franzos

Das Bistro als Simulation: Der „Franzos“ in Zürich

Wer am Zürcher Limmatquai den „Franzos“ betritt, meint sich im Bistro. Doch ist er das wirklich?

Als ich kürzlich durch Madrid schlenderte, bin ich an einem Fondue-Restaurant vorbeigekommen. Gleich ergriff mich die grosse Liebe zu meiner Heimat, denn erst in der Fremde merkt man ja, was man an seinem Vaterland hat.

Ähnlich muss es den Franzosen in Zürich an bald jeder zweiten Strassenecke gehen. Schiessen doch die Bistros und Brasserien wie Champignons aus dem Boden. Einer dieser neuen Franzosen heisst praktischerweise „Franzos“; praktisch, weil die Gäste sagen können „ich gehe zum Franzos“, so wie „ich gehe zum Italiener“ oder zum Chinesen oder Bolivianer, je nach Gusto und Angebot.

Intelligente Namenswahl lässt auf intelligente Eltern oder auf gutes Marketing schliessen. Sicher ist letzteres, falls es denn stimmt, dass der eine Vater des Franzos ein Marketing-Fachmann und Inneneinrichter beim Luxuskaufhaus Globus war – und die machen das ja süpärb, wie die Zielgruppe vom Züriberg sagen würde.

Warum also sollte man bei Sehnsucht nach etwas Welschem in den Franzos am Limmatquai sitzen, statt in den TGV, der einen vom nahen Hauptbahnhof in wenigen Stunden nach Frankreich bringt? Bei näherem Hinsehen, -fühlen und -schmecken gibt es schon ein paar Gründe dafür:

  • Der Franzos ist näher als die Grande Nation.
  • Die netten Garçons und Garçonnes bringen hervorragenden Wein (Sancerre, Chablis, Bordeaux und löblicherweise gar blanc cassis, den man in vielen Zürcher Bars nicht mehr bestellen kann, weil die Kellner noch nie davon gehört haben) oder Bier (1664) an die kleinen Tische. Und das Essen schmeckt ausgezeichnet: Teller mit Käse und Wurst, Tapenade d’olives, Rillettes (Pottsuse für meine deutschen Leser). Naturellement darf auch der Chèvre chaud nicht fehlen, der mit viel knackigem Salat kommt.
  • Die Atmosphäre: Der schlauchartige Raum hat schon einige Gastrokonzepte gesehen, aber sicher noch kein so liebenswertes. Die Wandtafel mit den Speisen hat sich ja mittlerweile entfranzösisiert und findet sich in Restaurants jedweder Nationalität wieder. Klarer gebrandet sind die Bilder. In Petersburger Hängung grüssen von der Längswand Altstars wie Brigitte Bardot, der Spatz von Paris und natürlich Bébel, ergänzt von Werbeplakaten wie für das (den?) unvermeidliche Suze (Mail an mich, wer das nicht nur aus der Werbung kennt, sondern echt schon mal getrunken hat). Eine blaue Bar aus Holz sorgt für ein wenig Landhaus-Flair.

Alles in allem sieht der Franzos so aus, wie sich der Schweizer Bub (oder eben der Innenarchitekt) ein „hübsches kleines Bistro in Frankreich“ vorstellt. Man erwartet unentwegt, dass Maigret durch die Türe tritt und ein Bier bestellt. Im Grunde ist es selbstverständlich nur die Simulation eines Bistros. Das Bistro hat sich schon längst in sein Ideal verflüchtigt, und alles, was sich auf der weiten Welt Bistro nennt, mag vieles sein, aber schliesslich vor allem eines: Eine Bühne für die Sehnsüchte des Publikums nach dem kühlen Pastis am einfachen Holztisch, charmant serviert von Jean, dem Patron, und von irgendwo kommt ein Schnauzträger und drängt einem ein Stück Caprice des Dieux auf. Wo immer also Bistro draufsteht, ist reine Hyperrealität drin. Nur noch Zeichen, keine Wirklichkeit.

So gesehen: Auftrag erfüllt. Der Franzos überrascht nicht, ist aber ein charmanter Zeitgenosse. Das Publikum dankt es und füllt den Raum, der durch die äusserst ökonomische Nutzung noch etwas kleiner und enger wirkt, als er sowieso schon ist. Das führt zu einer lebhaften und geräuschvollen Ambiance, die für das romantische tête-à-tête nicht, für alle weiteren Wohlfühlabende aber durchaus geeignet ist.

En bref: Vas-y!

Franzos
Limmatquai 138, 8001 Zürich
www.franzos.ch

 

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