Hautnah fotografiert: Gordon Parks Bilder der Segregation

Für den durchschnittlichen weissen Kulturblogger, der den einen oder anderen schwarzen Freund hat und sich sonst als weltoffen und liberal versteht – für diesen durchschnittlichen Schreiberling und ebenso für seine Leserinnen und Leser ist es kaum nachvollziehbar, wie Schwarze in den USA der 1950er-Jahre leben mussten.

Und doch: Die Nachrichten, die uns in jüngster Zeit aus den amerikanischen Städten erreichen, zeigen, dass diese Zeiten nicht so weit weg sind, wie es einem lieb wäre. Freddie Gray, ein 25-jähriger Afroamerikaner erlitt am 12. April 2015 bei seiner Festnahme so schwere Rückenmarksverletzungen, dass er daran starb. In Ferguson, Missouri, führte die Erschiessung des schwarzen Teenagers Michael Brown durch Polizisten zu schweren Krawallen. Die darauf folgende Untersuchung zeigte, dass die Polizei Schwarze systematisch benachteiligt und schikaniert. Mit Todesfolgen.

„Getrennt aber gleich“ hiess die Losung

Die Gewalt gegen Schwarze manifestiert sich nicht nur physisch. Wie der schwarze Blogger, Autor und Aktivist Chauncey DeVega aufzeigt, bleibt sie auch Jahrzehnte nach Martin Luther King strukturell verwurzelt in der Sprache und den Ansichten der Weissen. Eine der Wurzeln der heutigen „Riots“ (auch dieses Wort für „Krawalle“ trägt gemäss DeVega auf perfide Art zur Diskriminierung der Schwarzen bei) findet sich in der Segregation, der Rassentrennung im Amerika der 50er-Jahre. „Separate but equal“ hiess die Losung in dieser Zeit. Schwarze wurden von Weissen im Alltag, in der Schule, im Job getrennt; und das war legal, solange die Schwarzen dadurch nicht schlechter gestellt wurden – rechtlich zementiert von Gesetzen, den sogenannten Jim-Crow-Laws.

Die Folgen der Segregation legte der schwarze Fotograf, Filmemacher, Komponist und Autor Gordon Parks 1956 in der renommierten Zeitschrift Life offen. Auf zwölf Seiten in Farbe – damals aussergewöhnlich, waren doch die Schattierungen der Reportagefotografie in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts noch hauptsächlich in Schwarz und Weiss – fotografierte Parks den bedrückenden Alltag einer schwarzen Familie. Parks, 1912 in Kansas geboren, hatte ebenfalls seine Kindheit in Armut verbracht und arbeitete sich zum ersten schwarzen Fotografen von Life hoch. Daneben drehte er Filme (u.a. Shaft mit der berühmten Filmmusik von Isaac Hayes) und schrieb Filmmusik. Mit seiner Reportage 1956 dokumentierte er, dass die Schwarzen in Amerika auch Jahrzehnte nach seiner eigenen Kindheit noch immer geknechtet wurden.

Alltag im Fokus

Von den vielen Fotos, die Parks von den Familienmitgliedern machte, haben es 26 in das Magazin geschafft. Im Frühling 2015 stellten die Gordon Parks Foundation und das High Museum of Art in Atlanta weitere 40 Fotos aus. Der Katalog dazu erschien im deutschen Steidl-Verlag, der sich schon seit Jahren mit Publikationen zu Parks um die Verbreitung seines dokumentarischen Werks verdient macht.

Die Bilder Parks belegen nicht die Gewalt, denen Schwarze in diesen Jahren auch ausgesetzt waren. Es gibt keine Demonstrationen oder offensichtliche Ungerechtigkeiten zu sehen. Vielmehr legte Parks sein Augenmerk auf die alltäglichen Kleinigkeiten, die zeigen, dass auch afroamerikanische Familien mit Stolz und kleinen Eitelkeiten, mit Liebe und Eifer, mit Spass und Anstrengungen ihr Leben bewältigten. Und darin den Weissen ganz gleich waren.

Seperate but surely not equal

Die bittere Erfahrung, dass gleiches Fühlen nicht gleiche Rechte bedeutet, bietet sich dem Betrachter der Fotos oft erst auf den zweiten Blick dar: Eine schwarze Mutter mit ihrer Tochter, die in ein Schaufenster mit Kinderkleidern blicken, die Mutter hat das Mädchen liebevoll im Arm. Im Schaufenster, die Puppen sind weiss. Und aus dem Bild zärtlicher Intimität spricht plötzlich unstillbare Sehnsucht. Oder die Kinder, die mangels Alternativen auf der unbefestigten Strasse vor ihren baufälligen Häusern spielen. Im Schatten eines Baumes, dessen Wurzeln der ständigen Überschwemmungen wegen blossliegen. Die Idylle entpuppt sich als Symbol der Hoffnungslosigkeit.

zmBeim Blättern stösst der Betrachter auf ein Bild, das zu den besten Fotografien des vergangenen Jahrhunderts gehört. Eine Mutter steht mit ihrer kleinen Tochter auf der Strasse vor dem Kino, über ihr die Leuchtschrift, die den Aufgang zur Estrade zeigt, wo die schwarzen Besucher Platz nehmen müssen. Für den Kinobesuch haben sie die schönen Kleider aus dem Schrank geholt, strahlend in Mint und Weiss. Doch der über die Schulter gerutschte Träger des Unterkleids, ein eigentlich nebensächliches Detail, zeigt symptomatisch die tektonische Verschiebung der Gesellschaftsschichten, getrennt durch die Segregation: seperate, but surely not equal.

Und noch während der Autor dieses Artikels im Bildband von Parks blättert, erschiesst ein 21-jähriger Weisser in Charleston, South Carolina, neun Mitglieder einer afroamerikanischen Kirchgemeinde. Die unter anderem von ehemaligen Sklaven gegründete Kirche spielte eine wichtige Rolle in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Barack Obama sagte, in anderen Nationen gebe es diese Art von Gewalt nicht. 60 Jahre nach ihrer Entstehung haben die Fotos offensichtlich nichts an Aktualität verloren.

Gordon Parks: Segregation Story. Steidl / The Gordon Parks Foundation, 2014. 120 Seiten. 50 Euro. Zur Zeit vergriffen, 2. Auflage im September 2015

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