Champagner für alle!

Fritz J. Raddatz Erinnerung an die Jahre im Rowohlt-Verlag

Bevor der kürzlich verstorbene Grosskritiker Fritz J. Raddatz Feuilleton-Chef der Zeit wurde, hatte er im Rowohlt-Verlag gearbeitet. Neun Jahren stand er während der 1960er-Jahren im Dienst des Verlegers Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. Erst als Lektor, schliesslich als Geschäftsführer und Ledigs Vertrauter. „Jahre mit Ledig“ heisst das Buch, das uns Raddatz über diese Zeit hinterlassen hat, und im Untertitel „Eine Erinnerung“.

Raddatz entwirft mehr als nur ein Charakterbild von Ledig-Rowohlt, den unehelichen Sohn des Verlagsgründers Ernst Rowohlt. Der von seiner Mutter in den Verlag „geschmuggelt“ wird und den sein Vater – wohl wissend, wer er ist – siezte und mit den Worten kommen liess: „Ledig soll mal kommen“. All dies erzählt uns Raddatz und quasi nebenbei erfahren wir von Stärken und Schwächen Ledigs, von seinem „empfindlichen Gedächtnis“, von seinem Erfolgsgeheimnis („Vieles war ihm egal!“); von seiner Liebe zu seiner Frau, aber auch von seinem herablassenden Umgang mit Mitarbeitenden.

Denn neben diesen Charakterzügen erinnert sich der Mann des Wortes und der Bücher einer untergegangenen Welt und lässt diese auferstehen – für die Dauer der Lektüre. Der Band ist ein Anekdoten-Wimmelbuch. Drei sich gegenseitig belauernde Geschäftsführer beschäftigte der Rowohlt-Verlag in den Sechzigern. Heute unvorstellbar. Während sich diese um Finanzen, Vertrieb und Herstellung kümmerten, holte Raddatz im Auftrag von Ledig die Rechte an den Büchern ausländischer Autoren zum Verlag. Diese waren Ledig lieber, da er – obwohl Lebemann gegen aussen – Angst vor zuviel Nähe hatte. Ledig wollte mit Büchern zu tun haben, nicht mit Menschen.

Bloss ein Angestellter

Raddatz hingegen genoss das Leben mit den Literaten. Wir folgen Raddatz von Skandal zu Skandälchen, von opulenten Einladungen auf Kosten von Gabriele Henkel zu den Nächten an Hotelbars mit internationalen Verlegern des Formentor-Clubs, von Treffen mit den grossen Nachkriegsschriftstellern (Genet, Henry Miller, Enzensberger, Rühmkorf und vielen anderen) Abends die Champagnerkelche immer gefüllt, morgens die Whiskytumbler schon auf den Konferenztischen, wenn es um Geschäfte ging. Auf den Fotos, die den Band illustrieren, rauchgeschwängerte Feste, Ledig die Zigarre stets in der Hand, ob im Verlag oder am Restauranttisch. Keine Zusammenkunft ohne Hochprozentiges und Tabakrauch – ja, das gab es einmal und niemand störte sich daran.

Ausser Raddatz, dem das tägliche Saufen, so schreibt er, dann doch zuviel wurde. Da waren nach neun Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit zwischen dem Verleger Ledig-Rowohlt und dem Geschäftsführer Raddatz schon erste Risse in der Beziehung entstanden. Ledig – so insinuiert Raddatz – war eifersüchtig auf dessen Erfolg. Raddatz sah sich als Teil der Idee Rowohlt, doch in Ledigs Augen war er (bloss) ein Angestellter. Wie er selbst früher von seinem Vater mit den Worten „Ledig soll kommen“ herbeizitiert wurde, so schallte es nun „Raddatz soll kommen“ durch die Verlagsräume in Reinbek. Und Ledig sah seine Angestellten nicht zwingend als Menschen. Auf die Frage eines Hotel-Concierges, wo denn der andere Herr untergebracht werden sollte, antwortete er: „Das ist kein Herr, das ist mein Chauffeur.“

Und so brauchte es nur noch eine kleinen, als Ballon-Affäre in die Annalen des Rowohlt-Verlags eingegangenen Anlasses. Ledig kündigte Raddatz mittels Telegramm – dem frühen Vorläufer der heutigen SMS. Raddatz trifft dies wie die Beendigung einer Liebesbeziehung. Eine spätere Versöhnung Raddatz’ mit Ledig rundet den Band ab, der mit einem Auszug aus dem wunderbaren Nachruf des Kritikers auf den Verleger endet. Dieser beginnt mit den Worten „Ich habe ihn geliebt“; und endet im Original mit denselben Worten. Glücklich, wer einen solchen Nachruf erhält – und glücklich, wer ihn schreiben darf.

Nur mit einer Lilie bedeckt

Wer wird nach dem Tod Raddatz von diesen Zeiten schreibend erzählen? Es gibt sie noch, die Zeitzeugen – aber diese Erinnerungen sind schwer vermittelbar. Raddatz weiss warum: „Vermutlich ist das Flair eines Ledig-Rowohlt den Jüngeren in ihrer Computer-, Website- und E-Mail-Welt kaum noch zu vermitteln.“ Zu weit scheint die Zeit der bis in den Nachmittag reichenden Mittagessen mit Braten, Wein und Schnaps entfernt. Zu exotisch die Idee, dass es Parties gab, an denen gestandene Schriftsteller nur mit einer weissen Lilie bedeckt in Badewannen lagen. Zu fern aber auch die Tage, als Grossschriftsteller wie Martin Walser vor einer Bundestagswahl ein Buch herausgaben, in dem gefragt wurde, ob das Land eine neue Regierung brauche. Welche Autoren der aktuellen neuen Innerlichkeit wären fähig, solche Fragen heute auch nur zu stellen?

Und wer wird, nach dem Tod Raddatz, solche Sätze schreiben: „Ostberliner Büros waren für gewöhnlich gewöhnlich.“ Oder: „Ich war den Tränen nahe, entschied mich dann fürs Pinkeln.“ Und noch einen: „Er war ein Mann, der sich viel traute, sich selbst aber nicht ganz“. Mit Raddatz hat ein grosser Stilist diese Welt verlassen – freiwillig, bevor er seinem Anspruch an Stil nicht mehr gerecht werden konnte. Die Erinnerungen an die Jahre mit Ledig sind ein schwacher Trost – aber immerhin sind sie einer. 

Fritz J. Raddatz: Jahre mit Ledig. Rowohlt 2015. CHF 24.90

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