Chiffren der Sehnsucht

Ricco Wassmer im Berner Kunstmuseum

In Bern zu entdecken ist derzeit eine seltsame Mischung zwischen Epigonentum und Einzigartigkeit, zusammengeführt in der Person des Malers und Fotografen Erich Wassmer (1915 – 1972). Versatzstücke der eigenen Biografie wie auch der konsumierten Kunst und Literatur ordnete Ricco, wie er sich nannte, in seinen Bildern in variantenreicher Kombination zu rätselhaften Kompositionen an. So schuf er ein Werk, das keineswegs zur Weltkunst zählt, das aber durch seine Konsequenz zu berühren vermag und im Spätwerk dann doch beispiellos ist.

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Ricco Wassmer: Moderner Sebastian, 1942. Privatbesitz. ©Ruedi A. Wassmer, Zürich

Ricco wuchs in einer grossbürgerlichen Industriellenfamilie im Schloss Bremgarten nahe Bern auf, einem grossen Herrenhaus auf einer von der Aare umflossenen Halbinsel. Als Kind genoss er die Gemeinschaft von Künstlern und Intellektuellen, die sich auf dem Schloss trafen; eine Atmosphäre, die der gern und oft gesehene Gast Hermann Hesse in seiner Erzählung „Die Morgenlandfahrt“ 1932 in Literatur bannte. Erich konnte wohl nur seinem Vater in der Industriellenrolle folgen – oder Künstler werden, der inspiriert von den Künstlerfreunden auf dem Schloss das Geld der Vorfahren dafür einsetzte, immaterielle Werte zu schaffen.

Er entschied sich für das Letztere, bestärkt durch ein Semester Kunstgeschichte, das er 1935 in München studierte. Eines seiner frühen Werke, die Abbildung eines Festes auf Schloss Bremgarten, trägt den Hesseschen Titel „Die Morgenlandfahrt“: Ausdruck einer Umsetzung von Literatur in Malerei und einer Art der Ideenfindung, die er während seines ganzen Schaffens beibehalten wird. Später werden Rimbaud und Saint-Exupéry, Cocteau und Alain-Fournier zu den wichtigen Einflüssen gehören.

Spät gefundene persönliche Bildsprache

Ursächlich für seine Wahl, Künstler zu werden, waren wohl auch die Freundschaften mit zeitgenössischen Malern wie René Auberjonois und Louis Moilliet, die er im Elternhaus kennenlernte. Unterstützt wurde er in seinem Wunsch von der Mutter, die mit Geld und Tat half, wo immer sie konnte. Der Stolz auf den Künstler in der Familie war und ist gross, bis in die heutige Zeit; auch die aktuelle Berner Ausstellung kam dank finanzieller Hilfe der Wassmer-Familie zustande.

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Ricco Wassmer: Stillleben Der Grüne Vogel, 1945. Kunstsammlung des Kantons Bern. ©Ruedi A. Wassmer, Zürich

Die Berner Ausstellung führt vom noch sehr tastenden, deutlich epigonenhaften Frühwerk über diverse Ausbildungen (die meist ohne fortdauernde Spuren blieben, auch wenn Cuno Amiet zu seinen Lehrern zählte) hin zu dem Stil, dem Ricco nach den 1950er-Jahren treu blieb. In den 1930ern lässt sich de Chirico als Vorbild ausmachen, später Gaugin, in den 50ern dann Man Ray, Max Ernst, René Magritte. Je älter und als Künstler reifer er wurde, umso besser gelang es ihm, das Gesehene in Eigenes umzuwandeln und eine sich aus vielen Einflüssen speisende persönliche Bildsprache zu finden.

Die chronologische Hängung ist zurecht gewählt und führt wie ein Trichter zur schliesslichen Manifestation von Wassmers Lebensthema in der Kunst: Früh wird er sich der eigenen Homosexualität bewusst. Erst lehnt er sich noch dagegen auf; in einem frühen Bild pinkelt ein Knabe dem als Selbstporträt gestalteten Heiligen Sebastian ans Bein. Später erscheinen Matrosen als Chiffre der Sehnsucht. Diese weichen dann aber bald dem blossen Phänotypen des jungen Mannes an der Schwelle zum Erwachsenwerden, der ab 1950 die Bilder beherrscht, ja zur motivischen Obsession wird.

Jenseits der Ästhetik

Riccos Werke sind jedoch nicht allein „zum Bild kristallisierte Ideale eines Mannes, der eine von der Gesellschaft tabuisierte Seite in sich entdeckte“, wie im Katalog bemerkt wird. Vielmehr sind sie offenbar für Wassmer die einzige Ausdrucksmöglichkeit einer wesendefinierenden Eigenschaft, die kaum ein anderes Ventil fand. Die Transformation der eigenen seelischen Konstitution in Kunst ist in dieser konsequenten Durchführung selten und als solche ein Phänomen, das diese Ausstellung jenseits der durchaus angemessenen ästhetischen Diskussion rechtfertigt.

