Soviel Konzept war nie – Die FIAC 2015 in Paris

Auf die wachsende Komplexität der Welt scheint die Kunst zunehmend Antworten im Konzeptualen zu suchen. An der FIAC, der Foire internationale d’art contemporain, die vergangenes Wochenende in den hochherrschaftlichen Sälen des Grand Palais die weltweite Sammlerelite in Paris vereinigte, haben die Abstraktion und die Konzeptkunst die Kojen der grossen wie kleinen Galerien erobert.

An kaum einer dieser „Booths“ kann der Flaneur mehr vorbeigehen und Kunst einfach auf den ersten Blick begreifen. Gleich ist der Galerist, die Galeristin zur Stelle und fragt, ob man Erklärungen zu den Werken möchte. Und das ist auch bitter nötig. Wer nicht weiss, was sich der Künstler gedacht hat, steht vor dem Werk wie der Hase vor dem Supermarkt: Es mag ja verführerische Inhalte geben – nur keine Ahnung, wie man drankommt.

cerletty

Mathew Cerletty. Almost Done 2. Office Baroque

Sogar figurative Malerei, wie sie Mathew Cerletty in auf den ersten Blick ostentativer Naivität betreibt, zeigt auf den zweiten Blick eine unergründliche Tiefe hinter dem idyllischen Schein. Dass der Galerist am Stand auf mein gemurmeltes „Beautiful“ nur zynisch lächelt, macht mir brutal klar, dass ich offenbar gar nichts verstanden habe.

Als weiteres Beispiel für die Unausgewogenheit meines Verstandes und der Tiefe des Konzepts dient eine in einem Plexiglashaus liegende Krawatte, eine Installation von Mathieu Mercier bei Mehdi Chouakri, die viel Aufsehen erregte. Mercier war 2014 in der Lokremise St. Gallen zu sehen. Und doch komme ich ohne Erklärung des freundlichen Galerie-Mitarbeiters nicht auf den tieferen Sinn des Werks. Mit Erklärung allerdings auch nicht.

Bei der New Yorker Galerie Bortolami konnte man halbe Stunden verbringen, um den intelligenten Ausführungen zuzuhören und so zu erfahren, warum Tom Burr einen Anzug, eine Stellwand und das Buch „Pasolini, a violent Life“ kombiniert. Darin kommt ein Tommaso vor, und alle Erklärungen zusammengenommen – Burrs Interesse an Namensvettern, an der Dichotomie von privaten und öffentlichen Räumen, an Pasolinis Leben und an seiner eigenen Sexualität – ergeben ein stimmiges Bild, das sich im Kunstwerk selbst vielschichtig widerspiegelt. Etwas zugänglicher sind bei derselben Galerie die Rauch- und Russbilder von Claudio Parmiggiani, der den vergänglichen Materialien in einem aufwändigen Verfahren ebenso vergängliche Lebewesen, Schmetterlinge, entlockt.

Claudio Parmigiani: Untitled. Bortolami.

Claudio Parmigiani: Untitled. Bortolami.

Richard Jackson. Deer and Skeleton. Valleys, Paris

Richard Jackson. Deer and Skeleton. Valleys, Paris

Einiges brachialer und vielleicht gar ohne Konzept kommt ein neues Werk des Altmeisters Richard Jackson bei der Galerie Vallois (Paris) daher, der seinen gewohnt schalkhaften Geist („Kunst ist ungewöhnliches Verhalten“) in ein Skelett haucht, das ein Reh würgt.

Subversiver Realismus

Abstrakter, aber auch berührender, wird es bei einer meiner Long-Time-Favoritin, Alicja Kwade, die vergangenes Jahr noch auf der Empore, bei den kleineren Galerien, gezeigt wurde (von diesen gleich mehr). Heute ist sie mehrfach im Hauptfeld vertreten. So bei 303 Gallery, New York, mit diversen Pulvern in Weckgläsern, die – unzerrieben – einmal eine Uhr waren. Am gleichen Stand zeigt sie Moot Matter, ein neues Werk aus Kupfer-Tunnels und einem Uhrwerk. Zu hören ist es, im Gegensatz zu einem ähnlichen Werk mit Uhr in der Ausstellung in St. Gallen im Frühjahr, nicht – zu laut ist der Trubel auf der FIAC.

