Rosales: Tobias

Tod, Trost und Schönheit im Prado in Madrid

(Anmerkung Nov. 2016: Der Prado hat die Links geändert. Darum verweisen die Links im Artikel nicht mehr auf die erwähnten Bilder. Ich werde beizeiten eine Galerie einbauen. Ich entschuldige mich für den nun fehlenden grafischen Mehrwert)

Dreimal wird er beinahe umgebracht im Prado: Isaak droht jeweils durch die Hand seines Vaters umzukommen. Doch dreimal greift der Engel rechtzeitig ein und hält Abraham von der Opferung des Sohnes ab. Zweimal wirft sich dabei der Engel, seiner Unverwundbarkeit gewiss, beinahe ins Schwert, bei Domenichino und bei Veronese. Dort stürzt der von Gott Gesandte gar kopfüber ins Bild und Isaak leidet bereits an angstbedingen Magenkrämpfen. Ganz anders bei Andrea del Sarto. In einer Kopie eines eigenen Bildes, das in Dresden hängt, zeigt del Sarto, dass im wahrsten Sinne des Wortes ein Fingerzeig des Himmelsboten genügen müsste, um Abraham vom Sohnesmord abzuhalten. Isaak blickt denn auch in seiner klassischen Pose mit angewinkeltem Knie etwas optimistischer in die Zukunft als bei Veronese.

Engel greifen im Prado hin und wieder ein, so auch bei Eduardo Rosales‘ Tobias y el angel, in dessen Bild der Schutzengel Tobias tröstend in den Armen hält, da dieser gemäss der Bibel von einem grossen Fisch angegriffen wird. Ganz so furchteinflössend fiel der Fisch bei Rosales allerdings nicht aus. Umso berührender das ruhige Gesicht des Engels, in dessen Armen Tobias die Furcht genommen wird.

Ebensoviel Wärme strahlt Luis de Morales’ heilige Jungfrau aus. Unter den Dutzenden Jungfrauen mit Kind – man fühlt sich in solchen Museen immer wie in einer kuriosen Jungfrauenmitkindserienproduktion – rührt dieses die Seele an. Es mag zwar etwas sehr offensichtlich von da Vinci inspiriert sein (was sogar einem Laien wie mir auffällt), aber die Intimität zwischen Mutter und Kind löst die Szene aus dem religiösen Kontext und zeigt ein zeitloses Bild einer Mutter-Kind-Bindung.

Auch in Correggios Mariendarstellung im Prado ist diese Mutterliebe spürbar, wenn auch der blaue Farbton hier Kühle und bereits eine Vorahnung des Schicksals bringt.

Ganz ohne die Hilfe der Religion muss sich bei Veronese ein Junge zwischen Tugend und Laster entscheiden. Im Spätwerk von Veronese handgreiflicher dargestellt, wird das Thema hier mit viel Einfühlungsvermögen behandelt. Zögerlich nur, aber ohne äussere Gewalteinwirkung, folgt der Junge der Tugend, die ihm die Hand entgegenstreckt. Noch kann er sich nicht überwinden, sie zu ergreifen. Auch wenn die Augen und der geneigte Kopf bereits symbolisieren, dass er sich in sein Schicksal, den rechten Weg zu begehen, schickt, so scheint er doch kurz den entgangenen Freuden nachzusinnen.

Ein starker Charakter macht noch nicht schön

Aus rein familiären Gründen sind mir die Catharinas aufgefallen, die im Prado zu sehen sind. Ein besonders eindrückliches Exemplar der Heiligen ist dabei Fernando Yáñez de la Almedina gelungen, der sie mit all ihren Attributen farbenprächtig darstellt.