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Ricco Wassmer: Grapeshot, 1964. Privatbesitz. © Ruedi A. Wassmer, Zürich

Aufgrund der Ventilfunktion seiner Kunst konnte Wassmer auch nichts anderes schaffen, als „individuelle Mythologien“, wie der legendäre Ausstellungsmacher Harald Szeemann einst sehr präzise feststellte. Diese Mythologien sind Ausdruck des Versuchs, seine unstillbaren Sehnsüchte nach der verlorenen Kindheit, aber auch das Begehren in Zeichen zu fassen; sich selbst eine Identität zu verschaffen, indem er das Sehnen bezeichnet. Es ist der Verdienst der Ausstellung und wohl noch mehr derjenige des Katalogs, dieses Zeichensystem aufzuzeigen, ihm eine zeitliche Folge zu geben – und damit dem Werk Riccos einen Rahmen und eine innere Kohärenz zu verschaffen.

Die Bilder Riccos folgen einer privaten Choreographie. Diese spielt mit vorgegebenen Figuren, die der Maler je nach gewünschter Wirkung einsetzt. Rad, Gipshand, Ball, Junge; oder Karussellpferd, Schiff, Leuchtturm: Sie alle sind im Bildraum zu verschiebende Staffage und tragen, wenn auch oftmals sich kaum erschliessende, Bedeutung. So sind beispielsweise die Bilder mit maritimen Symbolen wie Anker, Jacht und Matrosen immer auch Allegorie auf die eigene seelische Unrast, die Sehnsucht, vielleicht auch auf die Möglichkeit eines anderen Lebens. Teilweise allerdings geraten die Bilder durch die Fülle der Symbole zum hermetischen Bildgedicht, das sich ohne tiefere Kenntnisse der „individuellen Mythologien“ kaum lesen lässt.

Momente der Versenkung

Die eigentliche Entdeckung dieser Ausstellung aber sind die Fotografien Riccos. Eigentlich nur Vorbereitung, Schablone für seine Malerei, halten vor allem die Fotografien aus den späten Jahren Momente der Versenkung fest, die „gesamte Inszenierung wird zum Stillleben“, wie die Journalistin Isabella Jungo im Katalog zitiert wird. Geschult im fotografischen Sehen durch seine langjährige eigene Praxis aber auch durch die Auseinandersetzung mit grossen Schweizer Fotografen wie dem befreundeten Gotthard Schuh oder Werner Bischof schuf Wassmer Bilder von unmittelbarer Präsenz. Ein von Man Rays „Noire et blanche“ inspirierter Knabenkopf ist gar grosse Fotokunst.

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Ricco Wassmer: Knabenhand auf Gipshand ruhend. Silbergelatineabzug. Privatbesitz. ©Ruedi A. Wassmer, Zürich

Es bleibt die Frage, was uns die Bilder jenseits der Motive des Malers über die Abgebildeten sagen. Auch hier gibt der Katalog schlüssige Antworten: „Viele seiner Bilder sind Meditation über Erwartungen und Ängste von Jugendlichen am Wendepunkt ihres Lebens, auch über das Flüchtige und Bedrohte des Heranwachsenden während dieses Übergangs.“ Indem Ricco mit grossem Geschick und Akribie seine Symbole um die Person herum gruppiert, vermengt er die Ebene des Malers mit derjenigen des Modells im Bildraum und erweitert diesen damit. Und der Betrachter ist nie sicher, ob das Freiheit verheissende Schiff nun die Sehnsucht des Modells darstellen soll oder diejenige des Malers – oder gar eine gemeinsame.

Ein Wort zum Katalog. Dem Autor und Kurator der Ausstellung Marc-Joachim Wasmer ist in langer Forschungsarbeit dem Werk Wassmers auf den Grund gegangen und hat mit diesem Katalog einen Schatz gehoben. Er legt nicht nur eine detaillierte Biografie Wassmers vor, sondern auch einen Catalogue raisonné, angereichert mit zusätzlichem Material zur Rezeption. Viele Bilder sind durch den Katalog zum ersten Mal überhaupt der Öffentlichkeit zugänglich. Eine grosse Tat für die Berner und die Schweizer Kunstgeschichte und ganz sicher ein bleibender Meilenstein in der Aufarbeitung des Werks dieses ganz eigenen Malers.

Ricco Wassmer. Kunstmuseum Bern. Bis 13. März 2016. Catalogue raisonné der Gemälde und Objekte. Verlag Scheidegger und Spiess, CHF 99.00 (ab 14. März 2016: CHF 120.00)

Beitragsbild: Ricco Wassmer: Nature morte au crayon , 1953.
Privatbesitz, © Ruedi A. Wassmer, Zürich

 

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