Die Nase vorn

Lugano wird mit dem LAC zum kulturellen Hot-Spot

Wer vom Schweizerisch-italienischen Grenzübergang Gandria in Richtung Lugano fährt, hat vom leicht erhöhten Vorort Castagnola einen grandiosen Blick über den See auf die Skyline der Südschweizer Finanzmetropole. Und wer genau hinschaut, erkennt die Veränderung, die aus der Stadt nun auch eine regionale Kulturmetropole macht. Seit wenigen Wochen streckt am Rande des Stadtzentrums das neue LAC, Lugano Arte e Cultura, das Kulturzentrum der Stadt und des Kantons, seinen Museumsflügel wie eine auf Land gebaute schmale Tatze Richtung See aus.

Fünf Jahre lang wurde gebaut, 2’500 Quadratmeter Fläche stehen nun für Ausstellungen und einen modularen Theater- und Konzertsaal zur Verfügung. Der Tessiner Architekt Ivano Gianola hat ein Meisterwerk aus Guatemala-grünem Naturstein und rotem iranischen Marmor sowie viel Glas abgeliefert. Neben dem lange als Brandruine vor sich hinvegetierenden Nobelhotel Palace und der benachbarten Kirche Santa Maria della Angioli mit ihren bezaubernden Fresken baute Gianola auf wenig Platz ein Ensemble, das den Vergleich mit Kulturtempeln grösserer Städte nicht zu scheuen braucht. Und das Palace sowie der die Baustile vieler Jahrhunderte vereinende Kreuzgang des ehemals zur Kirche gehörenden Klosters wurden im Rahmen des Neubaus gleich mit saniert, wobei das Hotel zu Wohnungen umfunktioniert wurde. Nur wenige Schritte von Luganos Touristenmeile Via Nassa entstand so ein neues kleines Hideaway für gestresste Touristen oder Einheimische, dessen Cafés und kleine, umfriedete Parks sich herrlich für eine Ruhepause eignen.

Architektur mit Ausblick

Aber geruht wird nur, um sich sodann gestärkt durch die Eingangstore in die grandiose Halle des LAC zu begeben. Dort befindet sich das Welcome-Desk des Kulturzentrums, welches das aus den städtischen und kantonalen Kunstmuseen fusionierte Museo d’arte della Svizzera italiana (MASI) sowie den Saal mit einer 400-Quadratmeter-Bühne beherbergt. Das Museum nimmt zwei Stockwerke des Flügels ein, der sich auf massiven rotmarmornen Stelzen über den offenen Platz in Richtung See streckt. Im Untergeschoss soll die Sammlung ihr Heim finden, während die beiden Obergeschosse mit den abschliessenden Panoramafenstern (eines Richtung Stadt und See, eines Richtung San Salvatore) für Wechselausstellungen genutzt werden.

LAC Lugano Arte Cultura L’edificio visto dall’esterno © LAC 2015 – Foto Studio Pagi

LAC Lugano Arte Cultura. L’edificio visto dall’esterno © LAC 2015 – Foto Studio Pagi

Erklärtes Ziel der LAC-Betreiber unter dem Direktor Michel Gagnon, der vom grössten Kulturzentrum Kanadas in Montreal an die Gestade des Ceresios wechselte, ist es, das Zentrum zu einer der wichtigsten Schweizer Kultur-Locations und Lugano zur „crossroad“ zwischen den Kultur-Spots nördlich und südlich der Alpen zu machen. Dieses Selbstbewusstsein wird auch nötig sein, um der nur eine Zugstunde entfernten Metropole Mailand die Kultur-Stirn zu bieten und genug Publikum anzuziehen, um die 1’000 Plätze im Konzertsaal regelmässig zu füllen.

Wie oft bei Inaugurations-Ausstellungen will auch die erste Schau im LAC dessen Bestreben und Ziel aufnehmen, und so könnte diese Ausstellung nicht treffender betitelt werden: „Orizzonte Nord Sud“ stellt mit einem teils fabelhaften Flair für Wirkung und Aussage von Kunst(werken) kreative Geister nördlich und südlich der Alpen in einen konstruktiven Dialog. Zumeist zwei Künstlern (die Frauen sind nur durch Sophie Täuber-Arp und damit sträflich untervertreten), je einem aus der Schweiz und Italien, gibt der Kurator (und Direktor des MASI) Marco Franciolli Raum, um mit ihren Werken Zwiesprache zu halten und damit zugleich etwas Neues zu erschaffen.

