«Wenn ich male, bin ich glücklich»

Die in Beirut geborene Künstlerin und Schriftstellerin Etel Adnan wurde erst im Alter von 87 Jahren als Malerin entdeckt.. Nun ist sie über 90 und stellt in den grossen Museen der Welt aus. Das Zentrum Paul Klee in Bern widmet ihr eine Ausstellung.

Mit beinahe 90 Jahren als Malerin den Durchbruch zu schaffen, darauf hat Etel Adnan wahrscheinlich nicht hingearbeitet. Denn Adnan hatte bereits als Schriftstellerin Karriere gemacht, als sie vor sechs Jahren in Kassel mit ihren kleinformatigen Bildern einen eigenen Saal an der dOCUMENTA (13) ausstatten konnte. Seit vielen Jahre war die in Beirut aufgewachsene Tochter eines muslimischen Syrers und einer christlichen Griechin dank ihrer Bücher als politische Stimme bekannt. Der Roman Sitt Marie Rose über die Kriegswirren im Libanon machte sie in den 1980er-Jahren auch im Westen bekannt. Gemalt hat sie – parallel zum literarischen Werk – bereits seit den frühen 1960er-Jahren.

Nach einem Aufenthalt in Paris, wo sie Philosophie studiert hatte, zog sie damals nach Berkeley in Kalifornien. Dort schrieb sie an ihrer Dissertation und begann, Kunstphilosophie zu lehren. Eine Kollegin fragte sie, wie sie dies tun könne, ohne selbst zu malen. Adnan antwortete, ihre Mutter habe gesagt, dafür stelle sie sich zu ungeschickt an. «Und glauben Sie Ihrer Mutter?», habe die Kollegin gefragt. Dies war der Anlass, zu Zeichenstift und Pinsel zu greifen. Schon damals war Adnan fasziniert von Paul Klee und seinem Werk: «Als ich in den frühen 1960-Jahren begann zu malen, war der Künstler, der mich am meisten prägte, Paul Klee. Ich war sofort gefangen. Ich suchte nach seinen Bildern in Büchern und in Museen, wann immer es mir möglich war», notiert Adnan im Katalog zur Berner Ausstellung.

Der Berg als «bester Freund» (mehr …)

Advertisements

Das weisse Kätzchen zeigt sich nicht

Mit seinem Lehrer Joseph Beuys teilt Imi Knoebel unter anderem die Liebe zu skurrilen Ausstellungstiteln. Schon während seiner Zeit als Schüler des Übervaters in Düsseldorf entwickelte Knoebel aber eine eigene Kunstsprache, die er konsequent fortführte. Das offenbart die erste Einzelausstellung Knoebels in der Schweiz seit 20 Jahren im Zürcher Haus Konstruktiv. Besonders bildhaft wird es da, wo das Bild ganz verschwindet.

Knoebel, geboren 1940 in Dessau, lernte in Darmstadt den Künstler Rainer Giese kennen, mit dem gemeinsam er den Vornamen «Imi» annahm, der «Ich mit ihm» bedeuten sollte. Gemeinsam bezogen sie als Schüler von Joseph Beuys auch ein Atelier in der Düsseldorfer Kunstakademie, das Zimmer 19, gleich neben dem Unterrichtsraum von Beuys. «Raum 19» heisst denn auch eines der bekanntesten Werke von Knoebel, das es mittlerweile in drei Ausführungen gibt. Das in Zürich gezeigt «Raum 19 III» ist das grösste. Ein Konvolut aus Hartfaserplatten in Reih und Glied aufgestellt oder übereinandergestapelt. Dazu Winkel und Keilrahmen. Das Werk füllt das gesamte Erdgeschoss im Haus Konstruktiv; es überwältigt durch eine Fülle von Raum- und Formbezügen. (mehr …)

All die schönen Cragg-Rundumel. Ein Besuch der Art Basel.

Es ist ein Kreuz mit der Art Basel – und durchaus religiöses, wie wir sehen werden. Über 4‘000 Kunstwerke, dargeboten von 290 Galerien aus 35 Ländern. Und natürlich nur das Beste. Und das Teuerste. Was man den Galeristen nicht verdenken kann, machen sie doch in Basel einen Grossteil ihres Jahresumsatzes. Da muss geklotzt werden. Aber genau das ist für den Betrachter, der nur zum Schauen und nicht zum Kaufen kommt, das Dumme. Denn ja: Ich habe schon ganz viele sehr teure Hohlspiegel von Anish Kapoor gesehen. Sie haben mich noch nie fasziniert. Und werden es auch diesmal nicht tun. Und ja: Es ist zwar immer wieder schön, die Farben in Josef Albers Hommagen an das Quadrat neu zu entdecken. Aber ehrlich gesagt erscheinen sie nach einem Dutzend Kunstmessebesuchen nicht mehr ganz so überraschend. Und nochmals ja: Magritte war ein toller Maler. Warum eine Galerie dasselbe Bild wie letztes Jahr nochmals an die Messe bringt, wird dennoch nicht klar. Offenbar hat es sich ja damals schon nicht verkauft.

