Einblick ins Goldene Zeitalter

Das Zürcher Kunsthaus zeigt kleinformatige Meisterwerke der niederländischen Kunst

Dass nicht unbedingt eine runde und interessante Ausstellung erwächst, wenn ein öffentliches Museum eine private Sammlung zeigt, lässt sich im Zürcher Kunsthaus zur Zeit in der Schau „Sinnliche Ungewissheit“ erleben und wurde in diesem Blog bereits beschrieben.

Dass aus einer privaten Sammlung dank kluger Ergänzungen aus den eigenen Beständen aber auch ein beglückendes Erlebnis resultieren kann, zeigt die ebenfalls aktuell im Zürcher Kunsthaus zu sehende Ausstellung «Ein Goldenes Zeitalter» mit Meisterwerken der holländischen Malerei aus dem 17. Jahrhundert.

Rund 50, zumeist kleinformatige Werke aus dem „Goldenden Zeitalter“ der holländischen Malerei, die durch sammlungseigene Werke ergänzt werden, entstammen einer Privatsammlung, von deren Herkunft es in der Mitteilung des Kunsthauses heisst, der Sammler selbst ziehe es „höflich vor(…), ungenannt zu bleiben“. Was daran höflich ist, bliebt unsereins zwar schleierhaft, aber dass soll nicht die grosszügige Geste schmälern, die gesammelten Bilder dem breiten Publikum zugänglich zu machen. Wobei durch eine Ausstellung im renommierten Kunsthaus natürlich auch der Sammlungswert wächst. Aber „honi soit qui mal y pense“.

Isaack Luttichuys: Brustbild eines lachenden Jungen

Isaack Luttichuys:
Brustbild eines lachenden Jungen

Was aber gibt es nun zu sehen? Zauberhafte Bilder aus einem wahrhaft goldenen Zeitalter der europäischen  Kunstgeschichte. Die nördlichen holländischen Provinzen haben im späten 16. Jahrhundert ihre Unabhängigkeit erklärt und prosperierten. Die südlichen, flämischen Provinzen blieben im Gegensatz zum protestantischen Norden katholisch – und prosperierten ebenso. Der Katholizismus hielt die dort ansässigen Maler nicht davon ab, neben religiösen Motiven ebenso wie ihre Kollegen aus dem Norden auf die gut verkäufliche Genremalerei, auf Stillleben und Porträts zu setzen. Wobei gerade die Portraits einer aufstrebenden Bürgerschicht von deren Ansinnen erzählen, die Aristokratie auch in der Kunst einzuholen.

Das „Brustbild eines lachenden Jungen“ des Amsterdamer Porträtisten Isaack Luttichuys, das nicht aristokratische Hofmalerei, sondern ein Mittelding zwischen Gasthaus-Genremalerei und Porträt darstellt, mag für diese Entwicklung stehen. Stupend die perfekte Zahnreihe, die einem heutigen Hollywoodstar gut anstehen würde. Ob die zeitgenössische Zahnmedizin oder doch der gütige Blick des Künstlers dafür verantwortlich ist, wird wohl im Dunkeln bleiben.

Schwebende Schmetterlinge

Der Bruder von Isaack Luttichuys, Simon, ist ebenfalls in der herausragenden Sammlung vertreten. Er konzentrierte sich auf Stillleben, und das in der Ausstellung gezeigte Werk ist ein aussergewöhlich dynamisches Exemplar dieser Gattung. Die als Luxusobjekt gern gezeigten Austern sind so frisch, dass das Wasser aus ihnen heraustropft. Exakt diesen Moment hat der Maler eingefangen.

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Adriaen Coorte: Spargelbündel mit Kirschen und Schmetterling

Demgegenüber erscheint der fliegende Schmetterling in Adriaen Coortes Stillleben „Spargelbund mit Kirschen und Schmetterling“ umso statischer. Halt wie hingemalt. Und doch fasziniert dieses nur 25×20 Zentimeter grosse Kleinod, wenn man vor ihm steht. Der 1665 geborene Künstler war lange vergessen, nun erfährt der Schüler von Melchior de Hondecoeter, der sich auf die Abbildung von Spargelbündeln spezialisierte, die gebührende Aufmerksamkeit.
Auch Spargeln waren Luxusobjekte, und wer die einzelne Spargel in Coortes Malerei genau betrachtet, versteht warum. Und staunt, wie man ein solches Wunderwerk der Natur überhaupt verspeisen kann. Weniger erstaunlich ist es da, dass der Schmetterling sich gar nicht entscheiden kann, auf welchem Spargel er landen soll – und darum wie angepinnt in der Luft schwebt.

So wie in diesem Bild sind in vielen weiteren Kleinformaten wunderbare, hin und wieder aber auch erschreckende Geschichten zu entdecken, so im Winterbild Hendrick Avercamps, in dem am Rande des winterlichen Sportvergnügens ein Mann am Galgen baumelt.

Der Besuch der Ausstellung lohnt und dem Kunsthaus ist zu wünschen, dass es dem Zwang, private Sammlungen zu zeigen, mit dem Willen entgegentritt, diese in eine kunsthistorischen Kontext einzubinden, wie es bei dieser Ausstellung sehr schön gelungen ist.

«Ein Goldenes Zeitalter» – Meisterwerke der holländischen Malerei. Zürich, Kunsthaus. Bis 29. November. Katalog: Fr. 49.-

Beitragsbild: Hendrick Avercamp: Winter-Landschaft mit Eisvergnügen, frühes 17. Jh.
Öl auf Kupfer, 20 x 26 cm, Privatsammlung

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