Gegentrends zur Hau-den-Lukas-Kunst: Art Basel 2019

Das bezauberndste Werk an der diesjährigen Art Basel finde ich in der Sektion „Unlimited“. Dort werden jedes Jahr die besonders lauten, besonders grossen, besonders überwältigenden Stücke ausgestellt. In diesem Jahr beispielsweise eine riesige Peitsche von Monica Bonvicini aus dutzenden Gürteln, die von einer Maschine betrieben die Luft schlägt. Oder eine Autowaschmaschine, die Sperrholzautos nicht wäscht, sondern mit Farbe bespritzt. Oder die Geschichte der #metoo-Bewegung auf grossen roten Leinwänden, mit Anschuldigen an alle möglichen Täter, seien diese nun bestätigt oder bestritten. Kunst, die sich einem in den Weg stellt und durch ihre riesenhafte Präsenz unsere Aufmerksamkeit einfordert. 

Jochen Lempert. Botanical Box 2009-2019

Und doch ist das erwähnte bezauberndste Werk, obwohl bei „Unlimited“ angesiedelt, zart, ruhig, fragil gar. Jochen Lemperts rund 20 Fotografien, die meisten in einem weissen Raum mit Klebstreifen direkt an die Wand befestigt. Einige werden liegend in einer Vitrine präsentiert, als seien sie besonders empfindlich. Die Fotografien, althergebrachte Silbergelatine-Abzüge, zeigen unter dem Titel „Botanical Box“ Pflanzenstrukturen aber auch flüchtige Momente, wie den Rauch aus unbekannter Quelle oder das von einem Windstoss in die Höhe getriebene Laub. Kleinste Strukturen, wie ein an Rosmarin erinnernder Zweig, schwarz-weiss wie alle Bilder, in graziler Rhythmik festgehalten, erinnern mich daran, dass Kunst nicht nur Artefakt oder die kreative Rezeption von politischen und gesellschaftlichen Irrwegen darstellt, sondern schon immer präsent war und sich im Alltag manifestiert. 

Jochen Lempert. Botanical Box 2009-2019

Nun ist es noch lange keine Kunst, wenn ich eine Blume vor einem Autoreifen fotografiere. Wenn aber Jochen Lempert das macht, dann entsteht eine flüchtige Kunst, die sich nicht nur gegen all die Kapoors, Koons und Hirsts mit ihrer Hau-den-Lukas-Kunst behauptet. Vielmehr holt sie etwas wieder hervor, das sich kurz zuvor, bei der Ansicht eines bonbonfarbenen tonnenschweren Stahlherzens von Jeff Koons, aus Schreck tief in mir vergraben hat: Die Überzeugung, dass Kunst eine Aussage über die Welt macht, die wir anders nicht erfahren können.

Die Ästhetik der politischen Kunst

Politik ist auch ein beliebtes Feld, an dem Gegenwartskunst sich abarbeitet. Oft entstehen eher sinnflache Werke wie beispielsweise Donald Trump als «Tin Man of the Twenty-first Century», ein Werk der in den USA wohnenden kubanische Künstlerin Coco Fusco. Hin und wieder wird Politisches aber so intelligent in Kunst verwandelt, dass sich neue Zusammenhänge ergeben oder der Ruf nach Gerechtigkeit derart wahrhaftig ertönt wie bei EJ Hill. Selbst Opfer von rassistischen Vorurteilen glaubt der 1985 in Los Angeles geborene Künstler weiterhin an die «Macht der Repräsentation» und die «Möglichkeit der Heilung», wie er auf seiner Webseite schreibt. In seiner Installation an der Art Basel nimmt er Bezug auf die Ermordung des 12-jährigen Tamir Rice in Cleveland, der 2014 von einem Polizisten erschossen wurde, weil er mit einer Spielzeugpistole herumfuchtelte. 

Coco Fusco: Tin Man of the Twenty First Century

Hill erfindet eine «University of St. Tamir», mit Wandtafel, Uni-Logo und einem Schrein mit 12 Calla-Lilien, eine für jedes Lebensjahr von Tamir. Auf der Wandtafel steht in Leuchtbuchstaben «WE ARE NOT OUR PAIN». Die Uni ist ein Ideal, eine Hochschule für Benachteiligte, für Minoritäten. Erste Lektion: Wir sind nicht unser Schmerz! Auf der Rückseite der Wandtafel: Ein rosa Spiegel. Wer in ihn blickt, sieht die Welt rosa. Die Botschaft ist so einfach wie klar: Ohne Chancengleichheit in der Bildung werden weitere Opfer wie Tamir Rice unvermeidlich sein. 

