Skizzen über den Tod oder das Negativ der Liebe

Julian Barnes trauert um seine Frau.

Was passiert mit dem Menschen, wenn er seinen Partner, seine Partnerin verliert? Der englische Grossschriftsteller Julian Barnes hat diesen Verlust er- und überlebt. Er lässt uns in seinem jüngsten Buch teilhaben an der Trauer über den Tod seiner Frau im Jahr 2008, nach 30 Jahren Zusammenleben. Vier Jahre dauerte es, bis er dieses Buch schreiben konnte, das vergangenes Jahr auf englisch und kürzlich auf deutsch erschienen ist. Gerade einmal 37 Tage blieben damals zwischen der Krebs-Diagnose und dem Tod von Pat Kavanagh. 37 Tage eines Ringens mit dem Tod, von dem wir jedoch kaum etwas erfahren. Barnes schrieb kein Erinnerungsbuch über die Frau an seiner Seite sondern er schrieb über ihre Abwesenheit. Und wie man damit umgeht. Wobei: man? Nein, vielmehr wie Julian Barnes damit umgeht.

„One death may explain itself, but it throws no light upon another“, zitiert Barnes E.M. Forster; sprich, jeder Tod ist einzigartig und wird ebenso wahrgenommen. Und so ist auch die Trauer. Jeder und jede trauert anders. Und damit sind wir bereits beim Kernproblem dieses Textes. Barnes spannt einen weiten Bogen, bis er zu seinem Umgang mit der Trauer kommt. Dieser Bogen, die Assoziationen, die er – von der Trauer ausgehend – erkundet, hängen von seinem eigenen Erleben ab; und können deshalb nicht allgemeingültig sein. Barnes hatte das offensichtlich auch nicht als Ziel. Es sollte kein Ratgeber werden, wie man „Trauerarbeit“ leistet. Kein Trostbuch für den literaturaffinen Trauernden. Vielmehr schuf Barnes ein sehr persönliches Werk, das den Leser berührt – aber auch auf Distanz hält.

Fall aus grosser Höhe

Barnes beginnt den Text mit einem Essay über die Anfänge der Ballonfahrt. Zu den Pionieren gehörten der Engländer Fred Burnaby, der Franzose Félix Tournachon, besser bekannt als Nadar, der Fotograf der Pariser Intellektuellen im 19. Jahrhundert, und Sarah Bernhardt, die Schauspielerin. Die Freiheit in den Lüften, die doch abhängig von der Windrichtung ist, prägt dieses Vergnügen eines entstehenden Bürgertums. Beschrieben wird in diesem kurzen Essay unter anderem der Tod eines Helfers, der ein Halteseil beim Start eines Ballons nicht rechtzeitig losliess – er wurde mit dem Ballon emporgerissen und fiel, als die Kräfte nachliessen, aus grosser Höhe auf die Erde zurück, wobei sich seine Beine bis zu den Knien in ein Blumenbeet rammten. Seine inneren Organe schienen durch den Aufprall explodiert zu sein und lagen verstreut auf dem Beet. Ein Bild, das Barnes im dritten Teil des Buches, demjenigen über seine Trauer, als Symbol für die Erfahrung des plötzlichen Verlusts wieder aufnimmt.

Ein weiteres Bild, das Barnes später mit seinen persönlichen Erfahrungen verknüpfen wird: Nadar, welcher mit seiner Kamera die ersten Fotos aus der Höhe aufnahm. Plötzlich konnten sich die Menschen von weit oben betrachten. Sie waren kleine Punkte auf der Erde, das Subjekt wurde zum Objekt einer weit entfernten Kameralinse. Der Mensch war nicht mehr Mittelpunkt seines eigenen Lebens, sondern wurde selbst zum Trabanten von etwas Grösserem. Dieser Verlust der Handlungsfähigkeit wird zu einer prägenden Erfahrung Barnes während seiner Trauer.

