Die Kinder von Auschwitz

von Jörg Hafkemeyer

Das letzte Kapitel beginnt auf Seite 608 mit den Sätzen: „Keines der überlebenden Kinder von Auschwitz konnte und kann Auschwitz vergessen. Der Schmerz ist immer da… Und mit dem Älterwerden, wenn sie sich nicht mehr so sehr um die eigene Familie kümmern müssen, kommen die Erinnerungen an Auschwitz oft mit noch größerer Wucht zurück.“

Der Steidl Verlag bringt jetzt – 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz durch sowjetische Soldaten – den Band „Vergiss Deinen Namen nicht – Die Kinder von Auschwitz“ von Alwin Meyer heraus. Die in der Nationalsozialistischen Partei Deutschlands, der NSDAP, organisierten Deutschen und ihre Mitläufer haben in den zwölf Jahren ihrer kriminellen Herrschaft beschädigt, verkrüppelt und gemordet. Das übelste Verbrechen war dasjenige an den Kindern in Auschwitz.

Der Autor schreibt gleich zu Beginn: „Kinder in Auschwitz, das ist der dunkelste Fleck im Meer der Leiden und Verbrechen – des Todes mit seinen tausend Gesichter: Rassenwahn, Transporte, Selektionen, Trennung von den Eltern und Geschwistern, Ratten, Seuchen, Experimente, Gestank, Hunger, Gas…“ Alwin Meyer hat eine umfangreiche Arbeit vorgelegt, die das Zeug zu einem Standardwerk hat. Bereits 1982 hat der im ostfriesischen Cloppenburg geborene Fachautor für Rechtsextremismus den Preis „Das politische Buch“ der Friedrich-Ebert-Stiftung erhalten. Über dieses 670 Seiten dicke Buch zu schreiben, es sei hervorragend, klingt merkwürdig und trifft es auch nicht. Es ist auch nicht in einem Stück durchzulesen. Weil es so erschütternd ist.

Nach links in den Tod

Alwin Meyer lässt die Kinder von Auschwitz, die überlebten und die zum Teil sehr alt geworden sind, erzählen, erinnern. Das ist sehr schwer für sie. Herausgekommen ist ein einzigartiges Dokument durch das sich nahezu auf jeder Seite die Frage stellt: Wie konnten Menschen das Menschen antun? „Die Kinder und Enkelkinder der Überlebenden spüren, wie ihre Eltern und Großeltern leiden. Sie wissen oft viel mehr, als ihre Eltern und Großeltern annehmen. Auch wenn diese alles versuchten, um sie vor den Folgen von Auschwitz zu schützen…..Jeden Tag, jede Stunde ist der Schmerz da: Die Erinnerung an die ermordete Mutter, den Vater, die Schwester, den Bruder.“ Säuglinge und Kinder wurden in Auschwitz umgebracht. Mit Giftspritzen, lebend entzweigerissen, verbrannt. Von deutschen SS-Männern und ihren Schergen, von Ärzten der SS. „Nach rechts bedeutete vorläufiges weiter leben. Nach links bedeutete den Tod.“

Bis Ende Januar 1945 wurde in Auschwitz bestialisch gemordet, gequält. Als die 1. Ukrainische Front auf das Konzentrationslager vorrückt, sind die Verbrecher geflohen, die Akten vernichtet. Auch der leitende Lagerarzt Josef Mengele hat seine „Versuchsstation“ abgebaut. Einige tausend Lagerinsassen, verängstigt, abgemagert, ungläubig, blieben zurück. Menschliche Skelette, ohne Schuhe, in Streifenanzügen. Bei eisiger Kälte.

Es ist schon aus Platzgründen unmöglich, auf alle Aspekte einzugehen. Vor allem nicht auf alle Aspekte der nicht fassbaren Brutalität. Vielleicht nur soviel: Auf Seite 382, ein Schwarz-Weiss-Foto: Darauf ist ein Aquarell zu sehen, das 1945 in Paris entstanden ist. Sein Titel: „Mutter und Kind, ermordet in Auschwitz“.

Alwin Meyer: „Vergiss Deinen Namen nicht. Die Kinder von Auschwitz“, Steidl, Göttingen. 760 Seiten, 38.80 Euro / 51.00 Franken

Advertisements

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s