Alles ist elegant

Bei Schirmer/Mosel ist das Standardwerk zum Schaffen von Robert Mapplethorpe erschienen.

Als Belohnung für mein bestandenes Abitur durfte ich vor einigen Jahrzehnten meinen Vater auf einer von ihm geführten Kunstreise durch die Südstaaten der USA begleiten. Zum ersten und auch einzigen Mal in meinem Leben wurde ich dabei beinahe zum Kunsträuber.

Die Reise führte zu einigen der hervorragendsten Privatsammlungen moderner Kunst in den USA. Unter anderem besuchten wir ein Privathaus, in dem vier Marylins von Andy Warhol im hohen und lichten Treppenhaus hingen. Auf dem Sims eines fulminanten Kamins im Schlafzimmer der Besitzer fielen mir einige Fotografien auf, die die Sammlerfamilie zeigten.

Darunter eine, die mich regelrecht in ihren Bann zog: Kontrastreich gegeneinander abgegrenzt standen die Familienmitglieder in Reih und Glied, jedes einzelne von solcher Schönheit, als wollte diese Familie das Tolstoische Diktum, alle glücklichen Familien glichen einander, ausser Kraft setzen. Diese Familie war einzigartig glücklich, wurde dem Betrachter durch die Fotografie suggeriert. Auf meine Frage nach dem Fotografen nannte die Hauseigentümerin Robert Mapplethorpe, einen Freund der Familie. Durch meine vorschnell geäusserte Frage wäre ich leider als Dieb überführt gewesen, hätte ich der aufblitzenden Lust nachgegeben, mich während der Führung zurückfallen zu lassen und das Foto clandestin einzustecken.

Unbedingter Wille zur Form

Diese frühe, von der Theorie der Bildkomposition noch unbelastete Faszination kam mir wieder in den Sinn, als ich den epochalen Band „Robert Mapplethorpe: Die Photographien 1969-1989“, dieses Frühjahr erschienen bei Schirmer/Mosel, in die Hände nahm. Denn sie zeigt an, was heute noch die Aktualität des fotografischen Werks von Robert Mapplethorpe ausmacht: Der unbedingte Wille zur Form; der ästhetische Blick, übersetzt in perfekte Bildkompositionen.

Thomas

Thomas, 1987, Robert Mapplethorpe

Mapplethorpes Werk hat zu dieser ästhetischen aber auch eine historische Komponente, da er als erster Fotograf überhaupt explizit homosexuelle Akte (in doppeltem Sinne) „galeriewürdig“ fotografierte. Seine eher subkulturellen Vorgänger wie Wilhelm von Gloeden verleugnet er dabei nicht, nimmt vielmehr kompositorischen Bezug auf sie. Der vorliegende Band zeigt diese schon lange zu Ikonen gewordenen Werke ebenso wie neue, noch nie gesehene Bilder. Das englische Original des Buches begleitete eine Ausstellung am Getty Museum in Los Angeles, das erstmals auch Werke aus dem Nachlass zeigte. Das Museum hatte daraus 2011 gemeinsam mit dem Los Angeles County Museum fast 2000 Abzüge erwerben können.

Nach einem abgebrochenen Grafikstudium zieht der 23-jährige Mapplethorpe im Jahr 1969 gemeinsam mit seiner damaligen Freundin Patti Smith (ja, die Patti Smith) ins Chelsea-Hotel in New York, in dem man damals Janis Joplin und vielen weiteren Künstlern, Musikern und Literaten begegnen konnte. Schnell lernt Mapplethorpe, getrieben vom Willen, berühmt zu werden, wichtige Personen der New Yorker Kunstszene kennen, darunter den Kurator Sam Wagstaff, der sein Partner wird. Dieser schenkt ihm eine Hasselblad, es entstehen Portraits von Prominenten, aber auch von Pornostars. Schon von Beginn weg hält er auch die Praktiken der S/M-Szene fotografisch fest, in der er verkehrt.

