Aus der Zeit gefallen

Silvio Blatter seziert eine Familie.

„Life is What Happens To You While You’re Busy Making Other Plans“ singt John Lennon in „Beautiful Boy“. Und plötzlich steht man am Graben, der das aktive Berufsleben von dem trennt, das danach kommt. Isa Lerch war eine erfolgreiche Radiomoderatorin mit „robuster Stimme“, nun muss sie sich vom Mikrofon trennen. Bereits lauert ihr ihre Nachfolgerin auf, die an einem Feature über Isas Radiokarriere arbeitet. Von der jungdynamischen Journalistin ins Rentenalter gequatscht, gewissermassen.

Isas Mann, Severin, ist ein Bildhauer, der in einer ausgedienten Kiesgrube aus Baumstämmen Skulpturen schafft, Frauen mit einem „derbgeschnitzten Geschlechtsteil, das er (…) mit einem Farbklecks markiert.“ Diese Skulpturen, von denen er immer neue gestaltet, haben ihm zu bescheidenem Ruhm verholfen. Ruhm, der leider allzu schnell verblasste, und mittlerweile beschleicht Severin die Angst, dass er im selbstgeschaffenen Paradies, dem Atelier in der Kiesgrube, lebenslang gefangen bleibt.

Die beiden haben zwei Kinder, Matthias, der sich in eine sehr einseitige Liebe zu einer kosovarischen Frau verstrickt und ansonsten Leadership-Seminare leitet, und Sandra, die Familienfrau, deren eigene Idylle sich bald als äusserst zerbrechlich erweist.

Suspekte Momente der Ruhe

Während der Zürcher Autor Silvio Blatter die Leser zu Anfang noch mit Sandras an Tolstoi erinnernde Beschreibung einlullt („Eine glückliche Familie ist wie ein Marmorkuchen. Seine Zutaten machen ihn aus, sie sind herrlich ineinander verbacken“), so wird bald klar, dass auch diese Familie nicht zu den glücklichen gehört. Immer tiefer windet sich Blatter in spiralförmigen Erzählgesten in die familiären Beziehungen hinein, bis er die Verletzungen der einzelnen Protagonisten blosslegt. Während der Zahn der vergehenden Lebenszeit an den Eltern nagt, versuchen die Kinder, ein der Gegenwart gemässes Glück zu leben; ein Lebensentwurf, der der älteren Generation spiessig vorkommt. Und auch die Jüngeren trauen ihrem Leben nicht immer. Als Matthias einen kurzen Moment der Ruhe geniesst, fühlt auch er sich wie aus der Zeit, aus der Realität gefallen: Er „genoss den Latte Macchiato, die knusprigen Croissants und wähnte sich für einen Moment im Kino.“ Einfach gestricktes Glück ist der Postmoderne suspekt.

Am Ende bricht das alternde Paar auf je eigenen Wegen, aber nicht getrennt, in ein neues Leben auf und trifft dabei Entscheidungen, deren Mut denjenigen ihrer Kinder weit hinter sich lässt. Silvio Blatter, der seit Jahrzehnten an einem lesenswerten, eigenständigen Werk schafft, ist ein leises aber umso eindrücklicheres Werk gelungen. Es handelt von Menschen und ihrem Versuch, sich in ihrer Zeit zurechtzufinden. Dass sie dabei manchmal aus ihr herausfallen, bringt die condition humaine mit sich. Die Kunst besteht darin, den Weg zurück zu finden.

Silvio Blatter: Wir zählen unsere Tage nicht, Piper, 304 Seiten. € 19.99, SFr 28.90. 

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