressetext „ein beeindruckendes Panorama gesellschaftlicher Verwerfung und menschlicher Abgründe enthüllen.“ Ich bin gespannt, vor allem auf die Skulpturengruppe des Schweizer Martin Disler und natürlich das Werk der Leipziger Künstlergruppe FAMED, die mich schon seit längerem überzeugt. Mehr darüber bei Gelegenheit hier.

Ach übrigens: Blitzen ist bei aller Fotografierlust in der Ausstellung dann doch nicht erlaubt! Aber das würde den Grusel eh nur zunichte machen!

 

Beitragsbild: Installationsansicht St.Gallen Foto: Stefan Rohner

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Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt

Matt Mullican im Kunstmuseum Winterthur

Wer als in die Welt Geworfener offenen Auges durch diese Welt wandert, kommt nicht umhin, sich zu wundern; sich zu wundern über die Fülle von Eindrücken, die sich einem über alle Sinne aufdrängen. Wir wären verloren, wenn wir diese Impressionen ungeordnet aufnehmen würden, tagein – tagaus.

Darum legt sich die Menschheit schon seit Jahrtausenden ihre Welt zurecht; ganz wie Pippi Langstrumpf: „Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt“. So entstanden Welterklärungsmodelle, die mit der von dem Menschen erlebten Realität nicht viel zu tun hatten. Was dazu führte, dass man an etwas glauben musste. Zum Beispiel an einen Raben als Schöpfer von Himmel und Erde, den wir hier in den Zürcher Miszellen besprochen haben. Oder an die Erde als Mittelpunkt der Welt, wie unter anderem die Babylonier glaubten, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Die Macht der Abstraktion

Nicht mehr glauben, sondern sehen und verarbeiten: Das ist das Credo des 1951 in Kalifornien geborenen und nun in Berlin lebenden Künstlers Matt Mullican. Er befragt die Welt, bevor er sie ordnet, um sie dadurch erklären zu können. Es begann mit der nicht weltbewegenden Erkenntnis, dass standardisierte Farbkarten, die als Muster für Drucker dienten, je nach Beleuchtung eine andere Farbnuance zeigen. Was man wahrnimmt, muss also nicht zwingend auch die Realität sein. Diese liegt offenbar hinter der Wahrnehmung; so weit so platonisch. (mehr …)

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Manifesta 11: Kunst kommt von Geld verdienen

Diese Manifesta ist mehr als Scheisse. Das muss so drastisch gesagt werden, denn in den bisher erschienenen Medienberichten steht das Werk des US-Amerikaner Mike Bouchet im Mittelpunkt.

Bouchet pappte aus Zürcher Fäkalien und Klärschlamm eine 80-Tonnen-Skulptur zusammen. Der Geruch sollte eigentlich mit einem eigens entwickelten Duftstoff überspielt werden. Wie man hört und vermutlich riechen wird, klappt das nicht. Darum war ich auch nicht dort.

Gemäss Bouchet arbeitete jeder Zürcher, der am 24. März 2016 auf die Toilette ging, kreativ an dem Kunstwerk mit. Und so gesehen ist dieser Riesenklumpen symptomatisch für die Manifesta. Denn es geht darum, was die Kunst mit den Zürchern anstellt, und wie die Zürcher mit der Kunst umgehen. Oder: Wie aus Züchern Kunst entsteht. Der Kurator der Manifesta 11, der deutsche Künstler Christian Jankowski, hat sich entschieden, diese Ausgabe der europäischen Wanderbiennale unter das Motto „What People do for Money“ zu stellen. Heisst: Womit Zürcher ihr Geld verdienen.

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Katherine Bernhardt: Toilet Paper and Cigarettes black and pink

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Schädel in ungefährer Landschaft

In der Zürcher Galerie sam scherrer contemporary sind zurzeit Werke des Schweizer Malers Jan Czerwinski zu sehen.

Menschen- und Tierschädel vor Bergmassiven, zum Beispiel. Sie zeigen Vergängliches, ein Memento Mori vor der alpinen Ewigkeit. In ihrer realistischen Anmutung lassen die Bilder dank der indirekten Übertragung von Sinn aber eine Verwandschaft mit dem Abstrakten erkennen.  (mehr …)

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Keine Realität nach 22 Uhr

 

Ben Lerner variiert den Zufall in der Geschichte. 

Das Buch beginnt fulminant:

„Die Stadt hatte ein Stück aufgegebene Hochbahnstrasse in einen luftigen Grünzug umgewandelt, auf dem die Agentin und ich in der für die Jahreszeit ungewöhnlichen Hitze südwärts gingen, nach einem sündhaft teuren Festessen in Chelsea, zu dem auch Baby-Oktopusse gehörten, die der Koch buchstäblich zu Tode massiert hatte.“

Doch wie wir allzu schnell erfahren, gehört Ben Lerners Gegenwartsstudie „22:04“ zu den Büchern, die nach einem findigen ersten Satz vor allem schlechter werden. Das wird bereits auf der ersten Seite deutlich: Da ist die Rede von „Sumach- und Perückenbaumgrüppchen“ und „Fenstern in stehendem Format“. Wer weder in Manhattan aufgewachsen ist noch das zweifelhafte Glück hat, in Brooklyn zu leben, weiss kaum, wie zu Tode massierte Tintenfische schmecken; und auch Sumachbaumgrüppchen gehören bei vielen Westeuropäern nicht gerade zur alltäglichen Lebenswelt.

