Die Kunst ist zurück in der Serenissima

Nach pandemiebedingter Pause hat die Kunstbiennale wieder ihre Tore geöffnet. 

Wer weiss ist, über 50 Jahre alt, männlich und Europäer (wie der Autor), kann sich glücklich schätzen, wenn er an der 59. Biennale in Venedig Kunst nur konsumieren und nicht ausstellen möchte. Er hätte kaum eine Chance. 

Die Kuratorin Cecilia Alemani, bekannt als Chefkuratorin der High Line Art in New York, einer Skulpturenmeile auf dem Trassee einer ausgedienten Hochbahn, hat mehr als 1500 Werke von 213 Künstlerinnen und Künstlern in die beiden zentralen Ausstellungen in Venedigs Arsenale und die Gardini geholt. Rund 90 Prozent der Ausstellenden sind weiblich. So gehen auch die Hauptpreise, die (männlichen) goldenen Löwen, an Künstlerinnen. Zwei Vertreterinnen der Black Community haben mit ihren Arbeiten die Jury am meisten überzeugt: Die US-Amerikanerin Simone Leigh und die Britin Sonia Boyce nehmen je einen Löwen mit nach Hause. Die Qualität ihrer Werke ist selbstverständlich hoch, davon konnte man sich kürzlich auch an der Art Basel überzeugen. Konsequent wäre es allerdings gewesen, wenn Künstlerinnen für die Hauptpreise gewählt worden wären, die nicht in einem englischsprachigen Land der ersten Welt arbeiten. 

Leigh wurde für ihren Beitrag in der Hauptausstellung «The Milk of Dreams» ausgezeichnet. Die fast fünf Meter hohe Bronzebüste «Brick House», die den Kopf einer augenlosen Afrikanerin über einem Torso in Form eines traditionellen Tonhauses darstellt, findet sich gleich zu Anfang der Ausstellung im Arsenale-Areal. Die Skulptur Leighs, welche im Aussenbereich des Arsenale mit weiteren Werken vertreten ist, verweist durch ihre architektonischen Bezüge auf die starke, mit beiden Beinen auf der Erde stehenden afrikanischen Frau, die in traditionellerweise patriarchalen Systemen Selbstbehauptung und Charakter zeigt. 

Simone Leigh: Sovereignty. Amerikanischer Pavillon

Gender, Race, Identity

Hiermit sind einige der grossen Themen der diesjährigen Biennale bereits ausgesprochen. Geschlechterrollen, Hautfarbe, Identität – oder besser auf Englisch: Gender, Race, Identity! Wer sich dieser Inhalte in seiner oder ihrer Kunst verschliesst, hat wenig Chancen auf einen Platz in dieser Schau. 

So erstaunt auch der Löwe für Sonia Boyce nicht. Sie wird mit dem Preis für ihre Arbeit im britischen Pavillon geehrt. Die Arbeit ist in der Tat berückend. Fünf schwarze Sängerinnen flimmern über grosse Bildschirme und singen einzeln oder gemeinsam Lieder, die wiederum auf ihre Identität als schwarze Frauen verweisen. Ein Erlebnis für alle Sinne, das auf ein weiteres Leitmotiv dieser Biennale verweist: Die Fragilität des menschlichen Körpers, auch die Metamorphosen dieses Körpers. Die Stimmen der Sängerinnen sind nicht immer stark und laut, sondern drücken auch Verletzlichkeit aus, die Sängerin verwandelt sich in einen scheuen Menschen, der Körper verschwindet hinter den Tönen. 

Drei Themenblöcke also strukturieren diese Biennale, wie Alemani in einem Statement erklärt: Die Darstellung von Körpern und deren Metamorphosen, die Beziehung zwischen Individuen und Technologien und die Verbindung zwischen den Körpern und der Erde. Der Fokus auf den Körper führt freilich dazu, dass die figurative Malerei und die körperbetonte Skulptur an dieser Ausgabe der Biennale fröhliche Urständ feiern. Die abstrakte Kunst hat es schwerer, auch wenn es wackere Versuche gibt, der Abstraktion Raum zu schaffen, wie beispielsweise im phänomenalen irischen Pavillon. Dort setzt Niamh O’Malley in ihren Skulpturen ganz auf Form und Material. Formen aus Kalkstein liegen am Boden, Stahlfächer bieten Schutz vor metaphysischer Bedrohung. Abstrakte Formen generieren eine Ästhetik, die jenseits jeder figurativen Bedeutung liegt. 

