Mehr Kunst geht nicht

Bei der Art Basel gibt’s alles, was man sich wünscht. Nur kann es kaum jemand bezahlen.

Die Art Basel und ich freunden uns an. 2016 durfte ich noch nicht als Pressevertreter hin, dieses Jahr hat die Medienabteilung den überragenden Wert der Zürcher Miszellen als Multiplikator erkannt und ich konnte mir einen Press Badge abholen. Ich blieb natürlich cool, obwohl ich jetzt an der Vortüre zum Kunsthimmel war. Warum Vortüre? Weil mir der Zugang nur zu den Public Days gewährt wurde. Für die zwei Preview-Tage muss ich noch an meinem VIP-Status arbeiten. Was mit dem folgenden Text in Angriff genommen wird.

Sollst man hinfahren?

Lohnt sich der ganze Aufwand denn? Immerhin muss man nach Basel fahren und dort stundenlang nach einem Parkplatz suchen. Danach drückt man sich mit Tausenden von Menschen, die alle viel wichtiger sind als man selbst und darüber hinaus noch viel mehr Geld, tolle Freunde und eine eigene, durch nichts zu erschütternde Meinung zu jedem Kunstwerk haben, durch stickige Hallen. (mehr …)

Das Ende, das ein Anfang war

Zwei Ausstellungen im Kunstmuseum Bern und im Zentrum Paul Klee widmen sich der Russischen Revolution und der Kunst der Russischen Avantgarde sowie ihren Folgen bis in die Gegenwartskunst.  

Vor rund 100 Jahren machten sich unterschiedliche Männer auf, die Welt auf ihre je eigene Weise zu verändern. Am 9. April 1917 bestieg der russische Politiker Wladimir Iljitsch Lenin den Zug von Zürich nach Petrograd, das heutige St. Petersburg, um dort sogleich eine Verstaatlichung des Bodens und der Produktionsmittel zu fordern und die Oktoberrevolution desselben Jahres vorzubereiten. Bereits drei Jahre früher malte der Künstler Kasimir Malewitsch ein schwarzes Quadrat und nannte das Bild „Viereck“. Es stellte nichts anderes dar als ebendies: ein schwarzes Viereck. Und es sollte die bildende Kunst revolutionieren: Eine Farbfläche konnte eine Farbfläche sein und musste nicht für einen mitgemeinten Gegenstand stehen. Die abstrakte Malerei war geboren. (mehr …)

Ein Geschenk für Dieter Schwarz

Der Direktor des Winterthurer Kunstmuseums Dieter Schwarz wird das Museum auf den 30. Juni 2017 verlassen, das Geschenk an ihn jedoch bleibt. Es ist weitaus mehr als ein Geschenk, es ist eine Schenkung: Eine Gruppe von Freunden um Dieter Schwarz überreicht dem Museumsmann eine Publikation mit Arbeiten auf Papier von über 35 Künstlerinnen und Künstlern.

Ergänzt wird die Publikation durch eine Ausstellung, die eben diese Werke u.a von Gerhard Richter, Thomas Schütte, Giuseppe Penone oder Richard Deacon in den Räumlichkeiten der Kunsthalle zeigt. Künstlerinnen und Künstler schenkten ihre Arbeiten dem Kunstmuseum, in Anerkennung des Wirkens von Dieter Schwarz.

Die Ausstellung in der Kunsthalle Winterthur ist am Samstag, 20. Mai 2017 öffentlich zugänglich.
Öffnungszeiten: 12 – 20 Uhr,  Eintritt frei

Beitragsbild: Ausstellungsansicht, © Reto Kaufmann, Zürich              

Imaginiertes Beben

Warum der literarische Seismograph bei Jonas Lüschers Roman „Kraft“ nicht ausschlägt

Gegen Ende der in Jonas Lüschers Roman „Kraft“ erzählten Geschichte imaginiert der sich in Kalifornien befindende Protagonist gleichen Namens ein grosses Erdbeben, das San Francisco zerstört und eine das Silicon Valley überschwemmende Flutwelle auslöst. Die Natur schlägt zurück und vernichtet die dort ansässige moderne Elite, die sich um alle Naturgesetze foutiert und die Welt mit ihren technischen Erfindungen aus den Angeln hebt.