EJ Hill: University of St. Tamir

EJ Hill hat einfache und doch subtile Wege gefunden, die Ungleichheiten in der amerikanischen Gesellschaft anzuprangern. Was seinen von ähnlichen Ansätzen unterscheidet ist, dass er in seiner Kunst Lösungen aufzeigt und Hoffnung macht. Es gibt Wege aus dem Dilemma. Ohne Zweifel ist Hill ein Künstler, der uns noch viel zu sagen hat; dank eines Werks, das die Ästhetik des Politischen auslotet. 

EJ Hill: University of St. Tamir. Installationsansicht

Folgende Bilder:
Tom Friedman: Balloon / Ugo Rondione: The Sun / David Knorr: Laundry / Steven Parrino: 13 Shattered Panels (for Joey Ramone)

Art Basel 2019. Noch bis zum 16. Juni.

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Pink hinter Gittern

Wie eine Farbe Karriere machte

Mühelos drückte der Studienleiter die ausgestreckten Arme des erstaunten Probanden nach unten. Sekunden zuvor hatte dieser dem Druck noch standhalten können. Was war passiert, in dem Experiment, das der Fotobiologe John N. Ott 1978 im kalifornischen Santa Ana durchführte?

Zunächst sollte der Proband seine Arme im rechten Winkel von sich strecken. Der Studienleiter versuchte daraufhin, die Arme wieder nach unten, zur Hüfte, zu drücken. Waren Studienleiter und Proband ähnlich kräftig, konnte der Proband den Druck während drei Sekunden aushalten, ohne ihm nachzugeben. Dann aber wurde ihm ein 60 x 90 cm grosser, rosafarbener Bogen Papier vor die Augen gehalten. Schlagartig liess die Kraft des Probanden nach und der Studienleiter drückte seine Arme nach unten.

Der Sozialbiologe Alexander G. Schauss berichtete ein Jahr später an einem medizinischen Kongress von diesem Experiment. Der Effekt konnte bei 151 von 153 Studienteilnehmern festgestellt werden. Schauss erzählte in der Folge auch von einem Test, den er selbst durchführen wollte. Bei Tierexperimenten sei bereits festgestellt worden, dass sich rosafarbenes Licht auf das Hormonsystem von Mäusen auswirke. Der genaue Grund für den Effekt konnte allerdings nicht geklärt werden. (mehr …)

 «Wenn ich male, bin ich glücklich»

Die in Beirut geborene Künstlerin und Schriftstellerin Etel Adnan wurde erst im Alter von 87 Jahren als Malerin entdeckt.. Nun ist sie über 90 und stellt in den grossen Museen der Welt aus. Das Zentrum Paul Klee in Bern widmet ihr eine Ausstellung.

Mit beinahe 90 Jahren als Malerin den Durchbruch zu schaffen, darauf hat Etel Adnan wahrscheinlich nicht hingearbeitet. Denn Adnan hatte bereits als Schriftstellerin Karriere gemacht, als sie vor sechs Jahren in Kassel mit ihren kleinformatigen Bildern einen eigenen Saal an der dOCUMENTA (13) ausstatten konnte. Seit vielen Jahre war die in Beirut aufgewachsene Tochter eines muslimischen Syrers und einer christlichen Griechin dank ihrer Bücher als politische Stimme bekannt. Der Roman Sitt Marie Rose über die Kriegswirren im Libanon machte sie in den 1980er-Jahren auch im Westen bekannt. Gemalt hat sie – parallel zum literarischen Werk – bereits seit den frühen 1960er-Jahren.

Nach einem Aufenthalt in Paris, wo sie Philosophie studiert hatte, zog sie damals nach Berkeley in Kalifornien. Dort schrieb sie an ihrer Dissertation und begann, Kunstphilosophie zu lehren. Eine Kollegin fragte sie, wie sie dies tun könne, ohne selbst zu malen. Adnan antwortete, ihre Mutter habe gesagt, dafür stelle sie sich zu ungeschickt an. «Und glauben Sie Ihrer Mutter?», habe die Kollegin gefragt. Dies war der Anlass, zu Zeichenstift und Pinsel zu greifen. Schon damals war Adnan fasziniert von Paul Klee und seinem Werk: «Als ich in den frühen 1960-Jahren begann zu malen, war der Künstler, der mich am meisten prägte, Paul Klee. Ich war sofort gefangen. Ich suchte nach seinen Bildern in Büchern und in Museen, wann immer es mir möglich war», notiert Adnan im Katalog zur Berner Ausstellung.