Allison Katz: Portrait of the artist as a young girl(s) (Detail)

Zeitkapseln schaffen Verbindung zur Vergangenheit

Die im Rahmen einer der Zeitkapseln vertretene italienische Künstlerin Carla Accardi bringt ebenfalls abstrakte Zeichen ohne Referenz auf die Leinwand, eine Befreiung von Sinn und Bedeutung, ein starkes Bekenntnis zur reinen Form. Mit den Zeitkapseln schafft Alemani einen Bezug zwischen der aktuell produzierten Kunst und ihren Wurzeln bei Künstlerinnen des vergangenen Jahrhunderts, ein wichtiger Hinweis, dass all diese Auseinandersetzung mit Gender und Identität ohne eine frühe feministische Kunst kaum möglich wäre. Ein weiteres Beispiel hierfür sind die fantasievollen Kostüme, die die expressionistische Tänzerin Lavinia Schulz im Berlin der 1920er-Jahre mit ihrem Ehemann Walter Holdt kreierte. Sie transformierten Tänzer und Tänzerinnen in ein hybrides Kunstwerk – eine Metamorphose des Körpers in ganz eigener Art. 

Carla Accardi: Assedio rosso n. 3
Tina Gillen. Faraway

Aber diese Auseinandersetzung mit der Ausbreitung von Form im Raum bleibt singulär. Schnell kommen wir zurück in Sphären der Identitätssuche, und der Fragilität dieser Identität. Die mit einem goldenen Löwen für ihr Lebenswerk ausgezeichnete chilenische Künstlerin Cecilia Vicuña zeigt die Notwendigkeit, in einer posthumanen Welt – dargestellt durch eine entvölkerte städtische Dystopie – die Menschen quasi neu zu erfinden, indem sie gefressen und verdaut werden. Die Auszeichnung für die Südamerikanerin ist so verdient wie der zweite Löwe für das Lebenswerk, der an die Deutsche Katharina Fritsch geht, eine Bildhauerin, die seit vielen Jahren Kunst auf Museumsniveau macht. Sie ist in Venedig mit einem grossen grünen Elefanten vertreten. 

Eine Entdeckung wert ist der in New York geborene, doch seit Jahrzehnten in Südafrika wohnende Fotograf und Künstler Roger Ballen. Er zeigt im Südafrikanischen Pavillon verstörende Bilder in Schwarzweiss, die ebenso auf die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers wie seiner Seele hinweisen. Die Zerrissenheit anlässlich der Überforderung durch die globale Lebensweise spiegelt sich in vordergründig einfachen Bildern eines Körpers, der keine Einheit mehr bilden kann.  

Roger Ballen: Pavillon von Südafrika: Into the Light

Verwandlung allenthalben

Leise und zart nimmt die bereits verstorbene Österreicherin Birgit Jürgenssen das Thema der Metamorphose auf. In ihren Farbstiftzeichnungen aus den 1970-er Jahren, die in den Giardini zu sehen sind, verwandeln sich menschliche Körper, eine animalische Erotik ausstrahlend, in Krebse oder Katzen. Gräser werden zu Vögeln, die davonfliegen, bevor die Pflanze selbst verdorren kann. Der Mexikaner Felipe Baeza hingegen schafft Figuren, die sich in der Verwandlung von Mensch zu Feuerkörpern befinden. 

Zurück zum Thema der Identität. Exemplarisch greift das Thema der Neuseeländische Pavillon auf, der spielerisch mit der kolonialistischen Sichtweise der Südsee-Perzeption durch Paul Gaugin umgeht, indem er dessen Bildsprache mit queeren Bildpersonal ad absurdum führt. Überdies bringt die japanisch- und samoanischstämmige Künstlerin Yuki Kihara das aktuelle Thema des Klimawandels ein, der die Südsee in ihrer Existenz bedroht. Auch hier wird die Kunst zum Sprachrohr bedrohter Entitäten. 

