Vom Gerinnen der Zeit

Wie hält man das Unendliche, die ewig fortschreitende Zeit fest? Wie fixiert man die Gegenwart, diesen schillernden Moment zwischen vorbei und künftig? Wie wartet man auf die Gegenwart? Fragen zum Zeitlichen, auf die sich die Berliner Künstlerin Alicja Kwade mit ihren Werken im Kunstmuseum St. Gallen bezieht.

Das doppelte wart im Titel der Ausstellung „Warten auf Gegenwart“ betont den zwiefachen Charakter der statischen und der fortschreitenden Geste in der Zeit. Statisch im Warten; fortschreitend insofern, als sich das wart im Wort „Gegenwart“ von „werden“ herleitet. Ein unendliches Werden, das keine Vollendung findet.

Noch bevor der Besucher die Ausstellungsräume betritt, empfängt ihn auf der Treppe die Videoarbeit „In Ewig den Zufall betrachtend“. Die 1979 in Kattowitz geborene und an der Universität der Künste Berlin ausgebildete Künstlerin Kwade spielt damit offensichtlich auf das Gedicht „Der Würfelwurf“ des französischen Symbolisten Stephane Mallarmé an, in dessen Untertitel es heisst, dass dieser Würfelwurf niemals den Zufall tilgen wird. Der Zufall bleibt ewig, er überdauert das einzelne Ereignis. Ihm ist die ewige Wiederkehr eingeschrieben, wie dem Leben selbst.

In Ewig den Zufall betrachtend. Courtesy Alicja Kwade. Foto: Stefan Rohner

In Ewig den Zufall betrachtend. Courtesy Alicja Kwade. Foto: Stefan Rohner

Kwade beantwortet die Fragen nach dieser ewigen Wiederkehr im Würfelwurf auf ihre Weise: Die Würfel rotieren in Zeitlupe von rechts nach links durchs Bild, niemals auf dem Boden aufschlagend, sondern frei schwebend durch Raum und Zeit. Die Unendlichkeit gewinnt Gestalt, während der Zufall selbst ins Zeitlose verlängert bleibt, da die Würfel niemals still liegen. Das Warten auf das Resultat des Würfelwurfs, vergegenwärtigt durch unseren Blick auf die sich noch bewegenden Würfelaugen, dehnt sich so ins Unendliche.

Tickender Riesentrichter

So vorbereitet tritt dem Besucher im ersten Raum die Zeit in neuer Gestalt entgegen. Auf Augenhöhe zieht sich eine Reihe von Ziffernblättern von Armbanduhren herausgelösten Stundenzeigern an den vier Wänden entlang, immer eine Stunde mehr – oder in entgegengesetzter Laufrichtung – weniger anzeigend. Die Idee der seriell angeordneten Zeiger hat Kwade in diversen Werken verarbeitet. Eines davon hat sie im vergangenen Herbst an der Kunstmesse FIAC in Paris ausgestellt. In seiner Begrenztheit auf eine kleine, gerahmte Fläche erscheint die Idee allerdings eindrücklicher, als ausgedehnt auf einen ganzen Raum wie in St. Gallen.

In der Mitte des Raums tickt es. Kwade versah einen Wecker mit einem grammophonartigen Trichter. Er verstärkt das Schlagen des Uhrwerkes. Die Zeit wird hörbar, der Trichter zum Sinnbild der gerinnenden Zeit.

Courtesy Alicja Kwade und Kamel Mennour

Saga (Spira Mirabilis), Courtesy Alicja Kwade und Kamel Mennour

Dieser unendliche Takt der Zeit spiegelt sich auch in der logarithmischen Spirale, der Spira mirabilis oder wundersamen Spirale, wie der Basler Mathematiker Bernoulli aus dem 17. Jahrhundert diese Form nannte. Zu den Eigenschaften dieser Spirale gehört, dass sie den Ursprung unendlich oft umkreist, ohne ihn zu erreichen (ein so genannter asymptotischer Punkt, für die Mathematiker unter meinen Lesern). Die Schönheit, die sich im Versuch, die unendliche Bewegung einzufangen, manifestiert, lässt Kwade aufscheinen, indem sie Objekte aus verschiedensten Materialien und Massen in einem Raum aufstellt. Spiralförmig drehen sich Spiegel, Türen, Röhren, Glaswände und vieles mehr um eine körperlosen Mittelpunkt und faszinieren durch ihre ideale Form ebenso wie durch ihre Materialität in der fassbaren Erscheinung.

