Reigen der Verantwortungslosigkeit

Schlagartig bekannt wurde der im französischen Troyes lebende Englischlehrer und Autor Jean-Philippe Blondel in Deutschland 2014 mit seinem Buch „6 Uhr 41“ über eine Frau und einen Mann, die sich 30 Jahre nach Beendigung ihrer Beziehung im Zug begegnen und beide tun so, als würden sie sich nicht kennen. Eine literarische Duosonate um die Frage „was wäre, wenn…“. Und eine der Überraschungen im deutschen Bücherjahr 2014, auch wenn der Autor in Frankreich schon lange in der ersten Liga mitschreibt und rund ein dutzend, zum Teil preisgekrönte Romane verfasst hat.

Nun bringt Piper mit „Direkter Zugang zum Strand“ den Erstling des 51-Jährigen aus dem Jahr 2003 in deutscher Übersetzung. Der Text besteht aus einer Reihe von Ich-Erzählungen verschiedener Menschen, die ihre Ferien an französischen Stränden verbringen und aus Ihrem Leben berichten. Die Episoden sind in vier Kapitel zusammengefasst, die in Zehnjahresschritten die Zeit von 1972 bis 2002 einschliessen und jeweils an einem Ort spielen.

Existenzielle Überlegungen

Am Strand in den Ferien – wer hätte das noch nicht erlebt – ist Zeit für existenzielle Überlegungen und dramatische Begegnungen. Wobei: das Letztere widerfährt nicht jedem, der am Meer seine Ferien verbringt. Im Blondels Text ist diese Erfahrung allerdings immer wieder Gegenstand der auf vielfältige Weise miteinander in Beziehung stehenden Protagonisten. Wir erleben einen sich über vier Jahrzehnte erstreckenden Reigen. Menschen treffen sich, verbinden sich, gehen auseinander, treffen sich wieder, kriegen Kinder – erinnern sich an Begegnungen und verneinen ihre Vergangenheit. Und sehr oft wird von diesem einem Moment erzählt, der einem Leben eine ganz neue Richtung gibt.

Wir lernen Natascha kennen, deren Dasein auf dem Kopf gestellt wird, als ihr Kind bei einem Sturm am Strand verschwindet. Sie flüchtet sich in die Schizophrenie und „bringt die kleinbürgerlichen Gewohnheiten der Feriengäste ins Wanken,“ wie es in einer Erzählung heisst. Sprich: Sie bringt die Ferienidylle durcheinander, indem sie sich an verheiratete Männer oder ihre Söhne ranmacht.

Oder Jean-Michel, der als Teenager gegen seinen Vater aufbegehrt, ebenfalls mit Natascha ins Bett geht und von einem Revoluzzerleben in Amerika träumt. Er wird es aber nur zu einem kurzen Besuch in den Staaten schaffen, von dem er noch Jahrzehnte später seinen eigenen Kindern vorschwärmt, selbst längst mutiert zum biederen, reaktionären Familientyrannen. Wobei er damit immer mehr seinem Vater ähnelt. Und sein Sohn Christophe beichtet uns seine Scham über seinen Vater, über dessen Witze niemand lacht.

Auch Léo, ein zwanzigjähriger Nachwuchsschriftsteller, kommt zu Wort. Er beschreibt sein Interesse an seinem Beruf und gibt in Nuce das wieder, was Blondels Reigen auszeichnet: „Die Dissonanzen. Die Missverständnisse. Sie hallen in mir wider. Es ist ein immerwährendes Glockenspiel verletzter Leben.“

Wer die Protagonisten dabei verfolgt, wie sie über die Jahre hinweg ihren Alltag bewältigen und sich dabei mal subtil, mal jäh ändern, erkennt, dass auch ganz unspektakuläre Leben nicht ohne Verletzungen absolviert werden. Manche fügen sie sich selbst zu, manchen werden sie zugefügt, von Fremden, von Verwandten, hin und wieder von den eigenen Kindern.

Fragile Identitäten

Blondel hat ein Buch über Verantwortung geschrieben. Dem Jungen, der zum Mörder wird, versichert sein Richter, er sei nur teilweise schuldig, da er unter schlechtem Einfluss eines Freundes gestanden sei. Worauf er den Freund sogleich skrupellos dem Gericht ans Messer liefert. Verantwortung für sein eigenes Leben und seine Handlungen zu tragen, gelingt nur wenigen Figuren in diesem Reigen.

Vor allem, wenn es um diesen Moment geht, wenn „mit einem Schlag alles ganz anders ist“. Und von Momenten der Fremdheit, wenn man sich fragt: „Was tue ich hier eigentlich?“ Die Rimbaudsche Erkenntnis, dass das Ich fragil ist und – falls überhaupt – erst im Sprengen der Grenzen zu sich finden kann, führt bei den Protagonisten meist ins Gefängnis der Existenz. Vincent, der nach Jahren aus einer als im Sinne des Wortes nutzlos erfahrenen homosexuellen Beziehung ausbricht, findet sich wieder als Mann einer Deutschen und Vater von Zwillingen – „unerträglich in seiner Lebensfreude,“ wie er von einem Mitarbeiter beschrieben wird. Doch in diesem Buch kann dem Leser so viel Glück nur vorübergehend erscheinen, denn wir erfahren schmerzlich, dass mit der Zeit auch die Veränderung kommt; und diese ist selten zum Besseren hin.

Die Momente, die das Leben verändern, fallen einem oft ohne eigenes Zutun zu – fraglos. In der Bewältigung dieser Veränderungen jedoch ist jeder auf sich selbst zurückgeworfen. Dass der Kampf mit den inneren Dämonen dabei oft aufreibender ist als derjenige mit Zumutungen von aussen, scheint in den Geschichten, die Blondel erzählen lässt, immer wieder auf. Dass ein gelungenes Leben zuallererst mit der Verantwortung dafür und der Sorge um sich einhergeht, dies ist die Lehre, die wir aus diesem erstaunlichen, durch seine Verschränkungen mitunter recht verwirrenden Buch ziehen. Ein Buch aber, das zeigt, dass Jean-Philppe Blondel bereits in seinem Debut grossartige Romankonstruktionen zu komponieren wusste.

Und das Meer? Das erscheint zuvorderst als Klischee: nächtliche Treffen am Strand, die beruhigende wie endlose Weite, das Meer als Weg in die Ferne, für Träume und Fluchten gleicherart geeignet. Als Bühne für die Auftritte in diesem Reigen der menschlichen Unzulänglichkeiten tut es aber gute Dienste.

Jean-Philippe Blondel: Direkter Zugang zum Meer. Piper, 2015. 150 Seiten. SFr. 23.90. € 16.99.

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