Mit den Implikationen eines Aufwachsens in Zimbabwe setzt sich die Künstlerin Kudzanai-Violet Hwami in ihrem Werk auseinander. Ihre Ausstellung in der zentralen Schau in den Giardini zeigt Bilder einer Hochzeitszeremonie des Shona-Volkes im südlichen Afrika. Die expressionistischen Gemälde ziehen den Betrachter in diese – für uns – fremde und exotisch anmutende Zeremonie, in der Vögel gesegnet werden und das Brautpaar gar den Himmel erkunden darf. 

Birgit Jürgenssen: Fehlende Glieder (Missing Limbs)

Dänische Kentauren

Es gibt viel zu sehen an der diesjährigen Biennale. Und die Schau fügt sich zu einem Ganzen, das den von Alemani in den Fokus gerückten Themen Platz gibt und sie von diversen Seiten beleuchtet. Die Verbindung von Mensch, Natur und Technologie findet ihren Platz auch im Mythischen, einem der Urgründe der Kunstproduktion. Die mysteriösen, toten Kentauren, die im dänischen Pavillon liegen, gehören ebenso dazu wie die übergrossen Talismane von Tau Lewis. Auch die 111 kleinen Hai-Skulpturen von Jana Euler scheinen die Angst vor diesem Raubtier der Meere magisch bannen zu wollen. 

Tote Kentauren in Dänemark von Uffe Isolotto

Wenn man den Besuch der Biennale, für den man mindestens zwei Tage einplanen sollte, im Arsenale beginnt, dann bei den Giardini mit der zentralen Ausstellung weitermacht und sich danach im Uhrzeigersinn durch die Pavillons bewegt, landet man mit etwas guter Planung zum Ende im belgischen Pavillon. So kann man zum Abschluss eines der Highlights mitnehmen. Der Künstler Francis Alÿs zeigt Videos von Kinderspielen, die in verschiedenen Ländern Tradition haben. Eine Überdosis an Lebensfreude, verbunden mit einem Krach, der an volle Pausenhöfe in Grundschulen erinnert, reinigt die mit soviel Gegenwartskunst gefüllten Gehirne der Besucherinnen und Besucher von überflüssigen Bezügen zwischen Kunst und Leben und stimmt ein auf die Rückkehr in den Alltag der Lagunenstadt, der allerdings kaum mehr von Kindern geprägt ist – dafür, nach Abklingen der Pandemie, vor allem wieder von Tagestouristen aus aller Welt. 

Jamian Juliano-Villani: Shut up, the Painting. 

Kasten: Anselm Kiefer im Dogenpalast

Während die weissen alten Männer bei Cecilia Alemani keine Chancen für einen Auftritt haben, werden sie bei den zahlreichen Side Events in der Stadt gefeiert. Und das zurecht. Anish Kapoor, Ugo Rondinone, Heinz Mack und Georg Baselitz sind mit eindrucksvollen Ausstellungen vertreten.  Mit Marlene Dumas hat es auch eine Frau mit einer sehenswerten Schau im Palazzo Grassi nach Venedig geschafft. 

Eine künstlerische Sensation ist der Auftritt von Anselm Kiefer im Dogenpalast. Auf 800 Quadratmeter zeigt der deutsche Maler in riesigen Gemälden aus bis zu 20 zusammengesetzten Leinwänden die Geschichte Venedigs aus seiner Sicht: Der Aufstieg zur See- und Handelsmacht über die Heimholung der Leiche des Stadtheiligen St. Markus aus Alexandria bis zu den verheerenden Bränden im 16. Jahrhundert. Die meterhohen Leinwände wurden vor die bestehenden Bilder venezianischer Meister gehängt und verweisen mit den vor sie in luftiger Höhe platzierten Einkaufswagen, gefüllt mit Habseligkeiten, und den Sicheln des Todes auf Gewalt und Flucht, Plagen, die auch den aktuellen Alltag in vielen Teilen der Welt dominieren. Diese noch bis 29. Oktober zu sehende Attraktion darf man sich nicht entgehen lassen. Eintritt im Vorfeld online reservieren, um die Warteschlangen zu umgehen. 

