Ein Anker im All – Mythen und Kosmologien der Menschheit

von Katja Lüthy

So rätselhaft und vielgestaltig wie das Weltall selbst zeigt sich die Ausstellung „Kosmos – Rätsel der Menschheit“ im Museum Rietberg in Zürich. Nicht weniger als 17 Mythen und Kosmologien aus fünf Kontinenten präsentieren die Kuratorinnen und Kuratoren des Museums und stellten eine Auswahl von 180 Exponaten teils aus hauseigener Sammlung teils als Leihgabe zusammen. Entstanden ist ein kleiner Kosmos von Ursprungs- und Schöpfungsgeschichten, mathematisch-astronomischen Konstrukten und wissenschaftlichen Debatten, welche ab 2000 v. Chr. erdacht, beobachtet und überliefert wurden. Die Herausforderung, solch komplexe Weltenentwürfe auf kleinsten Raum verständlich und pointiert zu präsentieren, meistert das Museum mit gewohnter Umsichtigkeit. So lehnt sich die Reihenfolge der Beiträge dem Lauf der Sonne an: Beginnend beim Jainismus, einer im 6./5. Jh. v. Chr. in Indien entstandenen Lehre bis hin zur europäisch-westlichen Kosmologie eines Galileo Galilei im 17. Jahrhundert.

Ohne Raum und ohne Mass

Doch schnell wird klar, dass das Allgemeinwissen von Sonnenaufgang im Osten und Sonnenuntergang im Westen nur eine der wenigen Gewissheiten ist, auf die wir uns verlassen können. So stossen wir etwa beim Betrachten des Reliefs mit den neun Gestirnen aus dem Hinduismus (vermutlich 19 Jh.) mit unserem naturwissenschaftlich geprägten Verständnis von Raum an unsere Grenzen. Denn im Hinduismus sind Räume nicht messbar. Gestirne, Götter und auch Gedanken bilden so genannte Kraftfelder und existieren nebeneinander. Folglich stellen Himmelsrichtungen keine Koordinaten dar sondern unbeständige Mächte. Auch die linear verlaufende Zeit, wie wir sie begreifen, steht zur Disposition beim Blick auf die immer wiederkehrenden Zyklen von Schöpfung, Entfaltung und Auflösung.

Der Rabe als Schöpfer

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Zeremonial-Kopfaufsatz mit Rabe Tlingit, vor 1880

Verlassen wir unsere eingetretenen Pfade der geozentrischen und tradierten Sichtweisen auf die Welt, entfaltet sich uns zur Belohnung die dichte und bildhafte, ja poetische Sprache vergangener Epochen, jenseits des sinnlichen wie kurzweiligen Erlebens. So begegnet uns in einem Tabakpfeifenkopf (vor 1872) der heimatlich vertraute Rabenvogel im Beitrag zu den Mythen der Menschen an der Nordwestküste Nordamerikas, deren Leben geprägt ist von der Natur mit ihren mächtigen Wäldern und mitunter eisiger Kälte. Bei dem Volk der Haida fristet der Rabe kein Dasein als Unglücksbote, sondern waltet als Schöpfer namens Yehl. Zwar fehlt ihm der göttliche Gestus, doch wird er als listig und flink beschrieben. Der Rabe Yehl lockt die Menschen aus einer am Strand liegenden Muschel und bevölkert die Inseln Haida Gwaii. Dazu stibitzt der Rabe den Lichtball aus der Kiste eines alten Mannes. Erschreckt vom Adler lässt er den Lichtball fallen, welcher in Ein und Tausende Stücke zerspringt – das grössere steht seitdem als Mond, die kleinen als Sterne am Himmel am Firmament und ein letztes Bruchstück erstrahlt als Sonne.

Gedankenexperiment „Gehirn im Tank“

Zweifellos liegt ein weiterer Gewinn für den Besucher der Kosmos-Ausstellung im unmittelbar ersichtlichen Nebeneinander der Weltentwürfe, wenn dies auch auf Kosten einer detaillierten Darstellung geschah. Doch verführt solch eine pointierte Sammlung von Theorien und Vorstellungen auch dazu, alles Gedachte in Frage zu stellen. So wählten Thomas Fischer und Julia Morf der Schweizer Künstlergruppe Pulp.Noir für ihre Video-Installation zur Ausstellung das philosophische Gedankenexperiment „Brain in a vat“, zu deutsch: „Gehirn im Tank“. Fischer und Morf installierten dafür im Eingangsbereich Projektionsflächen, auf denen etwa Astronauten schweben oder die unvermeidliche Marionette tanzt. Die Idee dahinter lautet, dass ein funktionierendes Gehirn in einer Nährstofflösung mit denselben elektrischen Impulsen versorgt werden kann, wie es sie normalerweise im Körper empfängt. Der Mensch weiss also nicht, ob er etwas wirklich tut oder nur die Impulse dazu erhält.

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Pulp.Noir: Brain in a Vat

Voraussetzung für das Gedankenexperiment ist freilich, dass ein Allmachtswesen den Tank eingerichtet, die Apparatur gebaut hat und die Impulse gibt. Doch die Hindus, das Volk der Haida und andere im Museum Rietberg ausgestellte Völker entwarfen ihre Schöpfer selbst. Und gebe es umgekehrt gedacht ein Allmachtswesen, welches den Völkern Weltentwürfe liefert oder einem Galileo Galilei bahnbrechende Entdeckungen quasi zuwirft, degradiert Pulp.Noir diese Menschen zu stupiden Befehlsempfängern in einer von aussen simulierten Realität. Glücklicherweise verblassen diese Ungereimtheiten schnell angesichts des ausgestellten Faszinosiums der Kulturen. Deren Gelehrtheit und Scharfsinn dürfen bei der Auswahl künstlerischer Ideen für kommende Ausstellungen im Museum Rietberg durchaus als Leitstern dienen.

Ausstellung „Kosmos. Rätsel der Menschheit“, Zürich, Museum Rietberg, bis 31. Mai 2015. Katalog „Kosmos. Weltentwürfe im Vergleich“, Scheidegger & Spiess, 141 S., 34 CHF.

 © der Fotos: Yvonne Hurni, Matthias Haase, Museum Rietberg

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