Alicja Kwade. Trait Transfer. kamel mensuur

Alicja Kwade. Trait Transfer. kamel mennour

Anish Kapoor. Untiteled. Lisson

Anish Kapoor. Untitled. Lisson

Michel François. Asphalt. carlier | gebauer

Michel François. Asphalt. carlier | gebauer

Bei kamel mennour, Paris, zeigt Kwade ein neues Werk, in dem der Betrachter Teil des Kunstwerks wird. Diese Verdinglichung des Selbst kann an der Messe noch an anderen Ständen erfahren werden. So bei Marian Goodman dank eines Spiegels von Gerhard Richter, bei Lisson (und anderen) in einem der unumgänglichen Hohlspiegel von Anish Kapoor, bei Luhring Augustine in einem Werk von Michelangelo Pistoletto (inkl. einem auf ewig ungedeckt bleibenden Tisch), bei Hauser & Wirth (der Galerie mit dem besten, weil politischsten Stand) mit Rashid Johnsons „Run“ sowie bei carlier | gebauer im neuen, wunderbaren kleinen Werk „Asphalt“ von Michel François. Diese Werke, so sehr sie das Figürliche auch fliehen, nehmen mit unseren Spiegelbildern wieder einen subversiven, die Abstraktion unterlaufenden Bezug auf die Realität.

Michelangelo Pistoletto. Tavolo azzurro. Luhring Augustine

Michelangelo Pistoletto. Tavolo azzurro. Luhring Augustine

Trauben vor Lazarus

Es gab aber auch grandiose, leichter zugängliche Werke zu sehen. Grotesk (in den Worten von Gauthier Lesturgie, Sleek-Mag) wird es bei Long March Space aus Peking. Dort zeigt der 1985 geborene Tianzhuo Chen neue Werke, die ihre Inspiration aus allen möglichen und unmöglichen Kontexten holen und in einer furiosen Synthese zusammenführen.

Menschentrauben bildeten sich sodann vor den sich auflösenden Geistern Asta Grötings und Glenn Browns Lazarus. Eher unbeachtet blieb – ganz im Gegensatz zur vorigen Woche an der Frieze Fair in London – Camille Henrot mit eher mässigen Werken.

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Mel Bochner. Chuckle. Simon Lee

So richtig allen gezeigt hat es im Konzert der Grossen aber wieder einmal Tracey Emin, die mit Neon-Werken wie „And so I loved You“ (siehe auch Beitragsbild) auffiel sowie dem gestickten „Keeping you there“, beide aus 2015. Und auch Mel Bochner zeigt bei Simon Lee mit dem Werk „Chuckle“, warum er weiterhin 200’000 Dollar pro Bild wert ist.

Umsatz bolzen

Grundsätzlich geht es an einer Kunstmesse ja ums Verkaufen, und darum nehmen die Galerien die Werke an die Messe mit, von denen sie sich Umsatz versprechen. Und seit die FIAC in den vergangenen Jahren aus einem Tief herausgefunden hat, bleiben die grossen Sammler nicht aus. Es wird gemunkelt, die beiden französischen Übersammler, Bernard Arnault und François Pinault, dürften sich zwei Stunden vor den „normalen“ VIPs die besten Werke exklusiv sichern. Viel Bling Bling ist deshalb sicher bereits weg, wenn der Zugang für die Sammler mit weniger dickem Portemonnaie geöffnet wird.

Diese wagen dann, so ist zu hoffen, den Weg auf die Empore, wo sich auch in diesem Jahr die kleineren Galerien mit den unbekannteren Künstlern präsentieren durften. Einige davon waren für den Prix Lafayette nominiert, einen Preis für aufstrebende Galerien. Darunter die Galerie Lars Friedrich, die eine funktionierende Schiebetüre zeigt, die Christian Lotz aus einem Supermarkt im Thüringer Wald ausgebaut und quasi als Ready-Made an die Wand gehängt hat oder hat hängen lassen. ein Vorgang, der für die Galerie nervenaufreibend war, wie mir erzählt wurde.

Hans Christian Lutz. Mill. Lars Friedrich

Hans Christian Lutz. Mill. Lars Friedrich

Rana Begum. The Third Line

Rana Begum. The Third Line

Was etwas strange klingt, funktioniert wunderbar. Als Teil einer Serie, was die Türe auch ist, mag auch hier konzeptionell weit mehr dahinter stecken; aber diese Türe alleine, vor die man tritt, sie öffnet sich, und dahinter erscheint doch nur die weisse Wand – das ist berührend. Und Kunst entsteht, wo wir berührt werden. Es ist zu hoffen, dass man auch Lotz’ Werke schon bald auf der unteren Eben des Grand Palais sieht, zwischen all den Hot Shots.

