Manifesta 11: Kunst kommt von Geld verdienen

Diese Manifesta ist mehr als Scheisse. Das muss so drastisch gesagt werden, denn in den bisher erschienenen Medienberichten steht das Werk des US-Amerikaner Mike Bouchet im Mittelpunkt.

Bouchet pappte aus Zürcher Fäkalien und Klärschlamm eine 80-Tonnen-Skulptur zusammen. Der Geruch sollte eigentlich mit einem eigens entwickelten Duftstoff überspielt werden. Wie man hört und vermutlich riechen wird, klappt das nicht. Darum war ich auch nicht dort.

Gemäss Bouchet arbeitete jeder Zürcher, der am 24. März 2016 auf die Toilette ging, kreativ an dem Kunstwerk mit. Und so gesehen ist dieser Riesenklumpen symptomatisch für die Manifesta. Denn es geht darum, was die Kunst mit den Zürchern anstellt, und wie die Zürcher mit der Kunst umgehen. Oder: Wie aus Züchern Kunst entsteht. Der Kurator der Manifesta 11, der deutsche Künstler Christian Jankowski, hat sich entschieden, diese Ausgabe der europäischen Wanderbiennale unter das Motto „What People do for Money“ zu stellen. Heisst: Womit Zürcher ihr Geld verdienen.

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Katherine Bernhardt: Toilet Paper and Cigarettes black and pink

Kunst am eigenen Arbeitsplatz

Aber Jankowski vermeidet die Klischee-Falle. Weder Banker, noch Tresore oder Fifa-Betrüger spielen für die von ihm berufenen internationalen Künstler eine Rolle. Der gemeine Zürcher und dessen Beruf stehen im Mittelpunkt des künstlerischen Schaffens. Die Resultate sind am jeweiligen Arbeitsort jener Zürcher sowie in den grossen Ausstellungsräumen im Löwenbräu-Areal und im Helmhaus zu sehen.

Unter dem Titel „Historical Exhibition: Sites Under Construction“ konfrontiert Jankowski mit seiner Co-Curatorin Francesca Gavin dort die neuen, extra für die Manifesta entstandenen Kunstwerke mit bereits bestehenden Werken, die sich mit verschiedenen Aspekten des Broterwerbs beschäftigen.

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Evgeny Antufiev. Installation in der Wasserkirche

Leider sind diese Ausstellungen formal nicht geglückt. Die kleinen Zettelchen, die über die Werke aufklären sollten, sind oft nur in Fusshöhe befestigt, dass man sich auf den Boden legen müsste, um sie zu lesen. Es gelang den Kuratoren auch nicht, aus den vielen Versatzstücken eine Einheit zu generieren. Werk steht neben Werk und nur selten treten sie in einen Dialog. Dabei wäre die Chance, solch einem historischen Gespräch über Arbeitsbedingungen und Berufsverständnis beizuwohnen, vermutlich einmalig.

Expressive Deutung der Zigarettenpause überzeugt

Eine Entdeckung sind dagegen die fotografischen Portraits von Berufsleuten, die Arthur Sander in den 1920er-Jahren anfertigte oder der kleine Zettel „Minimal Art – The Movie“ von Mel Bochner, eines meiner All-Time-Favoriten. Oder X-T Kriszta Nagys „I Am a Contemporary Painter“ – eine so einfache wie überzeugende Auseinandersetzung mit dem Eigenverständnis als Künstlerin.

In der Sektion über Arbeitspausen gehört Katherine Bernhardts Bild mit Toilettenpapier und Zigaretten zu den Überraschungen. Die Amerikanerin bringt in einem rauen, expressiven Stil Alltagsgegenstände auf die Leinwand. Rauchen und – schon wieder – der Toilettengang gehören zum Arbeitsunterbruch; Jankoswki konstruiert einen Zusammenhang zum Thema der Biennale und hängt das erheiternde Werk ins Museum. So einfach, so überzeugend, so nicht-verkopft geht Manifesta!

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Una Szeemann: Die Reise des Samens.

Auch die Werke von Una Szeemann beeindrucken. Szeemann, die in den vergangenen Jahren aus dem Schatten des übermächtigen Vaters Harald herausgetreten ist, zeigt in Form gegossene Ergebnisse ihrer Hypnosesitzungen beim Psychotherapeuten Peter Hain. Ebenso imponiert die Reflektion über den Beruf der Pathologie-Präparatorin  des Tschechen Jiří Thýn oder die verspielte, irreführende und fröhliche Arbeit über den Umgang mit dem helvetischen Alpenmythos der Istanbuler Künstlerin Aslı Çavuşoğlu. Die Zusammenarbeit zwischen Berufstätigen und Künstlern wurde auch filmisch festgehalten. Zu sehen sind die Videos im „Pavillon of Reflections“, eine hölzerne Plattform, die als Event-Floss auf dem Zürichsee schwimmt.

Houellebecqs Befunde lagern im Hirslanden

Es gäbe noch so viel zu berichten, auch wenn die Wege zwischen den Werken weit sind. So richtig erkunden kann die Manifesta nur, wer sich die Mühe macht, die Arbeitsorte der Zürcher Berufstätigen zu besuchen. In der Klinik Hirslanden können Untersuchungsbefunde von Michel Houellebecq auf Papier abgeholt werden, die dort in grossen Mengen lagern. Jiří Thýns Schnittbilder werden im Universitätsspital Zürich durch sakral anmutende farbige Fenster ergänzt. Im Park Hyatt Hotel tragen Mitarbeitende halbierte Westen von Franz Erhard Walther. Und live zusehen, wie Hunde frisiert werden (ein Werk des Belgiers Guillaume Bijl in Zusammenarbeit mit der Hundestylistin Jacqueline Meier), kann man in der Galerie Grieder Contemporary. Im Literargymnasium Rämibühl, ein dem Berichterstatter wohlvertrauter Sichtbetonblock, zeigt die Pariserin Shelly Nadashi Brutkästen, die eine Erklärung über die Entstehung eines Vogeleis enthalten.

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Jennifer Tee: Werk im Friedhof Enzenbühl

Nicht zuletzt schafft die Manifesta auch den Stimmungswechsel zur Melancholie. Berührend und exotisch zugleich sind die Werke von Jennifer Tee, die in den Abdankungszimmern im Friedhof Enzenbühl und im Löwenbräu-Areal zu sehen sind. Die Abgeschiedenheit in den engen Zimmern auf dem Friedhof lässt an Reisen über metaphysische Grenzen hinweg denken. Ethnographische Objekte, die die Holländerin Tee an den Wänden arrangiert, lassen die Gedanken ins Mystische, ja Tröstliche gleiten. Hier stimmt alles, und wer sich das nicht anschaut, verpasst unwiderruflich Kunst.

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Alle Informationen zur Manifesta: http://m11.manifesta.org/

Bilder:
Beitragsbild: Tereskova Nagy Kriszta x-T an der Manifesta 11.
Courtesy the artist and Godot Galeria Budapest.
Diashow: Aslı Çavuşoğlu: Muthoscapes; Jonathan Monk: This Painting Should Be Installed by an Accountant; Guillaume Bijl: Hundesalon Bobby

 

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