Zermahlenes Fahrrad

Weniger zwingend – oder vielleicht auch nur weniger metaphysisch – zeigt sich die Konzeptkunst Kwades, wenn sie sich mit dem zweiten Schwerpunkt dieser Ausstellung beschäftigt: Mit dem Wert der Dinge. Kwade hat sich in ihrer Werkbiographie schon immer gefragt, was den Wert von Gütern eigentlich ausmacht. Eine gesellschaftliche Konvention? Seltenheit? Indem sie Kohlebriketts mit Gold überzog oder auf der Strasse gefundene Steine wie Diamanten schleifen liess, suchte sie Antworten. Platt? Vielleicht, aber zumindest eindeutig.

Dass sich solcherart Aussagen aber auch selbst im Weg stehen können, zeigen andere Werke. So mutet etwa der rote Teppich, der mit Euromünzen beworfen ist, seltsam unausgegoren an, was sich unter anderem in der vagen Beschreibung im Beiblatt, das der Besucher erhält, manifestiert: „Die Arbeit verweist auf Begriffe wie Geldproduktion, Markt-, Kauf- und Tauschwert, Handeln und Transaktion“. Wirklich? Wie in aller Welt verweisen auf einem roten Teppich verstreute Euromünzen auf Tauschwert oder Transaktion?

Courtesy Alicja Kwade und Johann König

Fahrrad, Courtesy Alicja Kwade und Johann König

Unmittelbar fassbar zeigen sich hingegen die in ihre Bestandteile aufgelösten Gegenstände, ein Fahrrad, eine Kaminuhr, eine Tischleuchte und ein Radio. Die einzelnen Bestandteile wie das Aluminium vom Fahrradrahmen oder der Gummi der Reifen wurden in sandkorngrosse Stücke gemahlen und in Gläser abgefüllt. Zurückgeführt auf ihre Materialität erscheinen die Dinge ohne Form und Wert. Und erinnern an das, was von uns selbst bleibt.

Überraschend und überragend präsentiert sich schliesslich das Werk „Nach Osten“. In einem abgedunkelten Saal. schwingt eine leuchtende Glühbirne an einem bis zum Boden reichenden Kabel hin und her. Zum ersten Mal in Berlin in der Kirche St. Agnes realisiert, basiert die Installation auf dem Foucaultschen Pendel, ein Beweis aus dem 19. Jahrhundert für die Erdrotation, da nicht das Pendel rotierte, sondern der Boden. Das Pendel legt in einem Sternentag, der minim kürzer ist als 24 Stunden, eine Achsendrehung zurück. Der Windzug, welcher entsteht, während das Pendel den Raum durchmisst, wird von einem Mikrofon eingefangen – auditiv und visuell stellt sich dem Betrachter erneut die Erfassung der Zeit dar.

Courtesy Alicja Kwade und Johann König, Berlin Foto: Stefan Rohner

Courtesy Alicja Kwade und Johann König, Berlin Foto: Stefan Rohner

Mit diesem Pendel verweist Kwade einmal mehr auf die naturwissenschaftliche Grundierung ihrer Arbeit, hängen doch Foucaultsche Pendel auch heute noch in diversen naturwissenschaftlichen Museen. Die Ironie möchte es, dass der interessierte (und vor allem von Kindern begleitete) Besucher nach Verlassen der Kwade-Ausstellung im Erdgeschoss des gleichen Gebäudes auf ein zoologisch-naturwissenschaftliches Museum trifft.

Zeit im Gestein

Neben heimischen Vögeln und weniger heimischen Bären zeigt sich die naturwissenschaftliche Komponente auch dort in Wechselausstellungen. Aktuell bringt uns der Fotografen Bernhard Edmaier die Gesteinsschichten der Alpen näher. Diese haben sich in den uns unendlich erscheinenden Jahrmillionen gebildet und zeigen nun durch Farben und Formen, was im Laufe der Zeit geschaffen wurde. Die fortschreitende Zeit mit den ihr innewohnenden mächtigen Kräften und deren manifesten Auswirkungen ist in diesen Fotografien unmittelbar präsent und somit augenfälliger als in Kwades Installationen. Und weisen dadurch umso mehr auf den Vermittlungscharakter hin, welcher einen Stockwerk höher Kwades Kunst von der Dokumentation abhebt, und der ihre gelungensten Werken bis in die feinen gedanklichen Verästelungen durchdringt.

Kunstmuseum St. Gallen. Bis 15. Februar. Ab 12. März 2015 in der Kunsthalle Nürnberg; Fotos, soweit nicht anders vermerkt: Gregor Lüthy

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