Keine Realität nach 22 Uhr

 

Ben Lerner variiert den Zufall in der Geschichte. 

Das Buch beginnt fulminant:

„Die Stadt hatte ein Stück aufgegebene Hochbahnstrasse in einen luftigen Grünzug umgewandelt, auf dem die Agentin und ich in der für die Jahreszeit ungewöhnlichen Hitze südwärts gingen, nach einem sündhaft teuren Festessen in Chelsea, zu dem auch Baby-Oktopusse gehörten, die der Koch buchstäblich zu Tode massiert hatte.“

Doch wie wir allzu schnell erfahren, gehört Ben Lerners Gegenwartsstudie „22:04“ zu den Büchern, die nach einem findigen ersten Satz vor allem schlechter werden. Das wird bereits auf der ersten Seite deutlich: Da ist die Rede von „Sumach- und Perückenbaumgrüppchen“ und „Fenstern in stehendem Format“. Wer weder in Manhattan aufgewachsen ist noch das zweifelhafte Glück hat, in Brooklyn zu leben, weiss kaum, wie zu Tode massierte Tintenfische schmecken; und auch Sumachbaumgrüppchen gehören bei vielen Westeuropäern nicht gerade zur alltäglichen Lebenswelt.

Dass dieser Roman dem Nicht-New-Yorker fremd erscheint, wäre ja nicht so schlimm. Wenn er uns denn unterhalten, uns neugierig auf eine fremde Welt machen würde. Doch leider setzt Ben Lerner das New-York-Feeling bei der internationalen Leserschaft als gegeben voraus. Als würden wir uns alle wohl und zuhause fühlen, wenn wir mit seinem Helden von der Brooklyn Bridge auf Manhattan schauen.

Ich-Erzähler ist der Schriftsteller Ben, der am Marfan-Syndrom leidet (wie Ben Lerner selbst, hier beginnt bereits das Schillern zwischen Fiktion und Realität, dazu gleich mehr), einer Bindegewebs-Erkrankung mit unterschiedlichen Symptomen; bei Ben droht die Gefahr einer Aorten-Dissektion. Er kann jederzeit tot umfallen. Das erschüttert ihn zwar existenziell, hindert ihn aber nicht daran zu schreiben, sich in New York herumzutreiben oder auf den Monstersturm „Sandy“ zu warten.

Manierierte Kausalitäten

Hin und wieder muss er ins Krankenhaus zur Untersuchung, meist begleitet von seiner besten Freundin Alex. Diese will ein Kind von ihm, allerdings ohne mit ihm zu schlafen. Die Samenspende treibt Ben also ebenfalls zu Ärzten, nicht zuletzt, weil sich sein Sperma als für die Nachwuchszeugung nicht besonders geeignet erweist. Dies alles wird in einer sehr präzisen, aber auch recht manierierten Sprache beschrieben. Die eben dargestellten Kausalitäten lesen sich bei Bern Lerner in der deutschen Übersetzung von Nikolaus Stingl wie folgt:

„Alex’ Unterstützung war moralischer und praktischer Art, aber auch von Eigeninteresse bestimmt, insofern sie kürzlich ihre Absicht bekundet hatte, sich von meinem Sperma befruchten zu lassen, nicht, wie sie sich sogleich klarzustellen beeilte, durch Paarung, sondern vielmehr durch intrauterine Insemination, weil, wie sie es formulierte, ‚mit dir zu vögeln bizarr wäre’.“

Neben der Freundin Alex kommen weitere, recht unmotiviert in die Handlung eingefügte Nebenpersonen vor: Ein achtjähriger Mexikaner, mit dem Ben ins Naturkundemuseum geht und Dinosaurier abzeichnet und der vor Joseph Kony, dem „böse Mann aus Afrika“, seines Zeichens brutaler Milizführer und Kindersoldatenrekrutierer, Angst hat. Oder die Protagonisten des neusten Romans aus Bens Feder, für dessen Nukleus, eine Kurzgeschichte, die im New Yorker gedruckt wurde, er einen sechsstelligen Vorschuss erhielt. Die Geschichte ist Teil von 22:04 und plötzlich wird fiktionalisierte Realität zur realen Fiktion und vice versa.

Denn eigentlich geht’s Lerner um etwas ganz anderes als die Geschichte von Ben. Es geht darum, dass die Gegenwart konstruiert ist, sich zusammensetzt aus zufälligen Entwicklungen in der Vergangenheit; dass immer alles auch ganz anders sein könnte; dass die Zukunft nicht heute schon entschieden ist, sondern sich auf viele Weisen manifestieren könnte. „Wie leicht sich Welten wechseln lassen, sagte ich mir.“ Das ist der Kern des Buches. Dieser Gedanke des Kontingenten, nicht hegelianisch Vorherbestimmten, findet sich in mannigfachen Variationen im Roman. Und weil es Variationen sind und nicht Evolutionen, schleicht sich im Verlaufe der Lektüre ein leichtes Gefühl des Überdrusses ein. Zu viel New York, zu viel Realität, die sich als Fiktion entpuppt. Grenzen werden nicht aufgehoben, sondern durchdrungen – wenn auch raffiniert verpackt, so doch kein ganz neuer Gedanke.

Rumpelkammer der Absurditäten

Genussvoll lesen kann den Roman, wer Sätze wie den folgenden mag: „Ich war mir der Schwächlichkeit der Brücken und Tunnel bewusst, die sie durchmassen, und des durch diese Adern laufenden Verkehrs, als erlaubte mir nun irgendeine Umstrukturierung des Kortex, die Infrastruktur persönlich zu nehmen, ein propriozeptives Flimmern, das ich der Allgemeinheit voraushatte.“

Das Buch ist gespickt mit aberwitzig komischen Szenen, so etwa wenn Ben ein fiktionales Gespräch mit der Tochter führt, die dereinst aus der künstlich befruchteten Eizelle erwachsen soll. Oder wenn des Helden bestes Stück ganz klein und schrumpelig wird im Moment, als er in klinisch-steriler Umgebung sein Sperma spenden soll. Ein einsamer Akt, der sich über mehrere, keimfrei-komische Seiten zieht. Im Rückblick erinnert der Roman an eine Rumpelkammer voller absurder Szene, die aber auf kein gemeinsames Ziel hinführen, sondern trotzig nebeneinander stehen bleiben.

22:04 (die Uhrzeit übrigens, in der Marty im Film „Zurück in die Zukunft“ in seine Realität zurückreist) ist ein Buch, das New Yorker ansprechen mag, weil sie ihr Lebensgefühl wiedererkennen. Oder diejenigen Leser, die sich daran ergötzen, wenn Literatur um das „Verschwinden von Gegenwart“ herumzirkelt, wie Georg Diez das Buch auf Spiegel online lobt. Oder die „eine flimmernde Existenz zwischen unserer Welt und der künftigen“ (Tagesanzeiger) herbeisehnen. Alle anderen aber, die sich der Fiktionalisierung der Realität und dem Verschwinden der grossen Erzählungen aus faktischem Interesse nähern, investieren ihre Lesezeit lieber in Jean Baudrillard oder schauen sich gleich den Film mit Michael J. Fox an.

Ben Lerner: 22:04. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2016. 314 S. 19.95 €, 25.90 CHF

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