Stockwerkabhängig: Kunst und Kommerz an der FIAC Paris

Zeitgenössische Kunst ist kindisch, laut, oberflächlich, schrill und täuscht eine Hermetik vor, deren Tiefe sich im Kreditkartenschlitz des Portemonnaies begrenzt.

Zeitgenössische Kunst ist feinsinnig, antwortet auf aktuelle Verwerfungen der Zeitläufte, kommt auf leisen Pfoten daher, spielt mit Traditionen und provoziert.

Zu beiden Schlüssen kann der Besucher der FIAC, der Pariser Messe für zeitgenössische Kunst vom 23. bis 26. Okober 2014, kommen, je nachdem, welchem Stock im Pariser Grand Palais er auf seinem Rundgang mehr Aufmerksamtkeit schenkt: Im Erdgeschoss warten die grossen Namen, bei Galerien wie bei Künstlerinnen und Künstlern; die „zeitgenössische High-End-Kunst“, wie Jörg Häntzschel sie in seiner Besprechung der FIAC in der Süddeutschen nennt (Artikel leider nicht online).

Überraschungen sind hier selten, farbige Punkte des heutigen Stars Damien Hirst treffen auf geschlitzte Bilder des Stars einer Generation zuvor, Lucio Fontana. Diese erscheinen ganz in rot, wie überhaupt alle Werke am Stand der Pariser Galerie tornabuoniArt. Die Präsentation der gezeigten Künstler erinnert an den Versuch von Provinzbuchhändlern, Struktur und Form in das Gewirr zeitgenössischer Literatur zu bekommen, indem die Bücher der Saison farblich aufeinander abgestimmt auf dem Neuerscheinungstisch zu liegen kommen. Rot zu Rot, egal, ob Krimi oder Lyrikband. Dass man sich als Künstlerin auch im farbigen Einerlei emanzipieren kann, zeigen die roten Strohhalme von Francesca Pasquali, ein schillerndes, dreidimensionales Werk, das vor allem Kinder in seinen Bann zieht. Es mag am Matrial liegen.

Ebenso rot die Skulptur von Tony Cragg bei Thaddaeus Ropac, eine Begegnung wie mit einem alten Bekannten, und so geht es dann auch weiter im Erdgeschoss des Grand Palais: Max Ernst, Yves Tanguy, Salvador Dali, sattsam bekannt. Herausragend unter diesen Stücken der Etablierten: Baselitz Bronze „Marokkaner“ aus seiner Serie der schwarzen Skulpturen, die einen noch nie gesehenen Blick auf die menschliche Figur ermöglicht.

Und daneben dann das, was gemäss Häntzschel nur geschaffen wird, um als „Luxusobjekt, Geldanlage, zukünftiges Erbstück“ das Licht der Welt zu erblicken. Kunst die alles Geschick des gepflegten Schwurbelns benötigt, um ihr in den Begleittexten einen theoretischen Unterbau zu konstruieren. Während sich Takashi Murakamis breit grinsenden „Flowers Blossiming in This World and the Land of Nirvana“ durch den gewollt ins Nichts zielenden Titel sich auch in der Erinnerung dorthin verflüchtigen, bringt Chihura Shiota das Kunststück fertig, mit in Fäden vertrickten Handpuppen trotz der Dreidimensionalität die platteste Arbeit der ganzen Messe zu fabrizieren (Galerie Daniel Templon). Daran ändert auch seine Verortung in der Werktradition nichts. Der Titel „State of Being (Hand Puppets)“ ist schon fast beleidigend – als ob man das dem Betrachter noch aufs Auge drücken müsste. Man kann kaum glauben, dass diese Werke wirklich „Qualitätskontrollen und ästhetische Fein-Tunings“ durchlaufen haben, wie Häntzschel vermutet.

Die positiven Überraschungen, die noch dazu die künstlerische Aussage nicht ganz dem schönen Schein (oder dem platten Konzept) geopfert haben, finden sich im oberen Stock des Grand Palais, wo die Nischen für die Galerien kleiner und die Namen unbekannter sind. Es lohnt, den Rundgang dort zu beginnen, um auch die leisere Kunst wahrzunehmen, die sonst nach zwei Stunden Rundgang unter der schieren Wucht der Supermarkt-Farbenfröhlichkeit erdrückt zu werden droht. Hierzu gehören zum Beispiel die in zerbrechlicher Zartheit flimmernden Spinnen-Fotografien von Francesco Gennari bei Antoine Levi, die teilweise wie getuscht wirken.

