Bombenleger, literarisch

Ricardo Piglia mischt Campus-Roman mit Bomben-Thriller.

Emilio Renzi, ein beruflich wie privat am Scheideweg stehender argentinischer Dozent für Literaturwissenschaft, nimmt als Lückenbüsser eine Gastprofessur an der elitären Taylor University nahe New York an. Den Job vermittelte ihm Ida Brown, Professorin an derselben Uni und ein akademischer Star, forschend über Dickens und Joseph Conrad. Ein Seminar über Renzis Forschungsinteresse, den argentinisch-britischen Autor W. H. Hudson, soll Browns Vorlesungen ergänzen. Renzi zitiert einmal aus Hudsons Werk die nicht allzu originelle Einsicht: „Wir dürfen auf eine Zeit hoffen, in der es keine Armut mehr gibt, doch das Ende der Prostitution werden wir nie erleben.“

Auf dem bescheidenen Niveau dieses Geistesblitzes seines Forschungsobjekts spielt sich auch die akademische Karriere Renzis ab. Dazu kommt eine offensichtliche Unlust, seinen Studenten etwas beizubringen. Während des Seminars denkt er vielmehr über die sich anbahnende Liebschaft mit Ida Brown oder seine diversen obskuren körperlichen Leiden wie Bewusstseinsstörungen und Schlaflosigkeit nach.

Es überrascht daher nicht, dass er die erste Gelegenheit ergreift, um sich mit etwas anderem als seiner Lehrtätigkeit zu beschäftigen: Ida Brown, mit der er sich nicht nur intellektuell, sondern auch sexuell eingelassen hat, stirbt bei einem Autounfall. Oder war es Mord? Die akademische Sexbombe ersetzen nun echte Sprengsätze.

Bomber-Biografie

Das Buch, bisher ein reichlich unterhaltsamer wie auch kritischer Campus-Roman (ein Assistenzprofessor erschiesst sich wegen ausbleibender Beförderung, die Star-Professorin sucht den emotionalen Ausgleich in sexueller Unterwerfung), wechselt nun sein Kleidchen und wird zum obskuren Mystery-Thriller. Mithilfe eines Detektivs (einem Zerrbild des Hardboiled-Helden aus amerikanischen Krimis), eines Obdachlosen und einer russischen Immigrantin versucht Renzi, die Verbindungen zwischen der Anschlagsserie auf diverse Akademiker und dem Tod Idas aufzudecken: „Es gab auch Beobachter, die den Vorfall mit den rätselhaften Anschlägen in Verbindung brachten, die mehrere scholars und Akademiker an verschiedenen Orten im Land das Leben gekostet haben,“ sagt Nina, die russische Nachbarin. Und schon sind wir mitten in der Geschichte des realen Unabombers, Theodor Kaczynski, der dasselbe verbrecherische Handwerk über Jahrzehnte hinweg in den USA ausübte.

Piglia verlässt in der Folge die Fiktion des durchaus dichten und atmosphärischen Universitätsromans und mischt diese mit den Fakten aus Kasczynskis Leben, der im Roman Thomas Munk heisst. Zu Kaczynskis Biografie findet sich alles Relevante im Internet, weshalb an dieser Stelle darauf verzichtet werden kann, die ins Journalistische ausbrechenden Ausführungen von Piglia zu paraphrasieren. Im Zusammenhang mit dem Campus-Teil des Buches scheint vor allem wichtig, dass Munk, wie der reale Una-Bomber, als durchaus begabter Mathematiker vom akademischen Leben enttäuscht und angeödet war; ein Treiber für den sozialen Rückzug und schliesslich für die Anschlagsserie. Renzi kommt im letzten Teil des Romans der Verbindung von Munk und Brown auf die Spur. Wobei die endgültige Auflösung der Zusammenhänge in der Schwebe bleibt, wie so vieles in diesem Roman.

Aufforderung zur Umkehr

Am überzeugendsten ist das Buch im ersten Drittel, als Campus-Roman, wobei Piglia auf eigene Erfahrungen als Dozent in Princeton zurückgreifen konnte. Auch die Diskussionen über die Macht der Literatur – Munk beruft sich wie Kaczynski auf Joseph Conrad – treibt im Roman einige schön gewachsene und intellektuell erfreuliche Blüten. Dazu präsentiert sich Piglia auch in der deutschen Übersetzung als Autor, der mit seinem Werkzeug, der Sprache, sehr stilsicher umgehen kann. So zum Beispiel in einer Szene, als Munk noch am Anfang seiner Bombenleger-Karriere steht. Er beobachtet eine Möwe, die sich auf einen Parkplatz verirrt:

„Sie schien sich verflogen und den grauglänzenden Asphalt mit der glatten Oberfläche eines Gewässers verwechselt zu haben. Möwen können viele Kilometer über das Meer fliegen, aber normalerweise entfernen sie sich nie so weit von der Küste, es sei denn, sie haben die Orientierung verloren und sind verrückt geworden. Die Flügel ausgebreitet, die Augen gerötet, den Schnabel halb geöffnet, die kleine Zunge heraushängend, taumelte sie umher. Niemand schien sie wahrzunehmen.“

Hätte Munk das Bild als das verstanden, was es ist, nämlich ein Symbol seiner selbst, hätte er vielleicht noch umkehren können.

Im Gedächtnis bleiben von diesem Roman die verhandelten Fragen, wie sich Terrorismus aus Literatur nähren kann, die Piglia anhand einer raschen Abfolge von literarisch-philosophischen Gedankengängen zu falschem und richtigem Leben durchdekliniert, angelehnt an eine reales Terroristendasein, ausgehend von einem Campusroman und mündend ins Ungefähre. Ein Gruss aus der argentinischen Postmoderne.

Ricardo Piglia: Munk. Aus dem argentinischen Spanisch von Carsten Regling. Wagenbach, 2015. 253 Seiten, € 22.90

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