Dialogorientierte Ausstellung

Die Dialoge beginnen mit dem 18. Jahrhundert, in dem sich die Nordländer aufmachten, auf der Grand Tour Italien mit seinen Zitronenbäumen und seinen antiken Stätten zu entdecken. Die Ausstellung wird vom einzigen Künstler eröffnet, der nicht aus einem der beiden Alpenländern stammt: William Turners Bilder seiner Reise durch die Alpen geben einen Einblick in das Interesse an diesem Hochgebirge und dem, was dahinter auf die neugierigen Italienfahrer wartete. Das goldene Licht der Aquarelle Turners kontrastiert mit den eher düsteren Farben der Bilder von Caspar Wolf und Giovanni Battista Piranesi. Die beiden Künstler inspizierten die Mythen der Grand Tour: Die Alpen mit ihren Naturwundern und gewagten Steinbrücken, der Süden mit seinen antiken Stätten.

Schon in diesen Werken deutet sich an, was sich im Verlauf der Ausstellung bestätigt: Die hervorragende Qualität der von Museen und Sammlern aus aller Welt nach Lugano ausgeliehenen Werke unterstreicht die Wertschätzung, welche die etablierten Institutionen dem MASI bereits jetzt entgegenbringen.

Giorgio De Chirico Autoritratto con la testa di Mercurio 1923 Tempera su tela, 65 x 50 cm Collezione privata © 2015, Prolitteris, Zurich

Giorgio De Chirico Autoritratto con la testa di Mercurio
© 2015, Prolitteris, Zurich

Im folgenden Raum korrespondieren Arnold Böcklin und der fast ein Jahrhundert jüngere Giorgio de Chirico. Zwei Werke zum Kampf der Kentauren zeigt eindrücklich den Einfluss des Symbolisten auf den Metaphysiker. Während Böcklin den mythischen Inhalt der bisher geläufigen akademischen Distanz entreisst und uns expressiv nahebringt, spielt de Chirico in Farbe und Form auf seinen fernen Schweizer Mentor an und holt das Motiv aus der Kitsch-Ecke zurück, in die es kurzzeitig gedrängt worden war. Dazu kommen zwei Selbstporträts von de Chirico, die in ihrer Intensität und der Darstellung eines künstlerischen Selbstverständnisses zu den eindrücklichsten Werken der Ausstellung gehören.

Bürgerliche Frühstückstische

In dieser Art setzen sich die Dialoge zwischen Nord und Süd fort – und doch immer wieder anders und individuell verschieden. Ferdinand Hodler trifft auf Adolfo Wildt. Beider Bilder (von Hodler sind Bilder der sterbenden Valentine Godé-Darel zu sehen) werfen eher einen düsteren Blick auf die menschliche Existenz.

Medardo Rossos Wachs-Büsten stehen neben farbenfrohen Bildern von Giovanni Segantini, während Félix Valloton und Felice Casorati in ihren Frauenbildnissen einen sehr ähnlichen Blick auf die Frau werfen – bis hin zu identischen Haarschnitten der Modelle.

Albert Anker Stillleben: Tee 1877 Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte, Winterthur

Albert Anker. Tee, 1877
Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte, Winterthur

Giorgio Morandi. Natura morta, 1952 © 2015, Prolitteris, Zurich

Giorgio Morandi. Natura morta, 1952
© 2015, Prolitteris, Zurich

Stupend die Gegenüberstellung der Stillleben von Albert Anker und dem ein Dreivierteljahrhundert später malenden Giorgio Morandi. Während Anker noch bürgerliche Frühstückstische darstellt und mit Lichtreflexen auf Likörgläsern Bezug nimmt auf die grosse Tradition dieses Genres, führt Morandi das Sujet durch die blosse Konzentration auf Form und Farbe bereits in die Moderne.