Im zweiten Teil schreibt Barnes über die fiktive Liebe zwischen Sarah Bernhardt und Fred Burnaby, die für Bernhardt eine Episode bleibt – ein Mann allein könne ihr nicht die Erlebnisse geben, die sie benötigt, sagt sie. Für Burnaby ist Bernhardt aber die Liebe seines Lebens. Abendessen, Bett, Schlaf und Frühstück – was braucht der Mensch mehr als diese Muster der Liebe, so Burnaby über die Abende und Nächte mit Bernhardt. Doch Bernhardt zieht die Gefahr der Sicherheit vor. Die Gefahr wird später Burnaby selbst, dem Offizier der Royal Horse Guards, zum Verhängnis. Er stirbt an einem tödlichen Speerstoss in der Schlacht von Abu Klea im Sudan.

Was uns nicht umbringt, macht uns nicht unbedingt stark

Womit der Tod uns wieder an die Hand nimmt und uns zum dritten Teil, zur Geschichte der Trauer mitnimmt. Auch Barnes verliert durch den Tod von Pat Kavanagh seine Subjektivität., weil mit seiner Frau ein Teil von ihm selbst starb: das gemeinsame Erleben, die Vertrautheit, die Freundschaft, die Gemeinschaft, die Liebe. Das gemeinsame Erinnern verliert seinen Gegenpart – und damit sich selbst. Die Trauer macht ihn zum Objekt. Er erlebt sie als etwas, an dem er nicht zielgerichtet arbeiten kann. Viel eher arbeitet sie mit ihm. „Trauerarbeit“ ist ein vielgestaltiger Prozess, dessen Ausgang unsicher ist. Und was sollte am Ende dieser Arbeit stehen? Das Vergessen und Weiterleben? Das Erinnern und Stehenbleiben? Oder beides?

Die Mitmenschen sind keine grosse Hilfe, das wird Barnes schnell bewusst. Vom Rat einen Hund zu kaufen („nicht wirklich ein Ersatz für eine Ehefrau“) über die Ermutigung, in Frankreich Zerstreuung zu finden bis zu verlegenem Schweigen. Barnes reagiert unwirsch auf die in seinen Augen ungenügenden Reaktionen von Freunden und Bekannten. Nur weniges lässt er gelten, wie die mathematische Aufrechnung von erlebtem Glück und empfundener Trauer: „It hurts exactly as much as it is worth. If it didn’t matter, it wouldn’t matter.“ Doch trauert eben jeder Mensch auf seine Weise, so wie jeder Mensch auf seine Weise liebt. „Grief is the negative image of love“, erkennt Barnes. Und so wie man keine allgemeingültigen Ratschläge in der Liebe geben kann, so wird auch der Ratschlag in der Trauer nie gelingen. Zuzustimmen – und das mit Nachdruck – ist Barnes in der nur einige Sätze langen aber umso genussvolleren und radikalen Abrechnung mit Nietzsches Diktum; „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Man solle doch mal ein Folteropfer fragen, ob es das auch so empfinde, schreibt Barnes.

Bleibt der Ausweg Selbstmord, über den der Autor offen spricht. Was ihn, der sich schon „seine“ Methode ausgedacht hat – eine Badewanne, ein Glas Wein, ein scharfes japanisches Messer – schliesslich, wenn auch nicht abschliessend, davon abhält, ist das Wissen, dass mit seinem Tod der „principal rememberer“, der „erste Erinnerer“ an seine Frau sterben würde. Es sei, als würde er sie durch seinen Selbstmord ebenfalls umbringen. Und so lebt er weiter. Lebt so, wie sie es gewollt haben könnte. Sicher sein kann er sich da nicht immer, zumal er neue Situationen erlebt. Und genau in diesen fehlt die Partnerin besonders, weil er sich nicht mit ihr darüber austauschen kann, weil er nicht sicher sein kann, wie er sein Leben nach ihren Wünschen führen kann.

Trauer – so vielleicht das Fazit– ist ein sich immer wieder erneuernder Prozess, vielschichtig, vielgestaltig, unausweichlich, verschlingend, verändernd, erhebend und niederschmetternd und in diesem Sinn tatsächlich das Negativ der Liebe.

Julian Barnes: Levels of Life. Vintage Books 2014. 118 S., Fr. 16.90.
Julian Barnes: Lebensstufen. Kiepenheuer & Witsch 2015, 144 S., Fr. 22.00.

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