Ebenfalls auf der Empore finden sich bezaubernde Werke von Rana Begum, die wie im vergangenen Jahr mit sanftem Farbenspiel begeistert. Dieses Jahr zeigt sie bei The Third Line kleine geometrische Skulpturen. Für 6’600 Pfund ist man dabei. Ein Schnäppchen!

Wer auf der oberen Etage den Rundgang beendet, endet wieder beim Konzept und wird verabschiedet von Tobias Madisons auf links gedrehten Taucheranzügen, die in ihrer befreiten Enge wohl auch etwas bedeuten sollen. Manchmal ist es einfach gut, der Künstler schreibt drauf, dass das Werk nichts anderes sein möchte, als das, was offensichtlich ist. So bleiben keine Fragen offen, wie bei „Egg“ von David Shrigley.

David Shrigley. Egg. Nicolai Wallner

David Shrigley. Egg. Nicolai Wallner

Zürcher Sommer an der Seine

Auch in diesem Jahr hat die FIAC ihre Nebenmesse, die Officielle am Ufer der Seine. Jetzt, da die Anzahl der an der FIAC ausstellenden Galerien um rund 20 auf 172 geschrumpft ist, sind die 67 Plätze in der FIAC noch beliebter. Doch auch dort: Viel Konzept, wenig Handfestes. Wenn Gezeigtes nicht mehr berührt, sondern nur noch dazu bewegt, schnell weiterzugehen, dann muss gefragt werden, warum gewisse Galerien den Weg nach Paris überhaupt auf sich nehmen.

Natürlich finden sich aber auch hier gute Ansätze, neue Ideen und Konzepte der tiefsinnigeren Art. Wesley Meuris zeigt bei der Annie Gentils Gallery Ausschnitte aus seiner ganz eigenen Kunstwelt. Er entwirft vielschichtige Systeme, die gleichsam reale Auswüchse haben, aber immer Teil einer virtuellen Welt bleiben. Schaukästen, die nur zum Selbstzweck existieren, werfen das Konzept der Ausstellung auf sich selbst zurück. Sie sind nicht Art pour Art, sondern präsentieren Kunst als Darstellungsform der eigenen Darstellung. Der Inhalt bleibt dabei auf der Strecke. Ein tiefgreifendes, aber immer augenzwinkerndes Spiel mit der Vermessung der Welt und ihrer Repräsentation.

Maximilan Schubert. Kinman.

Maximilan Schubert. Kinman.

Neue Formen der Auseinandersetzung von Kunst und Skulptur findet Maximilan Schubert in seinen monochromen, die Grenzen der Leinwand durch kraterähnlich aufgetragene Landschaften sprengenden Bildern bei Kinman London.

Und zu guter Letzt noch ein Beispiel, wie Konzeptkunst die eigene Imagination so anregen kann, dass aus Grau Blau wird. Bei der Zürcher Galerie annex14 zeigen Petra Koehle und Nicolas Vermot Petit-Outhenin durchaus ansprechende Bildkombinationen in verschiedene Blautönen. Doch die Intentionen des Künstlerduos kann erst nachvollziehen, wer weiss, dass damit die Farbskala des Himmels abgedeckt wird, angelehnt an den Cyanometer, den Horace-Bénédict de Saussure im 18. Jahrhundert erfunden hat, um die Intensität des Himmelblaus zu messen.

Auch hier wird ausgehend von der Vermessung der Welt (und damit im Kern verwandt mit Wesley Meuris) Kunst produziert, doch mit einem ganz anderen Ergebnis. Wenn den diversen Blautönen in Schwarz-Weiss fotografierte Himmelsausschnitte gegenübergestellt werden, dann sehen wir in diesen Grautönen plötzlich Himmelblau. Und während der Pariser Himmel nach einem langen Tag voller Kunst der Dämmerung Platz bietet, erinnere ich mich in den Hallen an der Seine an das Azur des Zürcher Sommers.

Petra Koehle und Nicolas Vermot Petit-Outhenin

Petra Koehle und Nicolas Vermot Petit-Outhenin. annex14

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