(mehr …)

Gischt auf Elba – Werner Casty bei Sam Scherrer

Die Galerie Sam Scherrer Contemporary zeigt aktuell neue Grafit-Zeichnungen des Schweizers Werner Casty. Bisher fiel Casty vor allem mit beinahe fotorealistischen Zeichnungen eher unbewegter Materie wie Felsen und Bäumen auf. Auch Schnee gehörte zu seinen bevorzugten Sujets. Nun hat sich der Aggregatzustand des Wassers geändert und aus Schnee wurde Gischt. Den Zeichnungen zugrunde liegen Fotos aus Elba. Resultat  ist eine Energie, die aus den festgefrorenen Momenten des Aufschäumens der Gischt eine überwältigende Energie extrahiert, die die schwarz-weissen Bilder vibrieren lässt. Alles scheint im Fluss, auch in den kleinformatigen Bildern aus der Tiefe eines offenbar strömenden Gewässers.

Noch bis 16. Juni, sam scherrer contemporary, Kleinstrasse 16, 8008 Zürich. www.samscherrer.ch

In der intensiven Auseinandersetzung mit dem Wasser, Grundlage allen Lebens, steckt Werner Casty in seinen neuen Zeichnungen das Feld ab und rüttelt damit an den grossen Fragen der menschlichen Existenz. (Valérie Arato Salzer)

Die Kunst des Verschwindens

Im Schaulager in Basel ist das Lebenswerk Bruce Naumans zu entdecken. Und damit eine Kunst, in der es immer um das Ganze geht.

Auf einer Farm in New Mexico bohrt ein Mann mit Cowboyhut mit einem Pfahlbohrer ein Loch in die Erde, um einen Pfosten zu versenken. Der Pfosten ist Teil eines Zauns. Der Mann arbeitet konzentriert und bedacht. Wir stehen im Basler Schaulager, einem weitläufigen Museumsbau, und schauen diesem Mann zu – wenn wir wollen eine Stunde lang. Aber: ist das Kunst? Und falls ja, ist es Kunst, weil der, dem wir zuschauen, Bruce Nauman ist, einer der einflussreichsten lebenden Künstler? Und falls es Kunst ist: Was macht sie mit uns?

(mehr …)

Die Sammlung Hahnloser: Zeugen einer Leidenschaft

Das Kunstmuseum Bern zeigt Hauptwerke einer Sammlung, die das Winterthurer Ehepaar Arthur und Hedy Hahnloser Anfang des 20. Jahrhunderts mit viel Leidenschaft und Qualitätsbewusstsein zusammengetragen hat. Neben Meisterwerken von Van Gogh, Cézanne und Renoir bietet die Schau bedeutende Werke der Postimpressionisten Vallotton und Bonnard. Daneben ermöglicht sie einen Blick in die Anfänge der Kunststadt Winterthur, deren Bestände sich vor denjenigen der grossen Schweizer Städte nicht zu verstecken brauchen.

Wer erfolgreich Kunst sammeln möchte, braucht entweder viel Geld oder einen Riecher für gute Qualität. Denn wer Mittel im Überfluss hat, kann Werke von etablierten Künstlern kaufen, die sich auf dem Markt bereits bewährt haben; ein relativ risikoloses – aber auch etwas langweiliges – Sammeln also. Wem aber für Ankäufe weniger freie Mittel zur Verfügung stehen, investiert bevorzugt in zeitgenössische, aufstrebende Künstler, deren Werke günstiger sind. Dabei ist es unabdingbar, ein sicheres Gespür für künstlerische Qualität zu haben, damit die Werke ihren Wert behalten oder steigern und nicht irgendwann bei zweitklassigen Auktionen für wenige hundert Franken verscherbelt werden oder schlimmstenfalls als Sperrmüll enden. Wer es gar schafft, mit wenig Geld Werke zu sammeln, die Jahrzehnte später in Museen gezeigt werden, hat eindeutig den richtigen Riecher.

Bild10_van_Gogh_semeur

Vincent van Gogh: Le semeur, 1888. Fotografie: Reto Pedrini, Zürich

 

Dieses Gespür für „gute Kunst“ hatte zweifellos das Winterthurer Ehepaar Hedy und Arthur Hahnloser. Sie trugen zwischen 1906 und 1937 eine Sammlung zeitgenössischer Kunst zusammen, die ihresgleichen sucht und die man aktuell im Berner Kunstmuseum entdecken kann. Dort geniesst sie Gastrecht, während ihre angestammte Heimat, die Villa Flora in Winterthur, saniert wird.

(mehr …)

Chagall: Paris mon Amour

Nur wer glaubt, alles von Chagall zu kennen, wird enttäuscht sein. Im Neubau des Kunstmuseums Basel wird Chagalls erste Liebe zu Paris dargestellt. Mit „Die Jahre des Durchbruchs“ gelingt der Ausstellung ein fulminanter Blick auf die frühen Jahre, die jeder kennen sollte, der die späteren verstehen will.   

