Die Struktur der Gewalt

Louis Calaferte über eine Jugend in einem französischen Armutsviertel

Der diaphanes-Verlag macht sich immer wieder um die Neuentdeckung fremdsprachiger Literatur verdient. In dieser Tradition veröffentlicht er in diesem Frühjahr Louis Calafertes Erinnerungen an seine Kindheit in der „Zone“, einem Armenviertel in Lyon. Der Verlag wirbt im Klappentext, dass der Autor „auf Augenhöhe mit Pasolinis Ragazzi di Vita“ sei.

Thematisch trifft dies durchaus zu. Wie Pier Paolo Pasolini schildert Calaferte seine Kindheit und Jugend im damals so genannten „Lumpenproletariat“ der dreissiger und vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Armut und Alkohol sind die einzigen Stetigkeiten, die das Leben aller Protagonisten begleiten. Aber während die beiden Wirte im Viertel gute Geschäfte machen, prügeln die Väter, die nach durchzechter Nacht mittellos nach Hause kommen, ihre Frauen und Kinder grün und blau. Jeder schlägt jeden, jeder beschimpft jeden und trostlose Gewalt vergiftet alle Beziehungen. Auch die Promiskuität der Zonenbewohner verläuft gewalttätig: Nach dem lustlosen Akt geht man wortlos auseinander, als kenne man sich nicht.

In dieser Umgebung kann in der Jugendbande Calafertes und ihrer Mitglieder nur die Hierarchie der Gewalt Struktur in den Tag und das Leben bringen. Die Schwächsten werden regelmässig erniedrigt, bis sie blutend und nackt auf einer Brache ihrem Schicksal überlassen bleiben. Am nächsten Tag sind sie wieder da und buhlen um die Aufnahme in die Bande, in der Calaferte die Rolle des Leutnants spielt. Über ihm in der Hierarchie steht nur der muskulöse Schborn

Gewalt ohne Idealisierung

Der Autor Calaferte, der Jahre später dank seines starken Willens, eines Flairs für Literatur und – wie Albert Camus – eines Lehrers, der an ihn glaubt, aus diesem Leben und diesem Viertel ausbrechen kann, schont den Leser in seiner hyperrealistischen Rückschau nicht. Erschreckend wirkt seine Brutalität, wenn er erlebte Misshandlungen nur durch die Anwendung von noch zerstörerischer, noch sinnloserer Gewalt verarbeiten kann. Ohne jeden Grund wird ein Junge bis zum Hals in den Sand eingegraben und seinem Schicksal überlassen. Auch der dreibeinige Hund Scoppiato überlebt das Hauen und Stechen nicht: Calaferte steinigt ihn eines Abends. Der einzige Grund: „weil sich das Verbrechen in mir niederliess“.

Der Autor zeichnet das Bild einer unbarmherzigen Gesellschaft von Menschen, „im Leid ihrer verworrenen Schicksale erstickend“. Jeder Pathos, jedes Verständnis, jede Sozialromantik ist ihm fremd. Nach Erklärungen für das Elend sucht er nicht: „Wer könnte aufstehen und sagen, woraus die totale Verwahrlosung dieser Männer, dieser Frauen, dieser Kinder besteht – dieser Kinder, die in den schneidend kalten Winternächten in den Toreinfahrten liegen? Wer könnte darüber sprechen, ohne sich je zu täuschen?“

Hier findet sich aber auch der grosse Unterschied zu Pasolinis Ragazzi di Vita. Calafertes Kinder stehen nur für sich selbst, während Pasolini die Jugend der römischen Vorstädte in idealistischer Weise überhöht. Wie Pasolini will Calaferte auf diese Menschen aufmerksam machen, aber ihm genügt es, das Elend in der Rückschau aufzuzeigen.

Erschütterndes Selbstzeugnis

Pasolinis junge Stricher und Verbrecher sind über die blosse Existenz hinaus Zeichen für ein anderes, ursprünglicheres Italien als das der Kleinbürger, gegen das er revoltiert. Calafertes Gewalt ist selbst erlebt und muss nicht repräsentieren, während sie bei Pasolini letztlich Mittel zum Zweck darstellt. Was dazu führen muss, dass die literarischen Meriten bei Pasolini zu finden sind – während Calaferte uns ein erschütterndes Selbstzeugnis einer Kindheit in Armut überlässt.

Calaferte hat – im Gegensatz zu seinen Jugendfreunden – den Aus- und Aufstieg geschafft. Er gehörte in den siebziger und achtziger Jahren zu den meistgespielten Theaterautoren in Frankreich, wie der Übersetzer Dieter Hornig in einem luziden Nachwort berichtet. Und doch bleibt das Bewusstsein, aus der „Zone“ zu stammen, immer ein seine Persönlichkeit konstituierender Teil. So wendet er sich im Text an die Jugendfreunde: „Das gemeinsame Gift schreit in meinen Adern und hindert mich daran, so zu leben wie die anderen, lächelnd und sorgenleicht. (…) Ihr könnt euch immer an mich wenden, wo ich auch bin. Ich strecke meine Hand aus und drücke euch an meine Brust. (…) Ich weiss, woher ich komme. Ich habe meine Herkunft nicht verleugnet. (…) Ich bin vielleicht der einzige, der auf euch wartet.“

Louis Calaferte: Requiem für die Schuldlosen. diaphanes, 2015. 189 Seiten. Fr. 24.90

 

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