Ugo Rondinone: Burn Shine Fly. Scoula Grande San Giovanni Evangelista

Beitragsbild: Tetsumi Kudo: Flowers from Garden of the Metamorphosis

59. Internationale Kunstausstellung, La Biennale di Venezia

23. April – 27. November 2022

Öffnungszeiten Giardini und Arsenale 2022:
23. April – 25. September, 11 – 19 Uhr
27. September – 27. November, 10 – 18 Uhr
Montags geschlossen (außer 25. April, 30. Mai, 27. Juni, 25. Juli, 15. August, 5. September, 19. September, 31. Oktober, 21. November)

https://www.labiennale.org

Überflüssige Körper brauchen kein Wasser

Elmgreen & Dragset in der Fondazione Prada in Mailand

Kein besserer Ort als Mailand, diese riesige Shoppingmeile, wo jede und jeder Zweite mit übergrossen Taschen internationaler Luxuslabels durch die im August halbleeren Gassen rund um den Dom schlendert, ist für diese Ausstellung denkbar. Elmgreen & Dragset (E&D), das in Berlin domizilierte Künstlerduo, loten die Funktionen des menschlichen Körpers aus, der von einer Produktionseinheit zum nutzlosen Träger ebendieser in Mailand gekauften Luxusmode wird. Ohne Körper keine Kleidung! 

E&D bespielen einen grossen Teil der mit viel Platz ausgestatteten Fondazione Prada im Süden Mailands. In einem ersten Raum erleben wir eine Konfrontation der bekannten Skulpturen des Duos mit dem antiken Blick auf den menschlichen, hier fast ausschliesslich männlichen Körper. Während die Antike auf die ausgeglichenen Proportionen und die klassische Schönheit des Körpers fokussiert, drücken die neuen Figuren auch die Brüche der heutigen Gesellschaft aus. Der Junge mit dem Siegerpokal blickt enttäuscht, als habe er eben seinen Match verloren. Ein kleiner Junge blickt voll Staunen auf ein Gewehr. Die Unmittelbarkeit der menschlichen Pose, die in der Antike in der Anschauung direkt erlebbar war, geht bei E&D verloren. Unbehaust versteckt sich ein weiterer Junge in einem Kamin, doch damit entkommt er nicht den strengen Blicken seiner Gouvernante – eigentlich ebenfalls ein Bild von gestern. Am Ende bleibt die virtuelle Wahrnehmung all dieser Körper, von der Ecke des Raumes aus blicken zwei Jungen durch VR-Brillen auf das Geschehen. Unvermittelt geschieht hier gar nichts mehr – der Körper steht nicht mehr für sich selbst. 

Oberhalb dieses Raums haben E&D ein Grossraumbüro nachgebaut, in Reih und Glied stehen die Arbeitskojen, ausgestattet mit Tastatur und Bildschirm, wie Legebatterien, eine wie die andere. Vereinzelt erzählen Accessoires von den Menschen, die eigentlich hier arbeiten, aber offenbar ist es Wochenende – oder alle arbeiten im Homeoffice. 

Ein weiteres Gebäude beherbergt klinisch steriles Mobiliar. E&D haben ihre Tradition der imaginierten Innenarchitektur offensichtlich erfolgreicher Bewohnerinnen und Bewohner fortgesetzt. Diesmal statten sie eine Wohnung mit klinischem und nutzlosen, aber sehr minimalistisch-ästhetischem Mobiliar aus. Das Interieur genügt sich mittlerweile selbst. Die Küche kubisch und unbrauchbar, die menschlichen Körper scheinen abgeschafft, denn auf den Stangen rund um den Konferenztisch wird niemand sitzen können. Das Mobiliar reduziert sich auf seine Effizienz. 

Weitere Gebäude werden bespielt, auch der freie Raum darum herum. Nutzlose Dinge stehen herum, eine Kühlbox, Verkehrsschilder, die aus Spiegeln bestehen, die berühmte Bank «for homosexuals only». Daneben eine weitere Bank, abgebrochen, auf dem noch vorhandenen Teil steht nur noch «only». Wer wäre hier wohl zum Sitzen berechtigt? Heterosexuelle? Oder andere Minderheiten, wie alte, weisse Cis-Männer? Willkommen bei der Sitzgelegenheit für Ihre Vorurteile. 

