Vom Alltag in der Serenissima

Oder wie sich Matthias Zschokke fast im Überfluss venezianischer Schönheit verliert.

Als der in Berlin lebende Schweizer Autor Matthias Zschokke im Juni 2012 die Türe der Venezianer Wohnung auf Zeit, die er dem Stipendium einer Kulturstiftung verdankt, aufstösst, fehlen ihm die Worte. Er blieb „wie angenagelt stehen, öffnete den Mund und wollte etwas Passendes ausrufen.“ Doch es fiel ihm nichts ein, also schwieg er. Der Schriftsteller, der von der Produktion von Sätzen lebt, indem er Wort an Wort reiht, fand für einmal keines. „Ich schaute über die Kanäle, die unten vor dem Haus aufeinandertrafen und rührte mich nicht mehr.“

Die Schönheit der Stadt hatte ihn gelähmt. Dauernd werde man in Venedig ausgefüllt von dem, was man gerade sehe, schreibt er. Und wenn das einmal nicht der Fall sei, so müsse man nur um die nächste Ecke gehen. Oder in die nächste Kirche. Voilà: Ein Tintoretto. Und damit schien es ihm genug Kultur für den Tag.

Mailroman als Kunstform

Wer will da noch schreiben? Gar Literatur produzieren? Es reicht gerade für Mails. Aber die Mails, die uns Matthias Zschokke in seinem Buch „Die strengen Frauen von Salva Rosa“ so locker aneinandergereiht präsentiert, bilden selbstverständlich nicht einfach ein Protokoll gesendeter Nachrichten aus der Serenissima. Genauso wenig wie ein Briefroman nur die Abschrift von Briefen ist. Vielmehr entwirft Zschokke in seinen Mails an verschiedene Adressaten (deren Antworten konsequent fehlen) ein Kaleidoskop seines Aufenthaltes in der Stadt und seiner Beschäftigungen während dieses Aufenthaltes.

An einen naiv fragenden Journalisten der Basler Zeitung, der wissen wollte, ob es nicht allzu einfach sei, die Mails als Roman zu verwursten, antwortete Zschokke denn auch, den Titel seines Buches geschickt in eine Allegorie bindend: „Mails sind eine literarische Gattung wie jede andere auch; sie wollen geformt sein. Die ‚strengen Frauen’ tun zwar Satz für Satz so, als seien sie unbefleckt empfangen, aber das ist Teil ihres Stils, ihrer Verführungsstrategie.“ Was den literarischen Wert des Buches betrifft, könnte es diese Selbsteinschätzung nicht besser auf den Punkt bringen.

Der Aufenthalt, die Beschäftigung mit der Stadt, ist schnell nacherzählt. Zschokke schlendert entlang der Kanäle und über die Brücken von Venedig. Überwältigt von der Stadt, ist er nicht in der Lage, zusammenhängend über sie zu schreiben – und will das offensichtlich auch nicht. Wir erfahren kaum, was er besichtigt, wir bekommen selten von den unzähligen Kunstwerke erzählt. Und wenn Zschokke dann doch einmal von einer Begegnung mit den Klassikern berichtet, dann so:

„Gestern ging ich in eine Kirche und schaute mir den dort hängenden Lotto an, weil Lotto sehr viel besser sei als Tintoretto und weil es nur sehr wenige Lottos gebe in Venedig und weil es ein bleibendes Erlebnis sei, diesen Lotto gesehen zu haben.“

Er wirft einen Euro ins Kästchen für die Beleuchtung des Bildes, bewundert die Beleuchtung (nicht das Bild), wartet bis das Licht wieder ausgeht und freut sich auf den Macchiato, den er gleich in der nächsten Bar zu sich nehmen wird. Wie das Bild von Lorenzo Lotto heisst, in welcher Kirche es hängt: Kein Wort darüber. Als Reiseführer für Venedig taugt das Buch nicht.

Dass dies nicht einer intellektuellen Ignoranz Zschokkes entspringt, wird deutlich, wenn er ganz nebenbei hellsichtig über das eine oder andere Werk schreibt, dabei auch zeitgenössissches Schaffen mit einbezieht. Sein Lob für Charles Rays übergrosse Figur „Boy with Frog“, der bis zu seiner behördlich angeordneten Entfernung an der Punta della Dogana aufgestellt war und den Frosch den Venedig-Touristen in einer Geste der kulturellen Gleichgültigkeit entgegenstreckte, zeugt von einem wachen, hellsichtigen Geist.

Erfahrung der Überfülle

Vielmehr erzählt seine Weigerung, die Sehenswürdigkeiten Venedigs aufzulisten und einfühlsam zu kommentieren, vom schwierigen Miteinander klassischer Schönheit und zeitgenössischen Alltags. Schliesslich sind wir dazu verdammt, das, was uns in Venedig als ewig vor die Nase gesetzt wird und dessen Schönheit wir mit den alltäglichen, uns unmittelbar zu Verfügung stehenden Mitteln weder erfassen noch einordnen können, dennoch irgendwie mit unserer – vor diesem Hintergrund – kümmerlichen Existenz in Einklang zu bringen.

Zschokke sieht schon bei Ankuft in dieser Stadt ein, dass das Einordnen der Kunstwerke in den Alltag nicht möglich ist. Botho Strauss schrieb in seinem Gedankenbuch „Allein mit allen“ zur Erfahrung der Überfülle, es lohne sich nicht, gegen die sogenannte Unübersichtlichkeit vorzugehen, es handle sich in Wahrheit um Fülle und Strom. Sich zurechtzufinden sei ein falsches Verlangen. Eintauchen und sich davontragen zu lassen, darin aufgehen und sich erfüllen: Das wäre eher die angemessene Erfahrung.

