Imaginiertes Beben

Warum der literarische Seismograph bei Jonas Lüschers Roman „Kraft“ nicht ausschlägt

Gegen Ende der in Jonas Lüschers Roman „Kraft“ erzählten Geschichte imaginiert der sich in Kalifornien befindende Protagonist gleichen Namens ein grosses Erdbeben, das San Francisco zerstört und eine das Silicon Valley überschwemmende Flutwelle auslöst. Die Natur schlägt zurück und vernichtet die dort ansässige moderne Elite, die sich um alle Naturgesetze foutiert und die Welt mit ihren technischen Erfindungen aus den Angeln hebt.

Der Tübinger Rhetorikprofessor Richard Kraft kam ins Silicon Valley und an die Stanford University auf Einladung eines Freundes aus Studientagen, um an einem wissenschaftlichen Wettbewerb teilzunehmen. Es soll die Frage beantwortet werden, warum alles, was ist, gut ist und wie wir die Welt dennoch verbessern können. Als Preisgeld für die beste Antwort sind eine Million Dollar ausgelobt. Kraft braucht das Geld dringend, um sich von seiner zweiten Frau scheiden lassen zu können. Alimente für die gemeinsamen Zwillinge wollen bezahlt werden. Auch aus der ebenfalls gescheiterten ersten Ehe sind finanzielle Belastungen zurückgeblieben. (mehr …)

Last Exit Fehmarn

Das Kunsthaus Zürich zeigt eine grosse Anzahl Werke des Brücke-Künstlers Ernst Ludwig Kirchner.

1911 zieht der Mitbegründer der Künstlergemeinschaft „Die Brücke“ Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) von Dresden nach Berlin. Die Sommermonate der folgenden Jahre verbringt er auf der Ostseeinsel Fehmarn, bis der Ausbruch des Ersten Weltkriegs der Idylle ein Ende bereitet. Nach einem physischen und psychischen Zusammenbruch im Jahr 1915 und mehreren Aufenthalten in diversen Sanatorien zieht Kirchner 1918 nach Davos, wo er bis zu seinem Freitod 1938 lebt. (mehr …)

Zwischen Fakt und Fake

Zum ersten Mal in der Schweiz zeigt das Migros Museum für Gegenwartskunst eine Werkschau der Kanadierin Liz Magor

In ihrer Heimat Kanada gehört die 1948 geborene Bildhauerin Liz Magor schon lange zu den etablierten Künstlerinnen. In Europa und notabene in der Schweiz ist sie noch weitgehend unbekannt. Das dürfte sich mit der Ausstellung „you you you“ ändern, die das Zürcher Migros Museum zeigt, und die später nach Hamburg weiterwandert.

In ihren in Zürich zu sehenden Arbeiten aus den 90-er Jahren bis heute setzt sich Magor mit der Materialität der Dinge und ihrer Bedeutung für uns auseinander. Was fasziniert uns im Alltag an den Kleidern, Möbeln und Gebrauchsgegenständen, die uns umgeben? Warum liebt uns unser Mantel manchmal mehr als unsere Mitmenschen, wie Magor einmal in einem Interview betonte: „The relationship with material things is a compensation for the lack of attention that we get from each other. I know my coat loves me.”

(mehr …)

Die Aufgabe der Künste

Ein Beitrag von Ludwig Luchs

Der Nationalismus führt die Länder Europas in die Sackgasse. Die Politiker sollten darauf Antworten finden, die Künstler dürfen die Fragen stellen.

Leben wir gerade in einer Zeitenwende? Das in Jahrzehnten gewachsene Europa sieht sich eingezwängt in Probleme, aus denen es sich nicht herauswinden kann. Gemeinsamkeiten werden von den Ländern zunehmend ignoriert, Nationalismen geben den Ton an. Und Amerika zeigt, wie es weitergehen soll: Mit dem Slogan „Make America Great Again“. Dabei ist Donald Trumps Motto ebenso substanzlos wie rückwärtsgewandt. Er erinnert an den Gedanken, Europa zu retten, indem auf Karl den Grossen rekurriert wird. Der Herrscher scharte Intellektuelle aus ganz Europa um sich und versuchte, auf antiken Bildungsscherben und christlichen Traditionen sein Reich zu konsolidieren. Ein heute proklamiertes christliches Abendland wäre angesichts der vielfältigen kulturellen Einflüsse in Europa zum Scheitern verurteilt. (mehr …)

Von der Allmacht der Zeit

Als Gast des Kaisers von China entwirft der weltbeste Uhrmacher Alister Cox aussergewöhnliche Automaten und versucht, über den Mysterien der Zeit den Tod seiner Tochter zu überwinden. Christoph Ransmayr schreibt über das Wesen der Zeit.