Erstaunlich aktuell sind die Versuche von Giacomo Balla, dem italienischen Futuristen, die aufkommende Geschwindigkeit durch die Industrialisierung zu Beginn des letzten Jahrhunderts in abstrakte Bilder zu fassen. Geometrien, die noch heute durch ihre Dynamik unmittelbar auf den Betrachter wirken. Die Geschwindigkeit des eigenen Lebens, hinter der wir oft nur staunend zurückbleiben können, ist in Ballas repetitivem Bildaufbau ganz aktuell wiedergegeben. Ihm sind Fortunato Depero, ebenfalls den Futuristen zuzurechnen, und Sophie Täuber-Arp gegenübergestellt, die mit den ausgestellten Marionetten qualitativ in einer anderen Liga (und damit ist nicht eine höhere gemeint) spielen.

Das Nichts des Schlitzes

Lucio Fontana Concetto spaziale, New York 10 1962 Rame, tre elementi, 234 x 94 cm ognuno. Fondazione Lucio Fontana, Milano © 2015, Prolitteris, Zurich

Lucio Fontana. Concetto spaziale, New York
Fondazione Lucio Fontana,Milano
© 2015, Prolitteris, Zurich

Nach gewohnt herrlichen Bildern von Max Bill und Luigi Veronese, deren Werke-Dialog einfach Spass macht, und einer eher unmotiviert hängenden kleinen Auswahl von Klee-Bildern (auch die machen Spass, es ist nur unklar, was sie in dieser Ausstellung zu suchen haben, zumal ihnen kein südlicher Partner gegenübergestellt wird), kommen wir zum Schluss und dem furiosen Highlight der Ausstellung. Werke von Alberto Giacometti treffen auf concetti spaziali von Lucio Fontana. Beide Werkgruppen alleine sind bereits Wunder für sich, aber im Austausch zwischen ihnen entsteht etwas Neues, das zu einer Spannung führt, welche die Räume des LAC beinahe vibrieren lässt. Der ansonsten äusserst informative Katalog gibt zu diesem Austausch leider nicht viel her, da der Beitrag des Mailänder Kunsthistorikers Francesco Tedeschi hierzu sehr theoretisch daherkommt.

Alberto Giacometti La clairière 1950 Bronzo patinato, 59.5 x 65.5 x 52 cm Collezione privata © Successione Alberto Giacometti / 2015, Prolitteris, Zurich

Alberto Giacometti. La clairière, 1950
© Successione Alberto
Giacometti / 2015, Prolitteris,
Zurich

Fontana, Schüler von Adolfo Wildt und bekannt mit Luigi Veronesi (auch in diesen vertikalen Bezügen durch die Zeit zeigt sich das feine Händchen des Kurators), nimmt mit seinen Tagli, den Schnittbildern, ebenso Bezug auf das Individuum im Raum, wie Giacometti mit seinen fragilen Figuren. Diese schlanken Skulpturen nun gespiegelt im Nichts des Schlitzes bei Fontana öffnen neue Bedeutungsräume in der gedanklichen Auseinandersetzung mit beider Künstler Werke. «Die Form löste sich auf, es war, als wären es nur noch Körner, die sich vor einer tiefen, schwarzen Leere bewegten.» Diese existenzielle Erfahrung Giacomettis aus seinem Kunststudium lässt sich im Widerspiel auch auf Fontanas Wiedergabe der Realität anwenden.

Das Abschlussbild, Giacomettis L’homme qui marche II vor der durchs Panoramafenster glänzenden Silhouette von Lugano, ist eines derjenigen Erlebnisse, die nur die Kunst, nicht das Wort widergeben kann. Selten erfühlt man die Vereinzelung des Individuums angesichts der ihn umgebenden Masse eindrücklicher. Schon allein für diese Erfahrung lohnt sich die Reise nach Lugano.

Sowohl mit dem LAC selbst als auch mit der Inaugurationsausstellung ist den Betreibern ein klares Statement gelungen: Hier sind wir, und wir wollen künftig im Kulturbetrieb mitspielen. Und zwar nicht als Transitstation, sondern als eigenständiger Pol, der das beste aus zwei Kunstsphären zu vereinen vermag. Zu wünschen und zu gönnen ist den Luganesi der Erfolg allemal.

LAC Lugano
Piazza Bernardino Luini, 6
CH – 6900 Lugano

Orizzonte Nord-Sud. Leading figures of European art North and South of the Alps 1840–1960
from 12.09.15 to 10.01.2016. Katalog.

Beitragsbild: LAC Lugano Arte Cultura. Sala espositiva L1 © LAC 2015 – Foto Studio Pagi

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