Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt

Matt Mullican im Kunstmuseum Winterthur

Wer als in die Welt Geworfener offenen Auges durch diese Welt wandert, kommt nicht umhin, sich zu wundern; sich zu wundern über die Fülle von Eindrücken, die sich einem über alle Sinne aufdrängen. Wir wären verloren, wenn wir diese Impressionen ungeordnet aufnehmen würden, tagein – tagaus.

Darum legt sich die Menschheit schon seit Jahrtausenden ihre Welt zurecht; ganz wie Pippi Langstrumpf: „Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt“. So entstanden Welterklärungsmodelle, die mit der von dem Menschen erlebten Realität nicht viel zu tun hatten. Was dazu führte, dass man an etwas glauben musste. Zum Beispiel an einen Raben als Schöpfer von Himmel und Erde, den wir hier in den Zürcher Miszellen besprochen haben. Oder an die Erde als Mittelpunkt der Welt, wie unter anderem die Babylonier glaubten, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Die Macht der Abstraktion

Nicht mehr glauben, sondern sehen und verarbeiten: Das ist das Credo des 1951 in Kalifornien geborenen und nun in Berlin lebenden Künstlers Matt Mullican. Er befragt die Welt, bevor er sie ordnet, um sie dadurch erklären zu können. Es begann mit der nicht weltbewegenden Erkenntnis, dass standardisierte Farbkarten, die als Muster für Drucker dienten, je nach Beleuchtung eine andere Farbnuance zeigen. Was man wahrnimmt, muss also nicht zwingend auch die Realität sein. Diese liegt offenbar hinter der Wahrnehmung; so weit so platonisch.

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Man broken up, 1975/2012

Auf dieser Basis begann Mullican in den 70er-Jahren einerseits die Dinge in ihre Teile zu zerlegen und sie so auf Greifbares, unmittelbar Verständliches zu reduzieren (siehe Man broken up). Andrerseits nutzte er Comics, existierende Bilder fernab der Lebenswahrheit, und erschuf aus diesen eine eigene, ihnen innewohnende Realität – die nicht
weniger real war als das, was wir ausserhalb der Comics täglich erleben. Diese Gedanken führten zu einer abstrakten Konstruktion der Welt, die sich speist aus den täglichen, im Modell geordneten Wahrnehmungen.

Das Modell wird so zur Kosmologie, zur Welterklärung. Nichts liegt näher, als diese Kosmologie der Wahrnehmung aus abstrakten Zeichen zusammenzusetzen, sind sie doch scheinbar unbestechlich in ihrer trennscharfen Aussage. Embleme, Symbole, Piktogramme werden in Mulligans Werken verarbeitet und zueinander in Verbindung gesetzt. Diese Zeichen wiederum fügt er in eine ausgeklügelte Farbskala ein: Grün verkörpert die Materie, Blau die Welt der anwendbaren Instrumente, Gelb die Künste und Ideen, Rot das Subjektive und Schwarz steht für die Sphäre der Abstraktion der Zeichen. Indem sich alles mit allem verbinden kann, entsteht ein Kosmos für sich.

Bleibendes Misstrauen

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Umtitled, Histroy over Opera House Surrounded by Signs and Flags, 1987

Wie sehr er aber weiterhin der Struktur von Zeichen und Bezeichnetem misstraut, zeigen seine „Rubbings“ genannten grossformatigen Bilder. Sie werden nicht direkt auf die Leinwand gemalt, sondern von einer Matrix abgerieben, sind also weder Gemälde noch Abbild, sondern gewissermassen die Spur eines Kunstwerks, das selbst nicht zu sehen ist. Das hindert sie nicht daran, neben aller intellektuellen Aussage eine ganz eigene, plakative Ästhetik zu entwickeln.

Zu sehen ist in der Winterthurer Ausstellung auch ein Modell einer Schau von 2005, die im Kölner Museum Ludwig zu sehen war – quasi eine Ausstellung in der Ausstellung. Umgeben ist sie von der Installation „The Meaning of Things“, eine ausufernde Sammlung von Bildern, die Mulligan im Internet gefunden und zueinander in Beziehung gesetzt hat. Wiederum wird aus Vorgefundenem eine Realität geschaffen, diesmal diejenige eines virtuellen Kosmos. Das Internet verstehen wir deshalb nicht besser, sichtbar aber wird eine gewisse Ordnung in diesem Raum, der nur aus Ideen, Texten und Bildern besteht – und in dem wir uns mittlerweile bewegen wie in unserer greif- und sichtbaren Umgebung.

Das Kunstmuseum Winterthur hat 2015 eine grössere Werkgruppe des Künstlers erworben, sie bildet nun den Kern dieser verwirrend vielfältigen Ausstellung. Es braucht nicht viel, sich in den unzähligen Skizzen, Symbolen, Piktogrammen zu verirren und darüber die Zeit zu vergessen. Dazu kommen die diversen Materialien, mit denen Mulligan arbeitet, von Papier über Holz und Stein bis hin zu Glas und Zinngüssen. Die Welterklärung Mulligans kommt nicht zu einem Ende, vielmehr sieht der Künstler die Realität als Zyklus, als in sich geschlossener Kreis von Bedeutung und Kausalität. Die Aussenwelt aber hält für den die Ausstellung verlassenden Besucher danach wieder alltägliche Herausforderungen bereit, die aufzeigen, dass nicht jedes Menschen Kosmos sich in Abstraktionszyklen abschliessend einordnen lässt.

Kunstmuseum Winterthur, bis 16. Oktober 2016. Katalog CHF 60.–

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