Der britische Uhrmacher und Automatenbauer Alister Cox, mit 900 Angestellten ein Grossunternehmer in Sachen Zeit und Lieferant vieler Königshäuser, segelt im 18. Jahrhundert gen Osten, nachdem er von Gesandten des Kaisers von China mit drei seiner besten Mitarbeiter eingeladen wurde. Cox soll dort innerhalb von zwei Jahren die weltberühmte Uhrensammlung des Kaisers mit den raffiniertesten Zeitmessern vervollständigen, die bis anhin ersonnen wurden.

Qianlong, der Kaiser, erweist sich als weitgehend unsichtbarer Auftraggeber, der seine Befehle, als Wünsche getarnt, durch den chinesischen Übersetzer Kiang ausrichten lässt. Der Kaiser herrscht absolutistisch, ist allmächtig, lässt kleinen Betrügern die Nase abschneiden (die grausame Beschreibung dieser blutigen Bestrafung eröffnet den Roman), sieht sich als Herrscher über Zeit und Welt. Er versucht, sich gar die Natur untertan zu machen, verlängert den Sommer bis in den Winter hinein, wenn es nötig scheint.

Doch er stösst an seine Grenzen: Das Wetter, der eigene Körper, die Zeit: Die Naturgesetze kann auch ein Kaiser nicht aushebeln, der sich als allmächtiger Herrscher sieht.  An den Zwängen der Natur scheitert der Allmachtsanspruch. Christoph Ransmayr zeigt die absurde Auflehnung gegen den Lauf der Welt in kurzen, meisterhaften Episoden innerhalb des Romans.

(mehr …)

Haus Liechtenstein gibt sich die Ehre

Die Fürstlichen Sammlungen im Kunstmuseum Bern

Der Fürst lädt ein und alle kommen nach Bern, ins Kunstmuseum. Dort zeigt das Haus Liechtenstein eine Auswahl von 200 Werken aus der eigenen Kunstsammlung, die durch seine Würdenträger über vier Jahrhunderte zusammengetragen wurde. Wobei der Singular hier scheinbar fehl am Platz ist. „Liechtenstein. Die fürstlichen Sammlungen“ heisst die Ausstellung. Plural sei es, obwohl nicht klar wird, wo in dieser Ausstellung die eine Sammlung aufhören und die andere beginnen soll.

jenik_fursten

Anton Jenik: Fürst Johann I. von Liechtenstein mit seiner Familie. Detail.

Dass alle Sammlung mit den Fürsten des Hauses beginnt, wird hingegen schnell klar. Da umringen auf einem grossformatigem Bild von zweifelhafter Qualität die männlichen Familienmitglieder von Fürst Johann I. (1760-1836) mit geröteten Wangen ihren Chef, während die Damen züchtig auf der anderen Seite des Raumes gruppiert wurden, begleitet von einigen hübsch beschnautzten Kavalieren. Warum sich das irgendjemand anschauen sollte, bleibt schleierhaft – es sein denn, um sich der grossartigen Geschichte des Fürstenhauses bewusst zu werden. (mehr …)

Die Notwendigkeit des Handelns

Ein Beitrag von Ludwig Luchs

Ich mag ja gerne glauben, dass Donald Trump nun präsidial wird; dass er sich nicht mehr so gebärden kann wie zu Wahlkampfzeiten; dass der moralisch Unflätige eigentlich der Journalist ist, der die „Pussy-Aufnahme“ von Trump an die Öffentlichkeit brachte (und nicht etwa der president elect, der „boys-talk“ über die einfache Verfügbarkeit von Frauen von sich gab); dass man sich über die Ohrfeige fürs Establishment freuen sollte, dass das amerikanische System von „checks and balances“ Trump in die Schranken weisen wird; dass ein wenig Know-how in Betriebswirtschaft der amerikanischen Politik ganz gut tun wird; dass Donald Trump schnell lernt; dass bereits die Wahl von Washington-Insidern für sein „transition-team“ sein Unvermögen aufzeigt, sich vom Establishment zu lösen – kurz: dass alles nicht so schlimm kommen wird, wie von vielen Menschen, von links über grün bis zu liberal eingemittet, befürchtet.