Der Berg als «bester Freund» (mehr …)

Das weisse Kätzchen zeigt sich nicht

Mit seinem Lehrer Joseph Beuys teilt Imi Knoebel unter anderem die Liebe zu skurrilen Ausstellungstiteln. Schon während seiner Zeit als Schüler des Übervaters in Düsseldorf entwickelte Knoebel aber eine eigene Kunstsprache, die er konsequent fortführte. Das offenbart die erste Einzelausstellung Knoebels in der Schweiz seit 20 Jahren im Zürcher Haus Konstruktiv. Besonders bildhaft wird es da, wo das Bild ganz verschwindet.

Knoebel, geboren 1940 in Dessau, lernte in Darmstadt den Künstler Rainer Giese kennen, mit dem gemeinsam er den Vornamen «Imi» annahm, der «Ich mit ihm» bedeuten sollte. Gemeinsam bezogen sie als Schüler von Joseph Beuys auch ein Atelier in der Düsseldorfer Kunstakademie, das Zimmer 19, gleich neben dem Unterrichtsraum von Beuys. «Raum 19» heisst denn auch eines der bekanntesten Werke von Knoebel, das es mittlerweile in drei Ausführungen gibt. Das in Zürich gezeigt «Raum 19 III» ist das grösste. Ein Konvolut aus Hartfaserplatten in Reih und Glied aufgestellt oder übereinandergestapelt. Dazu Winkel und Keilrahmen. Das Werk füllt das gesamte Erdgeschoss im Haus Konstruktiv; es überwältigt durch eine Fülle von Raum- und Formbezügen. (mehr …)

All die schönen Cragg-Rundumel. Ein Besuch der Art Basel.

Es ist ein Kreuz mit der Art Basel – und durchaus religiöses, wie wir sehen werden. Über 4‘000 Kunstwerke, dargeboten von 290 Galerien aus 35 Ländern. Und natürlich nur das Beste. Und das Teuerste. Was man den Galeristen nicht verdenken kann, machen sie doch in Basel einen Grossteil ihres Jahresumsatzes. Da muss geklotzt werden. Aber genau das ist für den Betrachter, der nur zum Schauen und nicht zum Kaufen kommt, das Dumme. Denn ja: Ich habe schon ganz viele sehr teure Hohlspiegel von Anish Kapoor gesehen. Sie haben mich noch nie fasziniert. Und werden es auch diesmal nicht tun. Und ja: Es ist zwar immer wieder schön, die Farben in Josef Albers Hommagen an das Quadrat neu zu entdecken. Aber ehrlich gesagt erscheinen sie nach einem Dutzend Kunstmessebesuchen nicht mehr ganz so überraschend. Und nochmals ja: Magritte war ein toller Maler. Warum eine Galerie dasselbe Bild wie letztes Jahr nochmals an die Messe bringt, wird dennoch nicht klar. Offenbar hat es sich ja damals schon nicht verkauft.

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Gischt auf Elba – Werner Casty bei Sam Scherrer

Die Galerie Sam Scherrer Contemporary zeigt aktuell neue Grafit-Zeichnungen des Schweizers Werner Casty. Bisher fiel Casty vor allem mit beinahe fotorealistischen Zeichnungen eher unbewegter Materie wie Felsen und Bäumen auf. Auch Schnee gehörte zu seinen bevorzugten Sujets. Nun hat sich der Aggregatzustand des Wassers geändert und aus Schnee wurde Gischt. Den Zeichnungen zugrunde liegen Fotos aus Elba. Resultat  ist eine Energie, die aus den festgefrorenen Momenten des Aufschäumens der Gischt eine überwältigende Energie extrahiert, die die schwarz-weissen Bilder vibrieren lässt. Alles scheint im Fluss, auch in den kleinformatigen Bildern aus der Tiefe eines offenbar strömenden Gewässers.

Noch bis 16. Juni, sam scherrer contemporary, Kleinstrasse 16, 8008 Zürich. www.samscherrer.ch

In der intensiven Auseinandersetzung mit dem Wasser, Grundlage allen Lebens, steckt Werner Casty in seinen neuen Zeichnungen das Feld ab und rüttelt damit an den grossen Fragen der menschlichen Existenz. (Valérie Arato Salzer)

Die Kunst des Verschwindens

Im Schaulager in Basel ist das Lebenswerk Bruce Naumans zu entdecken. Und damit eine Kunst, in der es immer um das Ganze geht.

Auf einer Farm in New Mexico bohrt ein Mann mit Cowboyhut mit einem Pfahlbohrer ein Loch in die Erde, um einen Pfosten zu versenken. Der Pfosten ist Teil eines Zauns. Der Mann arbeitet konzentriert und bedacht. Wir stehen im Basler Schaulager, einem weitläufigen Museumsbau, und schauen diesem Mann zu – wenn wir wollen eine Stunde lang. Aber: ist das Kunst? Und falls ja, ist es Kunst, weil der, dem wir zuschauen, Bruce Nauman ist, einer der einflussreichsten lebenden Künstler? Und falls es Kunst ist: Was macht sie mit uns?

