Von Madrid in die Mark. Roman einer verlorenen Generation

Romane von Anna Katharina Hahn sind rar. Umso grösser ist die Vorfreude, wenn der Suhrkamp Verlag ein neues Werk der Stuttgarter Autorin ankündigt.

Bisher zeigte sich Anna Katharina Hahn als realistische Erzählerin, die schwäbisches Bürgertum mit präzisen erzählerischen Schnitten seziert und dabei nicht selten Ungeheuerliches, nie Gehörtes zutage fördert. Die Novellenform, mit der sie vor rund 16 Jahren debütierte, geistert so auch durch ihre Romane. 2009 erschien „Kürzere Tage“, 2012 „Am schwarzen Berg“, nun also „Das Kleid meiner Mutter“.

Die Geschichte beginnt im Madrid der Wirtschaftskrise 2012 und erzählt von der jungen Spanierin Ana Maria, die wie andere ihrer Generation unter der rekordhohen Arbeitslosigkeit leidet. Zog sich in den früheren Texten das unterschwellig Dämonische traumgleich durch den Mittelstands-Realismus, fehlt diese dunkle Ebene, zumindest anfangs. Das Traumhafte zeigt sich vielmehr in einem surrealen Setting: Die Eltern von Ana Maria, die wie all ihre Freunde im Elternhaus leben muss, versterben eines Tages so plötzlich wie gleichzeitig – und schrumpfen in den folgenden Tagen zu Puppengrösse. Währenddessen verwandelt sich Ana zeitweise in ihre Mutter, indem sie deren Kleider trägt. Erstaunt stellt sie fest, wie brüchig ihre Identität ist, merkt doch kaum jemand, dass in den Kleider der Mutter eigentlich die Tochter steckt.

Erzählerische Kraft macht’s passend

Um an Geld zu kommen, schreibt sie die jüngste Rezension ihres Vaters zu Ende. Der Literaturkritiker besprach zuletzt das Buch eines geheimnisvollen deutschen Grossautors, der gerüchteweise in Spanien lebt. Im weiteren Verlauf der Geschichte verflechten sich die Erzählstränge zwischen Spanien und Deutschland (und der Familiengeschichte von Ana Maria, derjenigen des Schriftstellers Gert De Ruit und dessen Übersetzerin) immer mehr, bis der Text das Madrid der Gegenwart unvermittelt hinter sich lässt und tief in die Irrungen der deutschen Geschichte in Berlin, Stuttgart und dem Oderbruch eintaucht.

Dieser Shift der Erzählebenen, die sich durch Briefe und Rückblenden ineinander verschachteln, wirkt hin und wieder etwas konstruiert. Die Autorin muss infolgedessen mit viel erzählerischer Kraft in die Geschichte eingreifen, damit sich Eines ins Andere fügt. Nicht umsonst trägt der mysteriöse Schriftsteller De Ruit den Namen desjenigen Stadtteils von Ostfildern, in dem die Autorin selbst aufgewachsen ist.

Märchenhafte Konstruktionen

Und dann erscheint die dunkle Ebene doch noch. Erzählerisch geschickt vorbereitet, schleichen sich Anklänge an romantische Märchenstrukturen, vor allem an Ludwig Tiecks Gestiefelten Kater und an seinen Blonden Eckbert, in die Geschichte. Und alle eben noch kritisierten Konstruktionen zeigen sich vor diesem Märchenhintergrund als intelligent verwobene Fäden eines Schicksals, dem niemand entkommen kann.

Anna Katharina Hahn schlägt der Erwartung an einen neuen realistischen und doch doppelbödigen Roman aus der deutschen Gegenwart ein Schnippchen. Und was für eines. Die erste Enttäuschung, die in dem Zweifel Ausdruck findet, ob denn Hahn die spanische Wirtschaftsmisere überhaupt beschreiben kann, legt sich mit der Feststellung, dass die Autorin alle Erzählkompetenz zusammengerafft hat, um aufzuzeigen, dass auch die scheinbar unwahrscheinlichsten Geschichten einen festen Boden in der Vergangenheit aufweisen. Anna Katharina Hahn beweist letztlich auch mit diesem Werk, dass sie zu den wichtigsten literarischen Stimmen ihrer Generation gehört.

Anna Katharina Hahn: Das Kleid meiner Mutter. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 311 S. 21,95 €, 31.50 CHF

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