Wie intelligente Konzeptkunst aussehen kann, die keine beidseits bedruckten Erklärungs-A4-Seiten benötigt, zeigt die Berliner UdK-Absolventin Alicja Kwade bei Sommer Contemporary. Kwade bindet das Fliessen der Zeit auf Papier, indem sie durchaus ästhetische Zeiger einer Uhr in vertikaler Abfolge 72 Stunden durchlaufen lässt (in diesem Link mit 24 Stunden). Die unmittelbar ansprechende reduzierte Ästhetik zeigt, dass Konzepkunst auch heute noch aussagekräftig sein kann und nicht notgedrungen in verkopfter Beliebigkeit enden muss. Kwade ist sicher eine der besten Arbeiten an dieser FIAC gelungen.

Ebenso klar und ohne Bling präsentiert sich Rana Begum bei der Galerie The Third Line. Die ihr nachgesagte Inspiration aus dem städtischen Raum kann ich beim Betrachten der an der Wand angebrachten strukturierten Zacken freilich nicht ausmachen, die Farbigkeit und Struktur, mit der Begum in ihrem Werk souverän spielt, wirkt aber auch ohne Referenz auf eine Weltlichkeit. Eine Installation, die zur Bewegung treibt (als ob man davon nicht genug bekäme auf der FIAC), da sie je nach Betrachtungsstandpunkt Geometrie, Farbe und die „Wärme“ ändert, mit der sie uns begegnet. Hätt ich Geld, hätt ich das gekauft!

Wer fiel noch auf? Flavio Favelli zeigt flimmerndes Schwarz in alten goldenen Rahmen und führt damit in ein Thema ein, das zu den grossen an der FIAC gehört: Das monochrome Werk, das wir mit Malewitsch eigentlich abgehandelt glaubten, und das nicht nur bei der schon genannten Galerie tornabuoniArt fröhliche Urständ feiert. So zeigt Vanessa Safavi (die bei Chert nebenbei noch mit einer unsäglichen Installation aus antikisierten Vasen, Plasticksäcken und Tönen aufwartet, für deren Verständnis man einen Kurs in höherer Abstraktion benötigt) ein Bild aus schwarzem Silikon, auf dessen Rahmen ein kleiner blauer Gummiball liegt. Betitelt ist es mit „Ourselves in Black Holes Like Small Silences“. Ja genau, denkt man da.

Dashiell Manley zeigt dasselbe, einfach in Lila und ohne Gummiball, und hat wenigstens den Mut, seiner Einfallslosigkeit nicht noch einen mystischen Titel zu geben. „Untitled“ heisst die Monotonie (bei Jessica Silverman). Von Günter Umberg sehen wir ein Bild ganz in Grün (Galerie Rosemarie Schwarzwälder) und Jean-Luc Moulène zeigt „Monochrome Samples“ aus Bronze und grüner Patina. Einen „Green Screen“ führt uns Liz Deschenes bei Campoli Presti vor Augen. Das spannendste hierbei sind die Materialbeschreibungen, wie „Fujiflex Prints mounted and laminated to cut Plexi“ oder „Poliment, pigment, dammar on wood“.

Soviel Aussageverweigerung begegnet man am besten mit Mel Bochners herausragender „Blah, blah, blah“-Serie, aus der er an der FIAC 10 individuelle Bilder bei Peter Freeman zeigt,

Um diese Antwort auf den täglichen Sachverständigenredeschwall, welchem die Kunst ungeschützt ausgesetzt ist, Beachtung zu zollen, soll dieser kleine, sehr indivuduelle Blick auf die diesjährige FIAC-Boutiquenschau der uniformen Eleganz (nochmals Häntzschel, remixed) beendet werden, nicht ohne auf die zwei gezeigten Werke des in eigenen Worten „postpopneokonzeptionellen Künstlers“ Christoph Weber hinzuweisen (beide „not yet titled“, das eine bei ProjecteSD aus Barcelona, das andere bei Rosemarie Schwarzwälder). Betongüsse, auf die während des Aushärtens gewaltsam eingewirkt wird, so dass auch hier die Zeit zur eigentlichen Figur wird. Wie sie auf uns wirkt und was sie mit uns macht, ist auf diese Art (in doppeltem Sinne) eindrücklich dargestellt.

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