Marc Chagall, der damals noch Moishe Shagalov hiess, war soeben aus Witebsk, einem Provinz-Städtchen im heutigen Weissrussland, angereist, im Gepäck einige Bilder und Zeichnungen. Er hatte die Reise mit der festen Überzeugung angetreten, dass seine „Kunst Paris brauchte, so nötig wie der Baum das Wasser,“ wie er später in seinen Memoiren „Mein Leben“ schrieb. Doch der erhoffte nährende Segen der Stadt blieb zunächst aus. Chagall fühlte sich einsam in seiner Wohnung nahe des Gare Montparnasse. Nur die grosse Entfernung zwischen Paris und Witebsk hätten ihn davon abgehalten, sofort zurückzukehren. Das mangelnde Geld wohl auch.

(mehr …)

Familienaufstellung

Am 9. September 2017 lud die Galerie Sam Scherrer Contemporary zur Finissage ihrer Austellung mit Kunst von Viviana Chiosi.

Im Beitragsbild die Künstlerin in einem Podiumsgespräch mit der Winterthurer Kunsthistorikerin Lucia Angela Cavegn. Dabei konnte man beispielsweise erfahren, dass Chiosi ihre Werke schichtweise auf die Leinwände bringt und in ihren neuen Bildern auch aktuelle gesellschaftliche Fragen aufgreift.

Sowohl in der Themenwahl wie in der Farbgebung unterscheiden sich die ausgestellten Bilder von der eher eindimensionalen Fröhlichkeit ihrer früheren Arbeiten. Die typischen „Viecher“, wie Chiosi ihre Kreaturen selbst nennt, erhalten menschliche Körper und gehen Beziehungen zu ihrer Umwelt ein. Folgerichtig muten sie sich deshalb auch eine dritte Dimension zu und trauen sich als Familie in den Raum.

"Viecher" von V. Chiosi

„Viecher-Familie“ von V. Chiosi. Bild: Catharina Lüthy

Die Suche nach Identität

Wer sind wir? Und wohin bewegen wir uns? Diesen Fragen geht das Lucerne Festival seit dem 11. August bis zum 10. September 2017 musikalisch nach. 

Während der Klassik-Saison vom Herbst bis zum Frühjahr steht die Stadt Luzern jeweils ein wenig im Schatten des tonangebenden Zürich. Da spielt das heimische Luzerner Sinfonieorchester im städtischen Kultur- und Kongresszentrum (KKL) oft für ein Publikum, das vor allem aus der Innerschweiz anreisen. Ausnahmen bilden Abende, wenn Weltstars nach Luzern kommen, um die hervorragende Akustik des KKL für die eigenen Klänge zu nutzen. Bei Auftritten von Musikerinnen wie die Cellistin Sol Gabetta und die Pianistin Hélène Grimaud sind die Ränge des grossen Saals gefüllt.

Die grossen Namen sind es auch, die Luzern jeweils im Sommer alle Konkurrenten um das Klassikpublikum überrunden lassen. Zum Lucerne Festival, das sommers in Luzern stattfindet, sind die Stühle auf der Bühne mit virtuosen Musikern besetzt und die freien Plätze im Zuschauerraum rar. Seit der Gründung durch den weltberühmten Dirigenten Arturo Toscanini im Jahr 1938 ziehen die grossen Namen der Klassikwelt ein internationales Publikum in den Bann, das den Besuch des Festivals oft mit einem Kurzurlaub am Vierwaldstättersee verbindet. (mehr …)

Mehr Kunst geht nicht

Bei der Art Basel gibt’s alles, was man sich wünscht. Nur kann es kaum jemand bezahlen.

Die Art Basel und ich freunden uns an. 2016 durfte ich noch nicht als Pressevertreter hin, dieses Jahr hat die Medienabteilung den überragenden Wert der Zürcher Miszellen als Multiplikator erkannt und ich konnte mir einen Press Badge abholen. Ich blieb natürlich cool, obwohl ich jetzt an der Vortüre zum Kunsthimmel war. Warum Vortüre? Weil mir der Zugang nur zu den Public Days gewährt wurde. Für die zwei Preview-Tage muss ich noch an meinem VIP-Status arbeiten. Was mit dem folgenden Text in Angriff genommen wird.

Sollst man hinfahren?

Lohnt sich der ganze Aufwand denn? Immerhin muss man nach Basel fahren und dort stundenlang nach einem Parkplatz suchen. Danach drückt man sich mit Tausenden von Menschen, die alle viel wichtiger sind als man selbst und darüber hinaus noch viel mehr Geld, tolle Freunde und eine eigene, durch nichts zu erschütternde Meinung zu jedem Kunstwerk haben, durch stickige Hallen. (mehr …)