Dass dieser Roman dem Nicht-New-Yorker fremd erscheint, wäre ja nicht so schlimm. Wenn er uns denn unterhalten, uns neugierig auf eine fremde Welt machen würde. Doch leider setzt Ben Lerner das New-York-Feeling bei der internationalen Leserschaft als gegeben voraus. Als würden wir uns alle wohl und zuhause fühlen, wenn wir mit seinem Helden von der Brooklyn Bridge auf Manhattan schauen. (mehr …)

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Von Madrid in die Mark. Roman einer verlorenen Generation

Romane von Anna Katharina Hahn sind rar. Umso grösser ist die Vorfreude, wenn der Suhrkamp Verlag ein neues Werk der Stuttgarter Autorin ankündigt.

Bisher zeigte sich Anna Katharina Hahn als realistische Erzählerin, die schwäbisches Bürgertum mit präzisen erzählerischen Schnitten seziert und dabei nicht selten Ungeheuerliches, nie Gehörtes zutage fördert. Die Novellenform, mit der sie vor rund 16 Jahren debütierte, geistert so auch durch ihre Romane. 2009 erschien „Kürzere Tage“, 2012 „Am schwarzen Berg“, nun also „Das Kleid meiner Mutter“.

Die Geschichte beginnt im Madrid der Wirtschaftskrise 2012 und erzählt von der jungen Spanierin Ana Maria, die wie andere ihrer Generation unter der rekordhohen Arbeitslosigkeit leidet. Zog sich in den früheren Texten das unterschwellig Dämonische traumgleich durch den Mittelstands-Realismus, fehlt diese dunkle Ebene, zumindest anfangs. Das Traumhafte zeigt sich vielmehr in einem surrealen Setting: Die Eltern von Ana Maria, die wie all ihre Freunde im Elternhaus leben muss, versterben eines Tages so plötzlich wie gleichzeitig – und schrumpfen in den folgenden Tagen zu Puppengrösse. Währenddessen verwandelt sich Ana zeitweise in ihre Mutter, indem sie deren Kleider trägt. Erstaunt stellt sie fest, wie brüchig ihre Identität ist, merkt doch kaum jemand, dass in den Kleider der Mutter eigentlich die Tochter steckt. (mehr …)

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Nonsens als Programm

Die Ausstellung „dada Africa“ im Museum Rietberg.

Eine Ausstellung ist eine ernste Sache. Es geht um Sponsoren und Sachversicherungen, Kataloge und Kunstvermittlung und schliesslich um die Kunst selbst. Nun muss sich ausgerechnet Dada als „Narrenspiel aus dem Nichts“ – so der Gründer des Cabarets Voltaire Hugo Ball ­– solcher organisatorischen Adaption beugen. Grund ist das 100-jährige Jubiläum der Anti-Kunstrichtung, die am 6. Februar 1916 im Cabaret Voltaire, im Zürcher Niederdorf, ihren Anfang nahm. Das ist keine einfache Aufgabe für die zahlreichen Kuratorinnen und Kuratoren, die das Jubiläum zürichweit mit nahezu 250 Veranstaltungen ausrichten. Denn wie können Kabarett-Abende im Museum positioniert werden und zwar solche, bei denen der „Bankrott der Ideen“ Programm war?

Dialog 6_Pende Maske

Anhänger.  20. Jh., Dem. Rep. Kongo, Elfenbein Museum Rietberg Zürich,

Das Museum Rietberg in Kooperation mit der Berlinischen Galerie wählte den ihm eigenen Blick auf die Dadaisten. Während das Landesmuseum die globale Ausstrahlung der in Zürich entstandenen Kunstbewegung erkundet und das Kunsthaus wortreich aus seinem Fundus früherer Dada-Ausstellungen schöpft, widmeten sich die Kuratoren Michaela Oberhofer, Esther Tisa Francini und Ralf Burmeister (Berlin) unter dem Titel „dada Afrika“ den bislang noch wenig erforschten Auseinandersetzungen der Dadaisten mit den fernen Kulturen in Afrika, Amerika, Asien und Ozeanien. Bereits in einer Ausstellung von 2013 hatte das Museum Rietberg den Blick auf den Sammler und Galeristen Alfred Flechtheim und seine Leidenschaft für aussereurpäische Kunst in den 1920ern Jahren gerichtet. (mehr …)

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Die Ästhetik des Unpolitischen

Der ehemalige Botschafter in China, Ulli Sigg, verschenkt seine Sammlung zeitgenössischer chinesischer Kunst an ein Museum in Hongkong. Bevor die Bilder auf die Reise gehen, können sie in Bern bewundert werden.

Dem alltäglichen Stau auf der Autobahn A1 durchs Schweizer Mittelland entgehend, fuhr ich mit dem Zug zur Berner Ausstellung „Chinese Whispers“. Um mich herum sassen zweifellos Angestellte des Bundes, oder solche, die mit Angestellten des Bundes zu tun haben. Ich fragte diesen und jenen, welche chinesischen Künstler sie kennen. Jede und jeder nannte einen Namen: Ai Weiwei.

Aber gibt es neben Ai Weiwei nicht noch andere, grossartige Künstler aus China? Wer nur den Teil der Show im Kunstmuseum Bern anschaut und keine Gelegenheit hat, das am Stadtrand gelegene Zentrum Paul Klee, in dem die raumgreifenderen Arbeiten gezeigt werden, zu besuchen, der kriegt von Ai Weiwei nichts zu sehen und ist trotzdem begeistert, denn: Natürlich gibt es weitere bedeutende Künstler aus China. (mehr …)