Der Tübinger Rhetorikprofessor Richard Kraft kam ins Silicon Valley und an die Stanford University auf Einladung eines Freundes aus Studientagen, um an einem wissenschaftlichen Wettbewerb teilzunehmen. Es soll die Frage beantwortet werden, warum alles, was ist, gut ist und wie wir die Welt dennoch verbessern können. Als Preisgeld für die beste Antwort sind eine Million Dollar ausgelobt. Kraft braucht das Geld dringend, um sich von seiner zweiten Frau scheiden lassen zu können. Alimente für die gemeinsamen Zwillinge wollen bezahlt werden. Auch aus der ebenfalls gescheiterten ersten Ehe sind finanzielle Belastungen zurückgeblieben. (mehr …)

Last Exit Fehmarn

Das Kunsthaus Zürich zeigt eine grosse Anzahl Werke des Brücke-Künstlers Ernst Ludwig Kirchner.

1911 zieht der Mitbegründer der Künstlergemeinschaft „Die Brücke“ Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) von Dresden nach Berlin. Die Sommermonate der folgenden Jahre verbringt er auf der Ostseeinsel Fehmarn, bis der Ausbruch des Ersten Weltkriegs der Idylle ein Ende bereitet. Nach einem physischen und psychischen Zusammenbruch im Jahr 1915 und mehreren Aufenthalten in diversen Sanatorien zieht Kirchner 1918 nach Davos, wo er bis zu seinem Freitod 1938 lebt. (mehr …)

Zwischen Fakt und Fake

Zum ersten Mal in der Schweiz zeigt das Migros Museum für Gegenwartskunst eine Werkschau der Kanadierin Liz Magor

In ihrer Heimat Kanada gehört die 1948 geborene Bildhauerin Liz Magor schon lange zu den etablierten Künstlerinnen. In Europa und notabene in der Schweiz ist sie noch weitgehend unbekannt. Das dürfte sich mit der Ausstellung „you you you“ ändern, die das Zürcher Migros Museum zeigt, und die später nach Hamburg weiterwandert.

In ihren in Zürich zu sehenden Arbeiten aus den 90-er Jahren bis heute setzt sich Magor mit der Materialität der Dinge und ihrer Bedeutung für uns auseinander. Was fasziniert uns im Alltag an den Kleidern, Möbeln und Gebrauchsgegenständen, die uns umgeben? Warum liebt uns unser Mantel manchmal mehr als unsere Mitmenschen, wie Magor einmal in einem Interview betonte: „The relationship with material things is a compensation for the lack of attention that we get from each other. I know my coat loves me.”

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Die Aufgabe der Künste

Ein Beitrag von Ludwig Luchs

Der Nationalismus führt die Länder Europas in die Sackgasse. Die Politiker sollten darauf Antworten finden, die Künstler dürfen die Fragen stellen.

Leben wir gerade in einer Zeitenwende? Das in Jahrzehnten gewachsene Europa sieht sich eingezwängt in Probleme, aus denen es sich nicht herauswinden kann. Gemeinsamkeiten werden von den Ländern zunehmend ignoriert, Nationalismen geben den Ton an. Und Amerika zeigt, wie es weitergehen soll: Mit dem Slogan „Make America Great Again“. Dabei ist Donald Trumps Motto ebenso substanzlos wie rückwärtsgewandt. Er erinnert an den Gedanken, Europa zu retten, indem auf Karl den Grossen rekurriert wird. Der Herrscher scharte Intellektuelle aus ganz Europa um sich und versuchte, auf antiken Bildungsscherben und christlichen Traditionen sein Reich zu konsolidieren. Ein heute proklamiertes christliches Abendland wäre angesichts der vielfältigen kulturellen Einflüsse in Europa zum Scheitern verurteilt. (mehr …)

Von der Allmacht der Zeit

Als Gast des Kaisers von China entwirft der weltbeste Uhrmacher Alister Cox aussergewöhnliche Automaten und versucht, über den Mysterien der Zeit den Tod seiner Tochter zu überwinden. Christoph Ransmayr schreibt über das Wesen der Zeit.

Der britische Uhrmacher und Automatenbauer Alister Cox, mit 900 Angestellten ein Grossunternehmer in Sachen Zeit und Lieferant vieler Königshäuser, segelt im 18. Jahrhundert gen Osten, nachdem er von Gesandten des Kaisers von China mit drei seiner besten Mitarbeiter eingeladen wurde. Cox soll dort innerhalb von zwei Jahren die weltberühmte Uhrensammlung des Kaisers mit den raffiniertesten Zeitmessern vervollständigen, die bis anhin ersonnen wurden.