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Die Sammlung Hahnloser: Zeugen einer Leidenschaft

Das Kunstmuseum Bern zeigt Hauptwerke einer Sammlung, die das Winterthurer Ehepaar Arthur und Hedy Hahnloser Anfang des 20. Jahrhunderts mit viel Leidenschaft und Qualitätsbewusstsein zusammengetragen hat. Neben Meisterwerken von Van Gogh, Cézanne und Renoir bietet die Schau bedeutende Werke der Postimpressionisten Vallotton und Bonnard. Daneben ermöglicht sie einen Blick in die Anfänge der Kunststadt Winterthur, deren Bestände sich vor denjenigen der grossen Schweizer Städte nicht zu verstecken brauchen.

Wer erfolgreich Kunst sammeln möchte, braucht entweder viel Geld oder einen Riecher für gute Qualität. Denn wer Mittel im Überfluss hat, kann Werke von etablierten Künstlern kaufen, die sich auf dem Markt bereits bewährt haben; ein relativ risikoloses – aber auch etwas langweiliges – Sammeln also. Wem aber für Ankäufe weniger freie Mittel zur Verfügung stehen, investiert bevorzugt in zeitgenössische, aufstrebende Künstler, deren Werke günstiger sind. Dabei ist es unabdingbar, ein sicheres Gespür für künstlerische Qualität zu haben, damit die Werke ihren Wert behalten oder steigern und nicht irgendwann bei zweitklassigen Auktionen für wenige hundert Franken verscherbelt werden oder schlimmstenfalls als Sperrmüll enden. Wer es gar schafft, mit wenig Geld Werke zu sammeln, die Jahrzehnte später in Museen gezeigt werden, hat eindeutig den richtigen Riecher.

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Vincent van Gogh: Le semeur, 1888. Fotografie: Reto Pedrini, Zürich

 

Dieses Gespür für „gute Kunst“ hatte zweifellos das Winterthurer Ehepaar Hedy und Arthur Hahnloser. Sie trugen zwischen 1906 und 1937 eine Sammlung zeitgenössischer Kunst zusammen, die ihresgleichen sucht und die man aktuell im Berner Kunstmuseum entdecken kann. Dort geniesst sie Gastrecht, während ihre angestammte Heimat, die Villa Flora in Winterthur, saniert wird.

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Chagall: Paris mon Amour

Nur wer glaubt, alles von Chagall zu kennen, wird enttäuscht sein. Im Neubau des Kunstmuseums Basel wird Chagalls erste Liebe zu Paris dargestellt. Mit „Die Jahre des Durchbruchs“ gelingt der Ausstellung ein fulminanter Blick auf die frühen Jahre, die jeder kennen sollte, der die späteren verstehen will.   

Marc Chagall, der damals noch Moishe Shagalov hiess, war soeben aus Witebsk, einem Provinz-Städtchen im heutigen Weissrussland, angereist, im Gepäck einige Bilder und Zeichnungen. Er hatte die Reise mit der festen Überzeugung angetreten, dass seine „Kunst Paris brauchte, so nötig wie der Baum das Wasser,“ wie er später in seinen Memoiren „Mein Leben“ schrieb. Doch der erhoffte nährende Segen der Stadt blieb zunächst aus. Chagall fühlte sich einsam in seiner Wohnung nahe des Gare Montparnasse. Nur die grosse Entfernung zwischen Paris und Witebsk hätten ihn davon abgehalten, sofort zurückzukehren. Das mangelnde Geld wohl auch.

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Familienaufstellung

Am 9. September 2017 lud die Galerie Sam Scherrer Contemporary zur Finissage ihrer Austellung mit Kunst von Viviana Chiosi.

Im Beitragsbild die Künstlerin in einem Podiumsgespräch mit der Winterthurer Kunsthistorikerin Lucia Angela Cavegn. Dabei konnte man beispielsweise erfahren, dass Chiosi ihre Werke schichtweise auf die Leinwände bringt und in ihren neuen Bildern auch aktuelle gesellschaftliche Fragen aufgreift.

Sowohl in der Themenwahl wie in der Farbgebung unterscheiden sich die ausgestellten Bilder von der eher eindimensionalen Fröhlichkeit ihrer früheren Arbeiten. Die typischen „Viecher“, wie Chiosi ihre Kreaturen selbst nennt, erhalten menschliche Körper und gehen Beziehungen zu ihrer Umwelt ein. Folgerichtig muten sie sich deshalb auch eine dritte Dimension zu und trauen sich als Familie in den Raum.

"Viecher" von V. Chiosi

„Viecher-Familie“ von V. Chiosi. Bild: Catharina Lüthy