In der «Cisterna» dann ein weiteres Highlight. E&D haben dort einen leeren Pool nachgebaut, alles inklusive, samt Verschmutzung durch Vandalen und den Zahn der Zeit. Schnell kommt einem die Assoziation zum wohl berühmtesten Pool der Kunstgeschichte, dem Bild «A bigger Splash» von David Hockney. Hockney hat in diesem hochsexualisierten Bild (diese Konnotation habe ich übrigens auch erst durch einen Artikel, der, wenn ich mich recht erinnere, in der NZZ erschienen ist, erkannt) den Körper des Springers weggelassen. Nur der Splash (der eben auch erotisch gelesen werden kann, während das Sprungbrett phallisch ins Bild ragt) zeugt von menschlicher Anwesenheit. 

E&D verzichten neben dem Körper nun auch auf das Wasser. Zurück bleibt ein jeder Lebensfreude beraubter Pool. Die Körper sind überflüssig geworden, wer braucht da noch einen mit Wasser gefüllten Pool? 

Elmgreen & Dragset: Useless Bodies?

Fondazione Prada in Mailand, Largo Isarco 2, Metro Linie 3 bis Lodi T.I.B.B.

Eintritt 15 Euro. 

Noch bis zum 22. August 2022

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Biennale Venedig: Die Welt braucht Künstlerinnen

«Mögest du in interessanten Zeiten leben» lautet das Motto der alle zwei Jahre stattfindenden Biennale in Venedig zur zeitgenössischen Kunst. Geprägt werden die Zeiten  aktuell von Männern wie Trump, Johnson, Erdogan oder Putin. Ralph Rugoff, der künstlerische Leiter, stellt solch männlichem Blick auf die Welt das Vertrauen der Frauen ins Gute entgegen. 

Wir leben in «Interesting Times», so sieht es jedenfalls der der künstlerische Leiter der Biennale, Ralph Rugoff. In seiner Einführung zur Biennale schreibt der US-Amerikaner, dass die aktuellen, also die interessanten Zeiten, durchzogen seien von Fake News im digitalen Raum. Solche Falschnachrichten würden das Vertrauen der Menschen in die öffentlichen Medien zum Verschwinden bringen. Aber die Kunst, so hofft Rugoff, könnte das Vertrauen in eine positive Entwicklung zurückgeben.

Doch wie soll das funktionieren? Erst einmal müssen wir wissen, wie sie gestaltet sind, die sogenannten interessanten Zeiten. Geprägt werden sie jedenfalls von Männern: Donald Trump, Boris Johnson, Victor Orban, Vladimir Putin. Sie alle hantieren mit «Fake News» und lieben die Macht. Mehr als die Kunst vermutlich. Männer, die ihren Blick auf die Welt als den einzig wahren sehen. Und in weiten Teilen Asiens und Afrikas? Dort bestimmen die Männer gleich noch über die Frauen mit. Je länger, je mehr. In einigen Städten und Landstrichen kommen Frauen in der Öffentlichkeit nur noch als unförmige, von Tüchern eingehüllte Dreiecke oder Rauten vor. Der Mensch wird zur Form. Man google nur einmal «Strassenszene in Afghanistan» und lasse sich inspirieren – oder verschrecken. 

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Gegentrends zur Hau-den-Lukas-Kunst: Art Basel 2019

Das bezauberndste Werk an der diesjährigen Art Basel finde ich in der Sektion „Unlimited“. Dort werden jedes Jahr die besonders lauten, besonders grossen, besonders überwältigenden Stücke ausgestellt. In diesem Jahr beispielsweise eine riesige Peitsche von Monica Bonvicini aus dutzenden Gürteln, die von einer Maschine betrieben die Luft schlägt. Oder eine Autowaschmaschine, die Sperrholzautos nicht wäscht, sondern mit Farbe bespritzt. Oder die Geschichte der #metoo-Bewegung auf grossen roten Leinwänden, mit Anschuldigen an alle möglichen Täter, seien diese nun bestätigt oder bestritten. Kunst, die sich einem in den Weg stellt und durch ihre riesenhafte Präsenz unsere Aufmerksamkeit einfordert. 