Qianlong, der Kaiser, erweist sich als weitgehend unsichtbarer Auftraggeber, der seine Befehle, als Wünsche getarnt, durch den chinesischen Übersetzer Kiang ausrichten lässt. Der Kaiser herrscht absolutistisch, ist allmächtig, lässt kleinen Betrügern die Nase abschneiden (die grausame Beschreibung dieser blutigen Bestrafung eröffnet den Roman), sieht sich als Herrscher über Zeit und Welt. Er versucht, sich gar die Natur untertan zu machen, verlängert den Sommer bis in den Winter hinein, wenn es nötig scheint.

Doch er stösst an seine Grenzen: Das Wetter, der eigene Körper, die Zeit: Die Naturgesetze kann auch ein Kaiser nicht aushebeln, der sich als allmächtiger Herrscher sieht.  An den Zwängen der Natur scheitert der Allmachtsanspruch. Christoph Ransmayr zeigt die absurde Auflehnung gegen den Lauf der Welt in kurzen, meisterhaften Episoden innerhalb des Romans.

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Haus Liechtenstein gibt sich die Ehre

Die Fürstlichen Sammlungen im Kunstmuseum Bern

Der Fürst lädt ein und alle kommen nach Bern, ins Kunstmuseum. Dort zeigt das Haus Liechtenstein eine Auswahl von 200 Werken aus der eigenen Kunstsammlung, die durch seine Würdenträger über vier Jahrhunderte zusammengetragen wurde. Wobei der Singular hier scheinbar fehl am Platz ist. „Liechtenstein. Die fürstlichen Sammlungen“ heisst die Ausstellung. Plural sei es, obwohl nicht klar wird, wo in dieser Ausstellung die eine Sammlung aufhören und die andere beginnen soll.

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Anton Jenik: Fürst Johann I. von Liechtenstein mit seiner Familie. Detail.

Dass alle Sammlung mit den Fürsten des Hauses beginnt, wird hingegen schnell klar. Da umringen auf einem grossformatigem Bild von zweifelhafter Qualität die männlichen Familienmitglieder von Fürst Johann I. (1760-1836) mit geröteten Wangen ihren Chef, während die Damen züchtig auf der anderen Seite des Raumes gruppiert wurden, begleitet von einigen hübsch beschnautzten Kavalieren. Warum sich das irgendjemand anschauen sollte, bleibt schleierhaft – es sein denn, um sich der grossartigen Geschichte des Fürstenhauses bewusst zu werden. (mehr …)

Die Notwendigkeit des Handelns

Ein Beitrag von Ludwig Luchs

Ich mag ja gerne glauben, dass Donald Trump nun präsidial wird; dass er sich nicht mehr so gebärden kann wie zu Wahlkampfzeiten; dass der moralisch Unflätige eigentlich der Journalist ist, der die „Pussy-Aufnahme“ von Trump an die Öffentlichkeit brachte (und nicht etwa der president elect, der „boys-talk“ über die einfache Verfügbarkeit von Frauen von sich gab); dass man sich über die Ohrfeige fürs Establishment freuen sollte, dass das amerikanische System von „checks and balances“ Trump in die Schranken weisen wird; dass ein wenig Know-how in Betriebswirtschaft der amerikanischen Politik ganz gut tun wird; dass Donald Trump schnell lernt; dass bereits die Wahl von Washington-Insidern für sein „transition-team“ sein Unvermögen aufzeigt, sich vom Establishment zu lösen – kurz: dass alles nicht so schlimm kommen wird, wie von vielen Menschen, von links über grün bis zu liberal eingemittet, befürchtet.

Aber: Es wird so schlimm kommen. Denn das amerikanische Volk hat am 9. 11.2016 nicht einen neuen Charakter für Donald Trump gewählt, sondern ebendiesen Siebzigjährigen darin bestärkt, dass sein Charakter geeignet sei, ihn ins höchste Amt zu führen. Warum sollte Trump sich jetzt das Mäntelchen des Moderaten umhängen? Deshalb ist es gefährlich, seine Sprüche der vergangenen Monate in die Mottenkiste der zugespitzten Wahlkampf-Aussagen zu verstauen. (mehr …)