Zschokkes Reaktion auf Venedig hält sich an diesen Strausschen Vorschlag. Hin und wieder fühlt man sich an den Venedig-Reisenden Henry James erinnert, der in den Aspern-Papers schrieb: „I wandered about for an hour in the small canals, to the continued stupefaction of my gondolier, who had never seen me so restless and yet so void of a purpose and could extract from me no order but ‚go anywhere – everywhere – all over the place’?“ Dank der ewigen Wiederkehr des Gleichen dieser Stadt gleichen sich auch ihre Einverleibungen duch die Besucher über die Jahrhunderte hinweg.

Auf den Dichterstuhl setzt sich Zschokke nur, um ermattet von den Spaziergängen und Espressi in den Cafes sofort einzuschlafen. Die Frankfurter Allgemeine bestellt er nach einigen Wochen Aufenthalt ab, was soll er mit deutscher Politik? Der Krieg in Syrien beschäftigt ihn aber weiterhin; ebenso der deutschsprachige Literaturbetrieb. Dass Daniel Kehlmann mit seiner „Vermessung der Welt“ so viel Erfolg hat, nimmt ihn mit und er vermutet, dass die Leser das Buch eh nur bis zur Hälfte schaffen, es dann ins Regal stellen, und bei nächster Gelegenheit als wunderbares Buch loben. Und die mit dem Zweihänder ausgeführten Seitenhiebe auf den damaligen Moderator des Literaturclubs im Schweizer Fernsehen, Stefan Zweifel, der nun plötzlich die jahrelang verlachte „triviale Brigitte-Literatur“ besprechen müsse, wo er doch vor seinen Freunden weiterhin von „Derridas legasthenischer Halbschwester schwärme“, sind so amüsant wie gut geführt.

Zu viel Lamentos

Zschokkes zu dieser Zeit erschienener Roman „Der Mann mit den zwei Augen“ wurde nicht im Literaturclub besprochen. Die Lamentos über den ausbleibenden Erfolg dieses Buches sind quasi die running gags in diesem Buch; wenn es denn gags wären. Etwas gar ermüdend wirkt der wiederkehrende Jammer über den versagten Applaus. Dabei wird das Buch von FAZ, NZZ und Tagesspiegel positiv besprochen (sehr zu Recht, es ist ein Wurf, mehr darüber in einem späteren Blog-Beitrag). Was Zschokke dazu bewegt, die Rezensionen wie rettende Strohhalme zu erwähnen. Dass das Publikum lieber Dan Browns an den Haaren herbeigezogenen Stories liest als subtile Romane über die Grunderfahrung des Lebens, kann nicht wirklich erstaunen.

Freude bringt Zschokke zum Ausdruck, als er den erstmals ausgelobten Schweizer Literaturpreis für das Buch entgegennehmen darf. Fast fühlt man so etwas wie Erleichterung als Leser. Glücklicherweise lobt ihn doch noch jemand für das Buch. Man ist leicht peinlich berührt, wenn man sich bei dieser Regung ertappt. Etwas mehr Zutrauen ins eigene Werk wünscht man dem Autor Matthias Zschokke da.

Etwa so, wie Zschokke seinen Mailroman über Venedig in der Basler Zeitung verteidigt. Denn trotz der Lamentos ist Zschokke ein Buch gelungen, das in und mit Venedig spielt, uns wenig über die Stadt erzählt, aber Aufklärung erteilt über den täglich gelebten Widerspruch zwischen ewiger Schönheit und profaner Verpflichtung. Diesem Widerspruch entspringt auch die Idee Zschokkes, für Freunde und Bekannte ein Klavierkonzert in seiner Palazzowohnung zu organisieren. Eine Idee, auf die er als bekennender „nicht sehr sozial“-Lebender in Berlin nie gekommen wäre, schon weil darin kein Flügel steht. Venedig hingegen zwingt ihn quasi dazu, sich seiner Umgebung gemäss zu verhalten. Am Ende wird der Anlass für die aus allen Ecken Europas anreisenden Zuhörer ein ähnlicher Erfolg wie die VIP-Partys, die in den Canal-Grande-Palazzi gefeiert werden – vor deren ewig schönem Hintergrund sogar George Clooney an seiner kürzlich gefeierten Hochzeit menschlich klein erschien.

Matthias Zschokke: Die strengen Frauen von Rosa Salva. Wallstein-Verlag, Göttingen 2014. 414 S., Fr. 25.90.

Der Autor Matthias Zschokke

Der Autor Matthias Zschokke

Advertisements

Ein Kommentar

  1. Lieber Greg,
    wie schön, endlich mal wieder von Zschokke zu lesen und seinen „strengen Frauen von Rosa Silva“ und dabei auch noch auf Deinen Blog zu finden. Ich bin schon gespannt, was Du zu dem „Mann mit den zwei Augen“ schreiben wirst, vielleicht landet so ja noch ein Zschokke auf dem grauen Sofa…
    Beim Lesen Deiner Besprechung ist mir noch einmal ganz deutlich geworden, dass Zschokke sich ja konsequent allen Konventionen verweigert, die einem in Venedig lebenden und schreibenden Literaten so entgegengebracht werden – er bespricht das minutenlang aufscheinende Licht, das ein Bild beleuchtet, nicht aber das Bild, die Assoziation zur Peep-Show ist ja sofort da. Und für mich geht auch die „Jammerei“ über den Umgang mit dem „Mann mit den zwei Augen“ in diese Richtung – es ist ein ironisches Spiel mit den Vorstellungen, wie ein Autor auf die Wahrnehmung seines Werkes reagiert.
    Wir schön, dass ich beim Lesen Deiner Rezension noch einmal mit Zschokke in Venedig war.
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s