Aber: Es wird so schlimm kommen. Denn das amerikanische Volk hat am 9. 11.2016 nicht einen neuen Charakter für Donald Trump gewählt, sondern ebendiesen Siebzigjährigen darin bestärkt, dass sein Charakter geeignet sei, ihn ins höchste Amt zu führen. Warum sollte Trump sich jetzt das Mäntelchen des Moderaten umhängen? Deshalb ist es gefährlich, seine Sprüche der vergangenen Monate in die Mottenkiste der zugespitzten Wahlkampf-Aussagen zu verstauen. (mehr …)

Ausgestopfter Schrecken: Cattelan in Paris

Maurizio Cattelan ist fünf Jahre nach dem Beginn seines selbsternannten Vorruhestandes – den er 2011 mit einer fulminanten Retrospektive all seiner Kunstwerke in New York einläutete – auf die Kunstbühne zurückgekehrt; von der er natürlich nie wirklich verschwunden war.

2013 stellte er fünf kopflose, an der Wand befestigte Pferde unter dem Titel „Kaputt“ in der Fondation Beyeler in Riehen aus. Und erntete damit mitunter harsche Kritik, so in der FAZ, die ihm vorwarf, „schweifwedelnd“ den Kunstmarkt mit sommerlochfüllenden Blödeleien zu bedienen. Im Frühling 2016 liess Cattelan die Schweizer Rollstuhl-Athletin Edith Wolf-Hunkeler im Rahmen der Manifesta über den Zürichsee paddeln – eine reichlich misslungene Performance, inhaltlich wie in der Ausführung.

Jetzt meldet er sich also offiziell zurück, in einer kleineren Retrospektive bekannter Werke in der Monnaie de Paris, der Münzprägeanstalt am Quai de Conti mit ihren neoklassizistisch-prachtvollen Räumen. (mehr …)

Kunst Zürich: Die Suche nach dem „gap“

„It’s not what you see that is art, art is the gap“. Dieses Zitat wird, zurecht oder nicht, Marcel Duchamp zugeschrieben, dem Erfinder des ready-made. Mit diesem Zitat im Kopf ging ich an die Kunst Zürich, die jährliche Kunstmesse in einer alten Industriehalle in Zürich Oerlikon, und ich machte mich auf die Suche nach der Lücke, dem Spalt, dem Ausgesparten, ja dem Unausgesprochenen.

Eingeladen war ich von der Galerie sam scherrer contemporary, darum starten wir die Suche nach dem gap auch hier. Zu den langjährigen Bestsellern der Galerie gehören die Kopf&Hals-Tiere von Viviana Chiosi, die eine Mischung von Hase und Manga-Figur zu sein scheinen. Versehen mit aktuellen Referenzen (an der Messe hängt eine Figur, deren Torso mit einer Westwing-Werbung versehen ist, und die auf den online-Kaufrausch verweist, der einen giftgrün werden lässt) zeigen sie die Lücke zwischen Wunsch und Erfüllung, zwischen Ideal und Realität auf. Hinter der auf den ersten Blick lustigen Comic-Figur lauern die Verfremdungen heutiger Lebensläufe. (mehr …)

Urwüchsige Natur an der Place Vendôme

Die Place Vendôme, einer der „königlichen Plätze“ von Paris zeichnet sich durch eine klare Symmetrie, eine architektonische Strenge der sie umgebenden Gebäude und eine Distinguiertheit der Passanten aus, die ins Ritz hinein- oder hinausschlendern oder eines der Luxusgeschäfte betreten, um für mehrere Tausend Euro eine Uhr zu erstehen.

Der Schweizer Künstler Ugo Rondinone bricht nun mit diesem versteinerten Klassizismus des Platzes und seiner Benutzer. Im Rahmen der FIAC haben sich verschiedene Galerien zusammengetan, um zwei grosse Installationen von Rondinone auf dem Platz zu ermöglichen. Auf der eine Seite der Achse, die den Platz in zwei teilt, stehen fünf grosse Olivenbäume aus Aluminium, deren grotesk verzweigten Äste gegen die klaren Winkel der Stadthäuser das Chaos antanzen lassen. Urwüchsige Natur gegen steingewordene Machtansprüche. Ein Erlebnis, vor allem vor stahlblauem Pariser Herbsthimmel.

Auf der anderen Seite, vor dem Hotel Ritz, stellt Rondinone atavistische Sandsteingestalten auf, grosse Verwandte des kleinen blauen Totems von A.R. Penck, das an der FIAC zu sehen war. Ein Gruss aus der Vorzeit in dieses bürgerliche Paris, das auf so viel aufgeklärte Geschichte zurückblickt. Ein Hauch von Anarchie in der erstarrten Vernunft.