Das Toni Areal: Perspektive Sichtbeton

von Katja Lüthy

Vielleicht habe ich noch die Bilder im Kopf: damals zu DDR-Zeiten. Auf jeder nur denkbaren, unverbauten Anhöhe bei Berlin, Karl-Marx-Stadt, Jena und Erfurt schossen in den 1970ern die Plattenbauten aus Beton wie Pilze aus der Erde. Ziel der staatlichen Plankommission war es, möglichst schnell viele grosse Häuser zu bauen, um die Wohnungsnot einzudämmen. Die quer und längs hochgezogenen Lochfassaden der Fertigteilgebäude liessen die immergleiche Skizze auf dem Reissbrett erahnen. Und tatsächlich waren sich die Satellitenstädte wie der Erfurter Roter Berg, Jena Lobeda und Berlin Marzahn zum Verwechseln ähnlich. Mit dem Trabi fuhr man dann, so schnell es eben ging, an diesen Insignien der Gleichmacherei vorbei. Nicht von ungefähr nannten die Ostdeutschen dort und anderswo die Herren vom Politbüro heimlich Betonköpfe und eingegrenzt war das Ganze von der bekannten Mauer, die auch aus Beton war.

Beton blieb mir seitdem als ein Zeichen für Gleichmacherei, aber auch für einen Mangel an Stil und ein Zuviel an Einfallslosigkeit in unguter Erinnerung. Zeitweise erfreute ich mich an dem Gedanken, die Architekten zwingen zu können, selbst in den von ihnen gestalteten geschichtslosen Zementriegeln unterkommen zu müssen. Aber die Architekten beliessen es offenbar dabei, lediglich die Idee zu liefern. So wohnte der mit meinen Eltern befreundete Architekt in einem hübschen Einfamilienhaus im Grünen. Und als nach der Wende die Universität in Erfurt gegründet wurde, gründeten mir bekannte Architekturstudenten ihre Wohngemeinschaft in einer Altbauwohnung im mittelalterlichen Stadtkern.

Die Idee von der „Durchlässigkeit“

Das alles ist mindestens 20 Jahre her und wäre längst in Vergessenheit geraten, wenn nicht meine Tochter an einem Sonntag im Januar 2015 an einem Konzert an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) im Toni Areal mitgespielt hätte. Bereits von weitem konnte ich durch die Windschutzscheibe meines Autos den gedrungenen Klotz namens Toni Areal erkennen und sofort überkamen mich Erinnerungen an alte, städtebauliche Konzepte, von denen ich gehofft hatte, sie seien längst in der Schublade der Ewig-Gestrigen verschwunden.

Eingangshalle, @zhdk

Eingangshalle, @zhdk

Ich hielt das Auto an. Ein Blick auf das Display meines Handys belehrte mich eines Besseren: Die Architekten Mathias Müller und Daniel Niggli des Büros EM2N waren 1966 und 1970 geboren, also meine Generation und lebten offenbar in der Schweiz. Auf den Fotos traten sie schwarz bebrillt und ebenso schwarz gekleidet auf und bildeten die Prototypen von dem, was man sich so unter Architekten vorstellt. Ihr Anspruch sei es, so las ich in den Interviews, Gebäude urbanistisch, also vom städtebaulichen Blick her zu entwerfen. So wurde aus dem alten Klotz Toni-Molkerei für 775 Millionen Franken innert fünf Jahren der neue Klotz Toni-Areal. Müller und Niggli wollten dafür innerhalb des Gebäudes „Durchlässigkeit“ schaffen oder wie es Niggli auf den Punkt brachte: „Wichtig ist, dass man fette Klötze innen öffnet“.

Aber was hatte ich eigentlich 40 Jahre nach dem Betonboom im Osten Deutschlands von einem neu zu konzipierenden Industriemonster mit wohl immerhin 2786 Räumen in Züri-West erwartet? Ein gläserne Fassade, in denen sich spätromantisch die Wolken spiegeln? Die Zuckerbäckervariante, bei der Beton mit klassizistischen Spitztürmchen garniert wird, wie die so genannten Berliner Arbeiterpaläste in der 1950er Jahren erbauten Karl-Marx-Allee? Oder gar ein ökologisches Konzept mit hängenden, weil vertikalen Gärten wie sie derzeit etwa in Singapur Furore machen – also einfach Grün statt Grau? Nachdenklich fuhr ich weiter. Nicht der Mensch, sondern die Idee stand beim Toni Areal im Mittelpunkt, dachte ich. Im Grunde war das derselbe Ansatz den die Betonköpfe in Ostdeutschland vor 40 Jahren schon hatten. Nur war bei Müller und Niggli die Idee vom urbanisierten Gebäude. Stadt aussen = Stadt innen. Nur der Inhalt hatte sich geändert, die Form blieb.