Jochen Lempert. Botanical Box 2009-2019

Und doch ist das erwähnte bezauberndste Werk, obwohl bei „Unlimited“ angesiedelt, zart, ruhig, fragil gar. Jochen Lemperts rund 20 Fotografien, die meisten in einem weissen Raum mit Klebstreifen direkt an die Wand befestigt. Einige werden liegend in einer Vitrine präsentiert, als seien sie besonders empfindlich. Die Fotografien, althergebrachte Silbergelatine-Abzüge, zeigen unter dem Titel „Botanical Box“ Pflanzenstrukturen aber auch flüchtige Momente, wie den Rauch aus unbekannter Quelle oder das von einem Windstoss in die Höhe getriebene Laub. Kleinste Strukturen, wie ein an Rosmarin erinnernder Zweig, schwarz-weiss wie alle Bilder, in graziler Rhythmik festgehalten, erinnern mich daran, dass Kunst nicht nur Artefakt oder die kreative Rezeption von politischen und gesellschaftlichen Irrwegen darstellt, sondern schon immer präsent war und sich im Alltag manifestiert. 

Jochen Lempert. Botanical Box 2009-2019

Nun ist es noch lange keine Kunst, wenn ich eine Blume vor einem Autoreifen fotografiere. Wenn aber Jochen Lempert das macht, dann entsteht eine flüchtige Kunst, die sich nicht nur gegen all die Kapoors, Koons und Hirsts mit ihrer Hau-den-Lukas-Kunst behauptet. Vielmehr holt sie etwas wieder hervor, das sich kurz zuvor, bei der Ansicht eines bonbonfarbenen tonnenschweren Stahlherzens von Jeff Koons, aus Schreck tief in mir vergraben hat: Die Überzeugung, dass Kunst eine Aussage über die Welt macht, die wir anders nicht erfahren können.

Die Ästhetik der politischen Kunst

Politik ist auch ein beliebtes Feld, an dem Gegenwartskunst sich abarbeitet. Oft entstehen eher sinnflache Werke wie beispielsweise Donald Trump als «Tin Man of the Twenty-first Century», ein Werk der in den USA wohnenden kubanische Künstlerin Coco Fusco. Hin und wieder wird Politisches aber so intelligent in Kunst verwandelt, dass sich neue Zusammenhänge ergeben oder der Ruf nach Gerechtigkeit derart wahrhaftig ertönt wie bei EJ Hill. Selbst Opfer von rassistischen Vorurteilen glaubt der 1985 in Los Angeles geborene Künstler weiterhin an die «Macht der Repräsentation» und die «Möglichkeit der Heilung», wie er auf seiner Webseite schreibt. In seiner Installation an der Art Basel nimmt er Bezug auf die Ermordung des 12-jährigen Tamir Rice in Cleveland, der 2014 von einem Polizisten erschossen wurde, weil er mit einer Spielzeugpistole herumfuchtelte. 

Coco Fusco: Tin Man of the Twenty First Century

Hill erfindet eine «University of St. Tamir», mit Wandtafel, Uni-Logo und einem Schrein mit 12 Calla-Lilien, eine für jedes Lebensjahr von Tamir. Auf der Wandtafel steht in Leuchtbuchstaben «WE ARE NOT OUR PAIN». Die Uni ist ein Ideal, eine Hochschule für Benachteiligte, für Minoritäten. Erste Lektion: Wir sind nicht unser Schmerz! Auf der Rückseite der Wandtafel: Ein rosa Spiegel. Wer in ihn blickt, sieht die Welt rosa. Die Botschaft ist so einfach wie klar: Ohne Chancengleichheit in der Bildung werden weitere Opfer wie Tamir Rice unvermeidlich sein. 

EJ Hill: University of St. Tamir

EJ Hill hat einfache und doch subtile Wege gefunden, die Ungleichheiten in der amerikanischen Gesellschaft anzuprangern. Was seinen von ähnlichen Ansätzen unterscheidet ist, dass er in seiner Kunst Lösungen aufzeigt und Hoffnung macht. Es gibt Wege aus dem Dilemma. Ohne Zweifel ist Hill ein Künstler, der uns noch viel zu sagen hat; dank eines Werks, das die Ästhetik des Politischen auslotet. 