Sex und Porträts

1977 stellt Mapplethorpe erstmals in renommierten Galerien aus; an zwei Orten gleichzeitig. Eine Schau mit Sexbildern, eine mit Portraits. Die Parallelität zeigt sehr schön, dass die beiden Themenfelder sich im Schaffen Mapplethorpes nicht trennen lassen. Vielmehr ergänzen sie sich, da sie denselben Voraussetzungen und Regeln unterworfen sind. Form, Eleganz, Komposition und das klare Bekenntnis zur Ästhetik zeichnen alle Bilder Mapplethorpes aus. Das führt auch dazu, dass die erstmals so offen gezeigten schwulen Sexpraktiken im damaligen Amerika zwar eine Provokation darstellen. Aber nicht, weil sie dokumentieren, was hinter den geschlossenen Türen von Gayclubs so abgeht. Vielmehr erstarren sie in einer provokativen Pose, in ästhetischer Reinheit. Der Akt wird zur Skulptur. Das berühmte Selbstportrait, das den in Leder gekleideten Mapplethorpe mit dem Schaft einer Reitpeitsche im Anus zeigt, besticht nicht nur durch die provokative Geste, sondern auch durch den klassischen Faltenwurf des Leintuchs, mit dem der Stuhl bedeckt ist, auf den sich der Fotograf stützt.

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Lisa Lyon, 1981, Robert Mapplethorpe

Bald schon wendet er sich ab von den S/M-Bildern. Mit den Bodybuilderinnen Lisa Lyon und Lydia Cheng findet er, der seine Modelle sonst eher unter seinen männlichen Sexpartnern sucht, die Chance, seinen Hang zur skulpturalen Fotografie mit der Erotik zu vereinen. Es entstehen Bilder von einer ästhetischen Suggestion, die ihresgleichen sucht.

Die im Band chronologisch angeordneten Bilder belegen, wie zunehmend wichtig der Kontrast in den Kompositionen wurde. Die berührenden Blumenbilder, vor allem der Calla-Lilien, zeigen dies exemplarisch; im Band selbst sind viele weitere fantastische florale Motive zu entdecken. In Zusammenhang mit der Betonung des Kontrasts kann auch die einmal mehr provokative Hinwendung zu Akten von schwarzen Männern gesehen werden. Sie führte zu Protesten bis hin zur Schliessung einer Ausstellung.

Der Vorrang des Mediums vor dem Abbild

Ergänzt, oder vielmehr bereichert, werden die erstklassig wiedergegebenen Fotografien im Band durch kluge und erhellende, das Schaffen Mapplethorpes historisch einordnende Essays. So zeigt Richard Meyer auf, wie ästhetischer Anspruch und Pornografie im Werk Mapplethorpes sich nicht etwa ausschliessen, sondern ergänzen. Auf die verblüffte Frage einer Kuratorin, man könne „ja nie behaupten, dass ein Schwanz elegant sei“, antwortete Mapplethorpe, er würde das durchaus behaupten. Akt und Blume sind in seinen Fotografien Ausdruck desselben Willens nach Eleganz. Es gehe, so Mapplethorpe, nicht darum, was etwas ist, sondern wie es fotografiert wurde.

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Self-Portrait, 1988, Robert Mapplethorpe

Im abschliessenden Essay beschäftigt sich die New Yorker Kuratorin Carol Squiers mit den Porträts und Selbstporträts Mapplethorpes. Zeigt er in seinen frühen Selbstporträts eine Selbstsicherheit und Lebensfreude, so bestechen die Aufnahmen der späteren 80er-Jahre durch die Auseinandersetzung mit dem nahen Tod nach der AIDS-Diagnose von 1986. Schon das Coverfoto des vorliegenden Bandes zeigt ihn mit Anzeichen der Krankheit im Bereich des Kiefers und des Halses, die Wischbewegung des Kopfes verleiht dem Porträt eine transzendente Aura. 1988 dann das beklemmende Selbstbildnis mit Totenkopf, das in seiner Ernsthaftigkeit aber auch eine Bejahung des Schicksals ausdrückt.

Der wunderbare Band wird für viele Jahre das Referenzwerk zu Leben und Schaffen von Robert Mapplethorpe sein.

Robert Mapplethorpe: Die Photographien. Hrsg. von Paul Martineau und Britt Salvesen. 340 Seiten. 255 Abbildungen in Farbe und Duoton. Schirmer / Mosel. €68.- / CHF 78.20.

Fotos: ©Robert Mapplethorpe Foundation / courtesy Schirmer / Mosel

 

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