Theorie statt nackte Tatsachen: Kunsthaus ohne Konzept

Körper und Seele, Körper und Umwelt, Körper und Gesellschaft: Seminare zu diesen Themen werden an Zürcher Hochschulen heutzutage sicher inflationär angeboten. Und gewiss existieren noch weitere Bezüge des Körpers zur Aussenwelt, was kann man sich da nicht alles ausdenken.

Der Körper und seine Bezüge zur Umwelt, das interessiert ein breites Publikum, dachte sich offenbar auch das Zürcher Kunsthaus, als ihm der Filmemacher und Sammler Thomas Koerfer Teile seiner Privatsammlung zur Verfügung stellte. Gemeinsam mit der Kuratorin des Kunsthauses, Cathérine Hug, traf Koerfer eine repräsentative Auswahl aus der Sammlung von Bildern und Skulpturen über Körper. Über 100 Werke von etwa 70 Künstlerinnen und Künstlern erwarten die Besucher der Ausstellung „Sinnliche (Un-)Gewissheit“.

Doch schon der einführende Text an der Wand neben dem Eingang zur Ausstellung gibt Rätsel auf:

„Es dringen so viele äussere Einflüsse auf uns ein, dass der eigene Körper – ob nackt oder verhüllt – dem Menschen zum nächstliegenden Filter zur Umwelt wird.“

Nun, der eigene Körper als nächstliegender Filter des Menschen? Erst mal eins mit der unverständlichen Theoriekeule aufs Haupt. In einer Besprechung zur Ausstellung klingt das dann so:

„Hier trifft die Schau einen Nerv der Zeit. Der Körper ist unser nachparadiesisches Werkzeug der Selbstermächtigung.“

Um welche sinnlichen Ungewissheiten geht es jetzt nochmal? Ein Blick auf die Herkunft der Sammlung zeigt zunächst andere Ungewissheiten: Koerfers Vater Jacques, Unternehmer und BMW-Grossaktionär, hatte einst während der Nazizeit begonnen, eine eigene Kunstsammlung anzulegen. Darunter Bilder von Picasso, Gauguin, Cézanne und Mondrian. Ob er dabei von in der Not verkauftem Fluchtgut profitierte, wird noch heute kontrovers diskutiert (siehe dazu die Berner Zeitung). Nach dessen Tod versteigerte Sohn Thomas gemeinsam mit seinen Geschwistern die gesamte Sammlung. Dabei wechselte beispielsweise ein Selbstbildnis von van Gogh für 71,5 Mio. Dollar den Besitzer.

Mit dem Geld aus dem Verkauf der väterlichen Sammlung begannen einige der Koerfer-Kinder, eigene Sammlungen aufzubauen. Thomas Koerfer konzentrierte sich auf Fotografien und Malerei der Moderne bis zu zeitgenössischen Künstlern. Im Zentrum der Bilder und Skulpturen steht der Körper, manchmal verhüllt, meistens nackt; alleine oder im Sexualakt mit einem oder mehreren weiteren Körpern vereint.

Ästhetisierung der weiblichen Unterwerfung

In der nun gezeigten Auswahl aus der Sammlung finden sich unter anderem Werke von Francesco Clemente, Lee Lozano, Boris Mikhailov (mit „Kalenderblättern“ aus einer Ukraine vor dem Mauerfall; ein Leben, das uns so entfernt wie faszinierend scheint), Marlene Dumas und Nobuyoshi Araki. Aber auch die ganz grossen Namen sind vertreten: Edgar Degas, Man Ray, Andy Warhol mit einem Werk namens „Blue Movie“ oder Nan Goldin.