Dass ein starker Charakter sich nicht zwingend in einem gefälligen Äusseren niederschlagen muss, zeigen eindrucksvoll einige Vertreter der versammelten spanischen Herrscherdynastien. Fernando VII, von Goya im königlichen Umhang dargestellt, ist ebenso weit vom strahlenden Herrscher mit reinen Gesichtszügen entfernt, wie der Inhaber des Spanischen Throns einige Jahrhunderte früher, Felipe IV, der von Velázquez gemalt wurde. Die habsburgischen Eigenheiten wurden dominant vererbt, wie in den den Bildern seiner Söhne, dem früh verstorbenen Baltasar Carlos von Velázquez und dem Nachfolger auf dem Thron, Carlos II, von Juan Carreño de Miranda erkennbar ist. Alle Versuche der Hofmaler, die klassische habsburgische Physiognomie zu schönen, mussten der Realität Tribut zollen. Wer sich in das Protrait von von Carlos II vertieft, ist nicht überrascht, dass dieser ohne Nachkommen blieb.

Kürzlich besuchte ich die Ausstellung von Charles Ray in Basel. Ein Unbehagen beschlich mich, als ich die Skulpturen der schlafenden Obdachlosen oder des spielenden Kindes umrundete. Gern hätte ich sie gefragt, ob ich an ihrer Versenkung teilhaben dürfe. Da sie die Antwort schuldig blieben müssen, blieb mir nur die durchaus lustvolle Beklemmung des Voyeurs.

Wie anders erlebte ich nun die Konfrontation mit einer Skulptur von Agustín Querol y Subirats. Sie zeigt eine Mutter, die sich im Angesicht der Bedrohung durch feindliche Truppen selbst das Messer in die Brust stösst, nachdem sie bereits ihr Kind tötete, damit es nicht dem Feind in die Hände falle. Das Kind ist mit bizarr von sich gestreckten Gliedern aus demselben Marmorblock gearbeitet und der Mutter wahrhaft auferlegt worden. Selten wurden die Schrecken des Krieges, der gerade jetzt seine grausigen Tatzen in die Tore unser so friedvollen mitteleuropäischen Existenz schlägt, erschütternder herausgearbeitet.

Spiegelung grausamer Aktualitäten

Während die Bilder von tödlichen Bedrohungen der Neuzeit in meinem Kopf schwirren, betrachte ich das Bild von Antoni Gisbert, das die Erschiessung von José María Torrijos und seinen Gefährten zeigt, die während der autokratischen Regentschaft von Fernando VII mit liberaler Gesinnung nach Spanien reisen wollte, am Strand von Malaga aber standrechtlich erschossen wurden. Die Gefasstheit, mit der die noch lebenden Männer im Jahr 1831 ihrem Schicksal in Form der bereit exekutierten Freunde entgegensehen, erinnert an die medial verbreiteten Standbilder der Mördervideos, die sich im Sommer 2014 im Internet breit machten.

Torrijos entkam übrigens nur knapp den Erschiessungen nach dem Aufstand am 2. Mai 1808. Auch an diese Exekution erinnert ein Bild, weitaus bekannter, da von Francisco de Goya. Wer diese beide Bilder sieht, die angesichts der unmenschlichen Handlungen in der Welt eine beklemmende Aktualität gewinnen, sollte für immer von der Verblendung geheilt sein, dass die Exekution Andersdenkender die Welt verbessert!

Womit wir bei den Ikonen des Prado wären, die ubiquitär und ausreichend beschrieben und gefeiert wurden. Goya, El Greco, Velázquez, Ribera, Murillo: Jede Werkgruppe wäre alleine eine Reise nach Madrid wert. Velázquez Las Meninas ist – nicht zuletzt dank seiner Interpretationen von Foucault und Nachfolgern – überwältigend in seinen Aussagen zur Autorschaft in der Malerei. Goyas Pinturas negras ziehen in ihren Bann und verdienten, einen Tag nur mit ihnen im Prado zu verbringen. Caravaggios David und Goliath übertrifft jede Reproduktion in Lichtgebung und der Fähigkeit, einen direkten Zugang zu unserer Seele zu finden.

Wer vor allen Werken defiliert ist, wird im letzten Raum mit den beiden fauchenden Katzen Goyas belohnt. Eine Aufregung zum Schluss, die mit dem Wunsch, bald wiederzukehren zum Ausgang treibt, um im nahen und wunderbaren Café del Principe einen beruhigenden Schluck Albariñio zu trinken und an Juan Fernández’ Bodegón con cuatro racimos de uvas zu denken.

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