EJ Hill: University of St. Tamir. Installationsansicht

Folgende Bilder:
Tom Friedman: Balloon / Ugo Rondione: The Sun / David Knorr: Laundry / Steven Parrino: 13 Shattered Panels (for Joey Ramone)

Art Basel 2019. Noch bis zum 16. Juni.

Pink hinter Gittern

Wie eine Farbe Karriere machte

Mühelos drückte der Studienleiter die ausgestreckten Arme des erstaunten Probanden nach unten. Sekunden zuvor hatte dieser dem Druck noch standhalten können. Was war passiert, in dem Experiment, das der Fotobiologe John N. Ott 1978 im kalifornischen Santa Ana durchführte?

Zunächst sollte der Proband seine Arme im rechten Winkel von sich strecken. Der Studienleiter versuchte daraufhin, die Arme wieder nach unten, zur Hüfte, zu drücken. Waren Studienleiter und Proband ähnlich kräftig, konnte der Proband den Druck während drei Sekunden aushalten, ohne ihm nachzugeben. Dann aber wurde ihm ein 60 x 90 cm grosser, rosafarbener Bogen Papier vor die Augen gehalten. Schlagartig liess die Kraft des Probanden nach und der Studienleiter drückte seine Arme nach unten.

Der Sozialbiologe Alexander G. Schauss berichtete ein Jahr später an einem medizinischen Kongress von diesem Experiment. Der Effekt konnte bei 151 von 153 Studienteilnehmern festgestellt werden. Schauss erzählte in der Folge auch von einem Test, den er selbst durchführen wollte. Bei Tierexperimenten sei bereits festgestellt worden, dass sich rosafarbenes Licht auf das Hormonsystem von Mäusen auswirke. Der genaue Grund für den Effekt konnte allerdings nicht geklärt werden. (mehr …)

 «Wenn ich male, bin ich glücklich»

Die in Beirut geborene Künstlerin und Schriftstellerin Etel Adnan wurde erst im Alter von 87 Jahren als Malerin entdeckt.. Nun ist sie über 90 und stellt in den grossen Museen der Welt aus. Das Zentrum Paul Klee in Bern widmet ihr eine Ausstellung.

Mit beinahe 90 Jahren als Malerin den Durchbruch zu schaffen, darauf hat Etel Adnan wahrscheinlich nicht hingearbeitet. Denn Adnan hatte bereits als Schriftstellerin Karriere gemacht, als sie vor sechs Jahren in Kassel mit ihren kleinformatigen Bildern einen eigenen Saal an der dOCUMENTA (13) ausstatten konnte. Seit vielen Jahre war die in Beirut aufgewachsene Tochter eines muslimischen Syrers und einer christlichen Griechin dank ihrer Bücher als politische Stimme bekannt. Der Roman Sitt Marie Rose über die Kriegswirren im Libanon machte sie in den 1980er-Jahren auch im Westen bekannt. Gemalt hat sie – parallel zum literarischen Werk – bereits seit den frühen 1960er-Jahren.

Nach einem Aufenthalt in Paris, wo sie Philosophie studiert hatte, zog sie damals nach Berkeley in Kalifornien. Dort schrieb sie an ihrer Dissertation und begann, Kunstphilosophie zu lehren. Eine Kollegin fragte sie, wie sie dies tun könne, ohne selbst zu malen. Adnan antwortete, ihre Mutter habe gesagt, dafür stelle sie sich zu ungeschickt an. «Und glauben Sie Ihrer Mutter?», habe die Kollegin gefragt. Dies war der Anlass, zu Zeichenstift und Pinsel zu greifen. Schon damals war Adnan fasziniert von Paul Klee und seinem Werk: «Als ich in den frühen 1960-Jahren begann zu malen, war der Künstler, der mich am meisten prägte, Paul Klee. Ich war sofort gefangen. Ich suchte nach seinen Bildern in Büchern und in Museen, wann immer es mir möglich war», notiert Adnan im Katalog zur Berner Ausstellung.