Alarmglocke als Türöffner

Nachdem ich auf der Suche nach der Parkgarage das Gebäude längere Zeit und grossräumig umfahren musste, bemerkte ich, dass vermutlich ein Gegner des Individualverkehrs die Tiefgarage statt „P Toni Areal“ sinnigerweise „P West“ genannt hat – die Tramhaltestelle heisst übrigens „Toni Areal“. Wenig zuversichtlich bog ich auf die Parkebene ein und suchte nach freien Plätzen. Die meisten waren reserviert oder besetzt. Ich versuchte eine Ebene höher fahren, kam aber nicht um die zu eng geschnittene Kurve. Links stand eine pinkfarben Säule im Weg, rechts die Mauer aus Sichtbeton. „Durchlässigkeit“ sieht anders aus.

Treppenhalle, ©zhdk

Treppenhalle, ©zhdk

Ich fuhr rückwärts und parkte einfach auf einem reservierten Platz. Ein eigenartig schriller Pfeifton ertönte, als ich die Autotür öffnete. Das Pfeifen kam von der Eingangstür zur ZHdK und ich konnte erkennen, wie zwei Besucher mehrfach vergeblich auf einen roten Knopf drückten und schliesslich diskutierend durch die Tür verschwanden. Wie ich später feststellen musste, öffnete sich die Tür zur ZHdK nur dann, wenn man es wagte, den Alarmknopf zu drücken. Der Alarm blieb an und ich schlüpfte durch die geöffnete Tür. Ich erreichte die Halle und ging zum Pförtner an der Information. Dieser erklärte, ich könne nur über den Eingang Wohnen, also vorbei an 100 Mietwohnungen zur ZHdK gelangen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich eine halbe Stunde brauchen würde, um mein Auto wiederzufinden. Ich lächelte also verständnisvoll und sah mich um.

Die nahezu leere Halle wirkte so gross und unpersönlich, wie es nur ein Schweizer Einkaufszentrum kurz vor Ladenschluss in den Winterferien sein kann. Der hellbetonierte Boden glänzte bereits wie frisch geputzt, sogar ein letztes Cafe war noch geöffnet und als ein ZHdK-Hauswart begann, Stühle zu stapeln und abzutransportieren, schien es mir, als ob es jetzt aus Lautsprechern tönen müsste: „Werte Kundschaft! Das Einkaufszentrum schliesst in fünf Minuten. Bitte begeben Sie sich zur Kasse!“ Dass es hier irgendwo einen Musikklub, ein Kino und eine Bibliothek geben sollte, liess sich nur erahnen. Die Weite der Halle gaukelt einem nur den Platz für Gedanken vor, dachte ich. Eigentlich fühlt man sich verloren. Und mit der gefühlten eigenen Kleinheit wird auch der beste, künstlerische Gedanke klein und am Ende jeden Weges steht man vor einer Betonwand.

Wer flaniert zwischen Europa- und Hardturmbrücke?

Ich beschloss, zum Konzertsaal zu gehen. Die breite Holztreppe, die zum nächsten Stock führte, werden die Studierenden mögen und sie wird zu Aufführungen animieren, dachte ich. Doch wer begibt sich in Industrieparks, auch wenn sie als noch so hip beschrieben werden, wenn er nicht gerade dort arbeitet? Vielleicht hätte der Klotz mit allem Drum und Dran mitten in der Stadt stehen müssen, nicht hier, irgendwie am Rand. Müller wünschte sich in einem Interview: „Das Toni soll ein Leuchtturm in Zürich-West werden. Ein Ort wie der Schiffbau, der das Quartier lebendig macht. Hier soll man wie selbstverständlich ein- und ausgehen.“ Aber wer mag schon zwischen Europa- und Hardturmbrücke flanieren?

Korridor im Toni-Areal, ©zhdk

Korridor im Toni-Areal, ©zhdk

Endlich sass ich im Konzertsaal und wartete auf den Auftritt meiner Tochter. Der Raum zeigte sich genauso schwarz gekleidet wie die Architekten, die Luft war miserabel. Lag das vielleicht daran, dass es in den meisten Räumen, die ich gesehen hatte, keine Aussenfenster, sondern nur Innenfenster gab, durch die man wie beim Tatort dem Deliquenten beim Verhör im Polizeibüro zuschauen darf? Ist das die „Durchlässigkeit“, welche sich Studierende wünschen? Oder fehlte mir langsam das Tageslicht, weil die Innenhöfe mit der Bezeichnung Lichtschacht überfordert scheinen und wie alle derartigen Konstruktionsfehler – man denke nur an die Innenhöfe von Hotelanlagen – nur Unkraut, nicht aber Menschen anlocken?

Im Grunde war es nie der Beton gewesen, der mich störte. Es war die Ignoranz einiger, weniger Köpfe, eine Idee in den Mittelpunkt zu stellen, an der sich der Mensch gefälligst abzuarbeiten hat. Müller und Niggli brauchen sich damit nicht mehr auseinandersetzen, es sei denn, sie haben einen Parkplatz im Toni Areal gemietet und müssen versuchen, um eine der Kurven zu fahren. Vielleicht schauen sie nur von Ferne zu, vielleicht auch nicht, denn so Niggli: „Dass diese Vision Wirklichkeit wird, liegt nicht mehr in unserer Hand – und wird seine Zeit brauchen. Aber wir sind zuversichtlich.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s