Die Bandbreite geht von der sehr schönen Arbeit „Solo Life“ von Christopher Wool, die völlig körperlos vor allem aus Kreisen und Kreuzen besteht, über angedeutete Masturbationsszenen als Kritik an männlicher Machtausübung (Lee Lozano, aus der frühen Comix-Serie) bis hin zu offen pornografischen Bildern wie Jeff Koons „Ilona’s House Ejaculation“, das Cicciolina nach dem Akt mit Koons Sperma auf dem Rücken zeigt, oder Richard Phillips grossformatiges Bild „Bukakke“, das nicht viel mehr darstellt als die Ästhetisierung der weiblichen Unterwerfung und Geringschätzung im Pornofilm.

Doch kommen wir zur tatsächlichen Ungewissheit, dem fehlenden Konzept der Ausstellung. So nimmt mit der steigenden Anzahl von Bildern, die man beim Gang durch die Ausstellung „konsumiert“, auch die Langeweile und der Unmut zu. Das mag daran liegen, dass von einigen Künstlern eher schwächere Werke zu sehen sind (so bei Andy Warhol). Es liegt aber auch daran, dass sich die Ausstellung aus einer einzigen Sammlung speist. Die Kuratorin war also bei der Auswahl der Werke auf des Sammlers Geschmack und Geschick angewiesen. Sie konnte nicht, wie bei thematischen Ausstellungen üblich, unter hochklassiger Museumsware diejenige Kunst aussuchen, welche das Thema aus diversen, sich ergänzenden Blickwinkeln abbildet.

Richard Phillips  Alone, 2000 © Richard Phillips

Richard Phillips, Alone, 2000, © Richard Phillips

Koerfer selbst hatte im Jahr 2002 in der NZZ bekannt, nicht viel Zeit zu haben, um sich mit der aktuellen Szene zu beschäftigen. Er habe auch keine Berater und er sammle ohne Konzept. Erworben werde, was emotional packt und die eigene Phantasie herausfordert. Dass die Phantasie des Sammlers nicht immer derjenigen des Besuchers einer Ausstellung im Kunsthaus gleichen muss, wird beim Betrachten der Auswahl schmerzlich bewusst. Ein Konzept, das über den beliebigen Slogan „Der Körper in Bezug zur Aussenwelt“ hinausgeht, wird nicht sichtbar. Da kann im Katalog noch so viel Theorie über Sex, Macht, Geld und Nacktheit stehen.

Skateboard als Higlight

Wer genau hinschaut, findet inmitten der nackten Beliebigkeit aber einige Perlen. So die kleinformatigen Fotos von Robert Mapplethorpe, die in ihrer ästhetischen Verletzlichkeit unmittelbar ansprechen. Oder Richard Phillips Kohlezeichnung „Alone“ aus dem Jahr 2000, die für einmal die Leere zeigt, die einen befällt, wenn kein anderer Körper da ist, mit dem gemeinsam die Nacktheit zelebriert wird. Und ganz nebenbei, angekettet an einem Treppenaufgang, steht eines der herrlichen Skateboards von Larry Clark, dessen Unterseite das Foto einer Vagina ziert.

Es bleibt die Frage, warum das Kunsthaus die Ausstellung nicht einfach als Auswahl aus der Koerferschen Sammlung bewirbt, sondern krampfhaft versucht, rund um diese Sammlungstätigkeit eine theoretische Fragestellung aufzubauen, deren Antwort dann die Sammlung geben sollte. Vielleicht ist der Grund für diese überdrehte Intellektualisierung ja ganz simpel: Hätte man nur die Sammlung präsentiert, wäre auch deren Geschichte und damit die Herkunft der eingesetzten Gelder zum Thema geworden. Eine Diskussion, die man offensichtlich lieber der Berner Zeitung überlässt.

Sinnliche (Un-)Gewissheit. Eine private Sammlung. Im Rahmen der Zürcher Festspiele. Zürich, Kunsthaus, bis 4. Oktober. Katalog Fr. 53.–.

Beitragsbild: Lee Lozano, Untitled, um 1963, Öl auf Leinwand, 96 x 111 cm, Privatsammlung
© The Estate of Lee Lozano

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