Mehr als Manga – Zeitgenössische Kunst aus Japan im Haus Konstruktiv in Zürich

Vor 150 Jahren haben die Schweiz und Japan diplomatische Beziehungen aufgenommen. Dieses nicht allen Schweizern bekannte Jubiläum nimmt das Haus Konstruktiv nichtsdestotrotz zum Anlass, eine Ausstellung mit zeitgenössischer japanischer Kunst zu veranstalten.

Nun gibt es in der Schweiz wahrscheinlich ebenso viele Kenner der zeitgenössischen japanischen Kunst wie solche der zwischenstaatlichen diplomatischen Beziehungen mit Japan. Die Ausstellung war also ein Wagnis, aber eines, das sich lohnte.

Der von asiatischer Kunstgeschichte Unbeleckte kann ja wohl kaum chinesische von japanischer Malerei unterscheiden, erst recht nicht diejenige der Moderne, in welcher die westliche Avantgarde den östlichen Traditionen gerade noch Zitat-Charakter zugesteht. Wer sich aber vor dem Besuch der Ausstellung ein wenig mit japanischer Kunst auseinandersetzt, erkennt auch in den Exponaten der jüngsten künstlerischen Entwicklung Reminszenzen an die Traditionen. So ist die Kunstproduktion in Japan weniger auf die im westlichen Kontext klassischen Medien wie Skulptur und Malerei eingegrenzt worden. Vielmehr gilt zum Beispiel die Keramik als älteste Kunst, die bereits zehn Jahrtausende vor Christus aufkam.

MITSUKE

Masayasu Mitsuke

Es überrascht deshalb nicht, in einem Raum im Haus Konstruktiv Keramik-Schüsseln von Masayasu Mitsuke (*1975) zu sehen, die allerdings nicht mit den traditionellen nach Luft schnappenden Karpfen oder herumplanschenden Goldfischen bemalt sind, sondern mit raffiniert ästhetischen, abstrakten Mustern.

Ebenfalls an die japanische Tradition, diesmal derjenigen der Tuschmalerei, knüpft der Fotograf Taiji Matsue (*1963) an, dessen Aufnahmen aus der Luft die landschaftlichen oder architektonischen Strukturen japanischer Provinzen ausloten. Die tiefstehende Sonne in einigen seiner Bilder zeichnet lange, schlanke Schatten in die schneebedeckte Landschaft, ästhetizierend-weltfremd und doch realistisch.

Mit feinem Gespür haben die Kuratoren Sabine Schaschl und Kenjiro Hosaka Werkgruppen ausgesucht, die im internationalen Vergleich ohne Mühe bestehen können. Aufbauend auf den (einzigen bereits toten) Künstler Koji Enokura (1942-1995), dessen Fotografie eines eine Schräge herunterrollenden Quaders von einer berauschenden Ästhetik ist, werden höchst moderne Positionen vorgestellt.

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Yayoi Kusama © Yayoi Kusama Courtesy of David Zwirner, Victoria Miro Gallery, Ota Fine Arts, Yayoi Kusama Studio Inc.

Yayoi Kusama (*1929) mag einigen ein Begriff sein, ist sie doch mit ihren Punkten, die sie auf Menschen (u.a. sich selbst), Pflanzen und Dinge appliziert, weltweit bekannt geworden; unter anderem war sie auf der Biennale in Venedig 1993 präsent. In Zürich zeigt sie „LOVE IS CALLING“, eine Installation aus farbigen, gepunkteten Stalaktiten und Stalagmiten in einem Spiegelkabinett. Ein veritabler Spass für Kinder und Erwachsene.

Aus tausenden roten Strohhalmen hat der Architekt Akihisa Hirata (*1971) ein Modell der Verflechtung gebaut, das sich durch einen Raum zieht und ein Beispiel dafür ist, dass der rote Strohhalm grosses Potenzial in der zeitgenössischen Kunst besitzt, wie bereits Francesca Pasquali in Herbst an der FIAC in Paris gezeigt  hat.

KANEUJI

Teppei Kaneuji

Teppei Kaneuji (*1978) giesst Gips in Plastikeimer und Spielformen, was meine Tochter zur Frage brachte, wie man den getrockneten Gips denn da wieder rauskriege. Sonst eigneten sich die Formen nach der Ausstellung ja nicht mehr dazu, Sandkuchen zu backen. Wenn der Künstler nicht das Innere mit Gips ausgiesst, so begiesst er das Äussere und verwandelt Plastikdinge in fantastisch fliessende Gebilde. Eindrücklich auch, wie aus kaffeebefleckten Papierschnipseln Kunst entsteht. „Nix is zu schad zum wegwerfen“, ist man versucht zu denken.

SUGITO

Hiroshi Sugito

Eine Entdeckung äusserster Eleganz und deshalb für mich ein Highlight dieser Ausstellung (neben dem 3.6 Tonnen schweren Stahlgebilde von Noe Aoki (*1958), das sich durch das Treppenhaus streckt) ist das Werk von Hiroshi Sugito (*1970). Speziell für diese Gelegenheit hat er Regenbilder gemalt, kleine minimalistische Werke, Öl auf Leinwand, die Regentropfen nur andeuten, in Bewegung oder in Ruhe, auf Fensterscheiben oder im freien Feld. Regen ist eben nicht nur Wasser, sondern auch Struktur und Form, Punkte, Linien, Flächen, Farben. Das nächste nasse Wochenende werde ich durch Sugitos künstlerische Augen sehen.

Beschliessen sollte man diese Ausstellung mit einer Zen-artigen Erfahrung. Go Watanabes (*1975) Videoarbeit zeigt in über 20 Minuten in zeitlupenartigen Bildern die Auflösung von alltäglichen Strukturen anhand eines Stillebens, das aus Geschirr besteht. Und die Entstehung von Struktur aus Chaos. Das profane Zürich, das mit Brotarbeit am Schreibtisch, Geldmacherei an der Bahnhofstrasse und Provinzpossen in der NZZ-Redaktion droht, ist für einige Zeit sehr weit weg.

Und Manga? Ist ebenfalls vertreten, durch Yuichi Yokoyama (*1967). Da ich davon nun wirklich nichts verstehe, lass ich es bei der Erwähnung.

Bis 11. Januar 2015. http://www.hauskonstruktiv.ch/ 

Alle Fotos, soweit nicht anders erwähnt, von Stefan Altenburger, © Haus Konstruktiv. 

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