Die Vertreibung aus dem Bio-Paradies

Um es gleich vorwegzunehmen: Schon lange habe ich mich bei der Lektüre eines Buches nicht mehr so geärgert und gleichzeitig so gelangweilt.

Die Journalistin Kristine Bilkau hat mit ihrem ersten Buch „Die Glücklichen“ ein Werk geschrieben über die heutige Generation junger Eltern und ihren Anspruch ans Leben. Darin sollen wir Leserinnen und Leser uns wiedererkennen, sofern wir Eltern sind. Das klappt ganz gut. Vieles, was Isabell und Georg, die Eltern des einjährigen Matti, so denken, kenne ich auch; hab ich auch schon mal gedacht; manchmal hätte ich ab und zu gern noch weiter daran rumgedacht, aber irgendwann merkte ich: Das ist dann doch zu banal, um es weiterzuverfolgen. Und genau diese banalen Gedanken finde ich jetzt zwischen zwei Buchdeckel gepresst in „Die Glücklichen“.

Zum Beispiel Isabell bei der Betrachtung eines Bildes, das sie mit ihrem Kind zeigt:

„Ein Bild von ihr im Bett, sie schläft im Sitzen, ein Kissen im Rücken, und Matti, wenige Tage alt, an der Brust. Ihr eigener Körper und der des Säuglings wussten einvernehmlich, was zu tun war. Sie staunte über das Zusammenspiel, überrascht von dem, was ihr Körper konnte.“

Das ist raffiniert geschrieben – aber ein erschreckend platter Gedanke. Oder Georg, der Journalist, der sich auf einen Bauernhof wegträumt:

„Die Vorstellung, etwas anzubauen gefällt ihm (Kommafehler im Original). Er sitzt auf einem Traktor und zieht einen kleinen Pflug über den Acker. Matti dabei auf dem Schoss. Im Hintergrund geht die rote Sonne unter und durch die Luft schwirren fiepend die Schwalben.“

Tja, auch diese Gedanken kommen wohl jedem Vater mal in den Sinn, an langen Tagen im Büro. Dann sucht man auch mal auf Google nach Landhäusern im Ausland, wie Georg das tut. So what? Mir genügt die Banalität meiner eigenen Gedanken, ich muss sie nicht in Literatur verwurstet konsumieren.

Wust von Banalitäten

Und so geht’s leider immer weiter in dieser Geschichte von Isabell, der Cellistin, die nach der Geburt von Matti wieder arbeiten sollte, aber aus Angst zu versagen erst mal in die Therapie geht, und von Georg, dem Journalisten im Gesellschaftsressort, der eines Tages den Sparmassnahmen im Verlag zum Opfer fällt. Beide sind sie nun arbeitslos. Beide sehen sie einer ganz anderen Zukunft ins Auge, als dem Leben, das sie sich ausgemalt haben. Statt Ferien im Hotel können sie sich nur noch eine Ferienwohnung leisten. Das führt bei Isabell zu Depressionen, weswegen sie die Vormittage im Bett statt am Meer verbringt. Die Vertreibung aus dem Paradies sieht so aus, dass sich die beiden ihren Brötchen in der Selbstbedienung beim Grossverteiler holen statt beim Bio-Bäcker.

Birkau schaut genau hin und zieht den Wust von Banalitäten dadurch noch in die Länge. So erfahren wir über quälend viele Seiten bis ins Detail, wie Isabell Mattis Kinderzimmer neu streicht. Wozu? fragt sich da der nicht mehr so geneigte Leser. Der Neuanstrich dient nicht mal als Symbol. Symbole erkennt man in diesem Buch nämlich schnell, weil sie alle rufen: „Ich bin ein Symbol!“ So der Tresor, den Isabell in Mattis Kinderzimmer hinter einer Tapete entdeckt, und der bis zum Schluss allen Versuchen, geöffnet zu werden, widersteht.

Je länger ich Isabell und Georg durchs Buch begleitete, umso unsympathischer wurden sie mir in ihrem Jammertal des Mittelmasses. Als uns Bilkau gegen Ende gar eine Masturbationsszene zumutet, war es nur noch meine Pflicht als Rezensent, die mich daran hinderte, das Buch ein für alle Mal zu schliessen. Dass dieses Buch so langweilt, ist schade, denn Kristine Bilkau schreibt eine klare, schnörkellose, teilweise melodische Sprache. Ihr Handwerk beherrscht sie, und die Passagen, in welchen Isabell beim Cellospiel Angst vor der nächsten Zitterattacke hat und diese dann auch durchlebt, sind äusserst eindringlich und mitreissend gestaltet. Da die Szene vollständig aus ihrer Perspektive geschrieben ist, weiss der Leser am Ende nicht, ob sie nun tatsächlich schlecht gespielt hat, oder ob nicht alles ihrer von der Angst verzerrten Wahrnehmung geschuldet ist.