Der Berg als «bester Freund» (mehr …)

Das weisse Kätzchen zeigt sich nicht

Mit seinem Lehrer Joseph Beuys teilt Imi Knoebel unter anderem die Liebe zu skurrilen Ausstellungstiteln. Schon während seiner Zeit als Schüler des Übervaters in Düsseldorf entwickelte Knoebel aber eine eigene Kunstsprache, die er konsequent fortführte. Das offenbart die erste Einzelausstellung Knoebels in der Schweiz seit 20 Jahren im Zürcher Haus Konstruktiv. Besonders bildhaft wird es da, wo das Bild ganz verschwindet.

Knoebel, geboren 1940 in Dessau, lernte in Darmstadt den Künstler Rainer Giese kennen, mit dem gemeinsam er den Vornamen «Imi» annahm, der «Ich mit ihm» bedeuten sollte. Gemeinsam bezogen sie als Schüler von Joseph Beuys auch ein Atelier in der Düsseldorfer Kunstakademie, das Zimmer 19, gleich neben dem Unterrichtsraum von Beuys. «Raum 19» heisst denn auch eines der bekanntesten Werke von Knoebel, das es mittlerweile in drei Ausführungen gibt. Das in Zürich gezeigt «Raum 19 III» ist das grösste. Ein Konvolut aus Hartfaserplatten in Reih und Glied aufgestellt oder übereinandergestapelt. Dazu Winkel und Keilrahmen. Das Werk füllt das gesamte Erdgeschoss im Haus Konstruktiv; es überwältigt durch eine Fülle von Raum- und Formbezügen. (mehr …)

All die schönen Cragg-Rundumel. Ein Besuch der Art Basel.

Es ist ein Kreuz mit der Art Basel – und durchaus religiöses, wie wir sehen werden. Über 4‘000 Kunstwerke, dargeboten von 290 Galerien aus 35 Ländern. Und natürlich nur das Beste. Und das Teuerste. Was man den Galeristen nicht verdenken kann, machen sie doch in Basel einen Grossteil ihres Jahresumsatzes. Da muss geklotzt werden. Aber genau das ist für den Betrachter, der nur zum Schauen und nicht zum Kaufen kommt, das Dumme. Denn ja: Ich habe schon ganz viele sehr teure Hohlspiegel von Anish Kapoor gesehen. Sie haben mich noch nie fasziniert. Und werden es auch diesmal nicht tun. Und ja: Es ist zwar immer wieder schön, die Farben in Josef Albers Hommagen an das Quadrat neu zu entdecken. Aber ehrlich gesagt erscheinen sie nach einem Dutzend Kunstmessebesuchen nicht mehr ganz so überraschend. Und nochmals ja: Magritte war ein toller Maler. Warum eine Galerie dasselbe Bild wie letztes Jahr nochmals an die Messe bringt, wird dennoch nicht klar. Offenbar hat es sich ja damals schon nicht verkauft.

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Gischt auf Elba – Werner Casty bei Sam Scherrer

Die Galerie Sam Scherrer Contemporary zeigt aktuell neue Grafit-Zeichnungen des Schweizers Werner Casty. Bisher fiel Casty vor allem mit beinahe fotorealistischen Zeichnungen eher unbewegter Materie wie Felsen und Bäumen auf. Auch Schnee gehörte zu seinen bevorzugten Sujets. Nun hat sich der Aggregatzustand des Wassers geändert und aus Schnee wurde Gischt. Den Zeichnungen zugrunde liegen Fotos aus Elba. Resultat  ist eine Energie, die aus den festgefrorenen Momenten des Aufschäumens der Gischt eine überwältigende Energie extrahiert, die die schwarz-weissen Bilder vibrieren lässt. Alles scheint im Fluss, auch in den kleinformatigen Bildern aus der Tiefe eines offenbar strömenden Gewässers.

Noch bis 16. Juni, sam scherrer contemporary, Kleinstrasse 16, 8008 Zürich. www.samscherrer.ch

In der intensiven Auseinandersetzung mit dem Wasser, Grundlage allen Lebens, steckt Werner Casty in seinen neuen Zeichnungen das Feld ab und rüttelt damit an den grossen Fragen der menschlichen Existenz. (Valérie Arato Salzer)