Trivial bis zum Ende

Bei dieser Gelegenheit kommt auch das von Bilkau durchgehend verwendete Erzählpräsens zu seinem Recht, da es uns unmittelbar mit der Angst konfrontiert und der Leser mitgefangen ist in diesem Augenblick des Erlebens, der keine Vergangenheit und keine Zukunft ausserhalb der Angst kennt. Die Wahl des Präsens für einen ganzen Roman ist ungewöhnlich und von Birkau wohl getroffen, um Unmittelbarkeit herzustellen. Dadurch geht allerdings auch die Distanz zum Erzählten verloren, was mit dazu beiträgt, dass uns Isabell und Georg unangenehm nahe kommen.

Am Ende haben wir jungen Eltern dabei über die Schulter geschaut, wie sie den Glauben verlieren, dass sie ein Anrecht auf Glück haben. Ein Glück, das reichlich einfach gestrickt ist: Haus, Baum, Kind, wie Georg selbst sagt. Nun stehen sie da ohne Haus, ohne Baum, aber mit Kind. Das wiederum erschreckend triviale Fazit am Ende dieses Buches denkt sich Georg gleich selbst: „Es ist nicht so gelaufen, wie sie gedacht haben, na und.“ Ja, genau.

Kristine Bilkau: Die Glücklichen, Luchterhand, 2015. 304 Seiten. SFr. 26.90. € 19.99.

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4 Kommentare

  1. Du gehst mit dem Buch sehr hart ins Gericht. Ja, ich habe mich beim Lesen schon streckenweise sehr über das Personal geärgert, über deren oftmals „hausgemachte“ Sorgen. Sprachlich – Du schreibst davon, dass Bilkau ihr Handwerk gut beherrscht – fand ich das Buch recht gut, inhaltlich hadere ich immer noch sehr. Die Symbole – das Streichen des Kinderzimmers als Metapher auch für den Wunsch, direkt wieder in die Kindheit zu schlüpfen, nicht „Erwachsen“ werden zu wollen – waren mir auch manches Mal zuviel. Die Tresor-Symbolik: Da habe ich glatt drüber hinweggelesen.

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    1. Liebe Birgit, danke für deinen Kommentar. Ich habe mir einige Tage Zeit gelassen für die Rezension, um Abstand von der Lektüre zu gewinnen, dennoch wurden es harrsche Worte, ja. Ich wollte dem Lob, das allenthalben zu lesen ist (wenn es auch starke andere Stimmen gibt), eine deutliche Kritik entgegensetzen. Ich bin aber auch gespannt, ob Kristine Bilkau ihr nächstes Thema etwas tiefer durchdringt, denn schreiben kann sie ja wirklich.

      Ich mache mir so kritische Rezensionen nicht einfach, und als ich gehört habe, dass Bilkau vier Jahre an dem Buch geschrieben hat, hatte ich gleich nochmals Zweifel. Aber dann: Was wären es für Rezensionen, wenn ich nicht schreiben würde, was ich für richtig halte!

      Hier allerdings wurde ein recht emotionaler Text daraus, die einordnende Analyse, die ich sonst wenigstens versuche, ging verloren. Naja, auch das sei einmal erlaubt. Darum auch die „Ich-Form“, die ich sonst vermeide

      Danke auch für die Erklärung der Kinderzimmer-Anstreicherei. Deine Interpretation scheint mir nachvollziehbar. Andrerseits kann es natürlich auch den Wunsch ausdrücken, die eigene Kindheit zu überstreichen, sich von ihr zu lösen, die Elternrolle anzunehmen. Wir werdens wohl nie wissen.

      Bin gespannt, ob wir das Buch auf der Longlist wiederfinden.
      Grüsse, Gregor

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      1. Lieber Gregor,
        eben: Man muss das schreiben, was man für richtig hält und emotional darf es ja durchaus auch sein – zumal ich bei Deinem Blog ja sehe, dass Du dich ernsthaft mit den gelesenen Büchern auseinandersetzt und es nicht um „Draufhauen“ geht um der Aufmerksamkeit willen. Zumal Du ja Deine Ablehnung des Buches gut begründest. Ich finde die Argumente durchwegs nachvollziehbar – ich hadere, ja wie gesagt, immer noch mit dem Buch, mit einer Besprechung. Sprachlich, stilistisch finde ich es gut – was aber auch die Gefahr in sich birgt, dass man über manches hinwegliest (bei mir der Tresor…). Aber die Figuren bleiben so fremd, auch so ungreifbar, sie sind auch nicht besonders tief gezeichnet – und sie sind mir unsympathisch, was wiederum meinen Blick auf das Buch verstellt.
        Ich bin mir jedoch ziemlich sicher, dass es auf die Longlist kommt – weil es so ein Echo hat.
        Viele Grüße, Birgit

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  2. Hart, aber fair! Ich würde nicht ganz so weit gehen wie Du in meiner Kritik, fand das Buch aber insgesamt auch enttäuschend. Lebloses Personal, viele Ereignisse einfach nur ein Sturm im Wasserglas, dazu ein blasser Schreibstil. Aber die Sales Points Gentrifizierung, Kreativmillieu und LOHAS haben dem Buch wohl zu einigem Erfolg verholfen. Ein Roman der uneingelösten Versprechen. Übrigens haben wir unter https://ltabooks.wordpress.com ausführlich über den Roman diskutiert..
    Liebe Grüße, Tobias

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