Riesenzwerge in Silikon – Paul McCarthy in St. Gallen

Er ist der, der weiss, dass auch der amerikanische Traum mit dem Aufwachen endet. Er ist der, der hinter dem knuffigen Disney-Zwerg die Psychoschlucht sieht. Er ist der, der George W. Bush die Luft aus dem Kopf lässt. Er ist der, der auch nach 50 Jahren Künstlerleben noch provozieren kann. Er ist der Anti-Koons. Er ist Paul McCarthy.

Allenthalben waren Abgesänge auf ihn zu lesen. Wie wichtig er einst war, als er mit seinen Genitalien malte oder Mayo-Ketchup-Hackfleisch-Orgien inszenierte. Wie krass er nun von den neuen Wilden links und rechts überholt wird. Man musste schon fast Angst haben um McCarthys Stachel, den er in das Fleisch des amerikanischen Mainstreams jagte.

Und dann pflanzte er vor zwei Jahren ein „Tree“ genanntes (und mit viel Phantasie auch so aussehendes) sieben Meter hohes, mit Luft gefülltes, grasgrünes Sexspielzeug mitten auf die Place Vendôme in Paris. Dem Analstöpsel für Riesen wird nächtens die Luft rausgelassen und McCarthy tätlich angegriffen: Und schon hatten die Medien und die prüden Franzosen ihren Skandal. In heutigen (fast) tabulosen Zeiten ein hartes Stück Arbeit – auch für Paul McCarthy.

Ein paar Jahre zuvor brachte McCarthy mit einem Santa Claus, der einen ebenfalls eher nach Stöpsel aussehenden Tannenbaum in der rechten Hand trug, die Stadt Rotterdam in Aufruhr. Nachdem der riesige, schlüpfrige Freude bringende Weihnachtsmann einige Male umziehen musste, fand sie dann einen geeigneten Platz, offenbar fernab jedes Kindergartens und jeder Schule.

mccarthy3Ein Modell dieses Nikolaus mit Spielzeug und Glocke findet sich jetzt in der Ausstellung einiger Werke von Paul McCarthy in der Lokremise in St. Gallen. Es erinnert an die Fetischisierung von Weihnachten, aber auch – in ganz anderem Kontext – an die seelischen Untiefen, die hinter den vertrauensheischenden alten Männern mit langem Bart lauern. Nicht umsonst erzählte (der bärtige) McCarthy zur Ausstellungseröffnung vor den Medien lange von seiner „Heidi“-Serie (1992 gemeinsam realisiert mit Mike Kelley), in der ihn der Alpöhi und dessen Beziehungen zu Heidi, Peter und der Ziege besonders faszinierte.

 

Walt, are you kidding?

Die Nikolaus-Maquette flankiert mit weiteren Modellen von überdimensionalen aufblasbaren, sogenannten „Inflatables“ – darunter der Kopf von George Bush, zwei Schweine und ein Haufen seines Hündchens – den Kern der Ausstellung: Neun Zwerge, angelehnt an die sieben Zwerge, die Schneewittchen begleiteten. Optisch orientieren sie sich an den Figuren der 1937 erstmals erschienenen Disney-Adaption des Märchens „Snow White and the seven Dwarfs“. Warum dann neun Zwerge? McCarthy lässt sich auch diesmal vor den Medien keine Aussage entlocken. Es ist halt so. Künstlerische Freiheit.

Die (Riesen-)Zwerge aus verschiedenfarbigem Silikon stehen nicht für sich allein und sind vor allem keine genuinen Abbilder der Disney-Figuren. Vielmehr fehlen ihnen Gliedmassen oder Ohren, Nasen, Schädeldecken; sie sind grotesk versehrt. Unter ihnen liegen noch die Werkzeuge des Bildhauers, unfertig erwarten sie ihre Disney-artige Glätte. Doch McCarthy gönnt sie ihnen nicht. Vielmehr sollen sie in ihrem fragmentarischem Zustand zeigen, was das Leben eigentlich ist: Eben gerade kein Zeichentrickfilm. Oder wie McCarthy es ausdrückte: „Walt, are you kidding? Life’s not like that! 12_Installationsansicht St.Gallen_Foto Stefan Rohner

Zugleich bilden die Figuren in einem vom Künstler als „fertig“ und ausstellungsgeeignet gesehenen Zustand die eigene Entstehungsgeschichte ab. Gussformen sind zu entdecken, unfertige Stellen, abgeschlagener Gips, Armierungseisen. Und als sei die Dekonstruktion der Zwerge nicht genug, so zeigt sich in einer grossflächigen Zeichnung der rettende Prinz samt Schneewittchen in perverser Pose auf einem Pferd mit einem grotesk grossen, hängendem Gemächt. Das Märchen, das, wir wie wissen, ja nie nur für Kinder geschrieben ist, trudelt unkontrolliert in einen sexualisierten Traum, der sinnlos für sich selbst steht.

Man fragt sich, ob all das (inklusive rosa Doppeldildos vor einem ebenso rosa Zwerg) in dem Grimm’schen Märchen, und vor allem im glattgebügeltem Disney-Film denn schon angelegt war. Und schaudert beim Gedanken, dass dem so sein könnte.

Modelle für Aufgeblasenes

Die St. Galler Schau, deren Werke aus der Sammlung von Ursula Hauser kommen, zeigt eindrücklich, dass es Paul McCarthy nicht alleine ums Provozieren geht. Vielfältige Reminiszenzen lassen sich entdecken. So steht eine weitere Maquette eines Inflatable auf einem Holzmodell des New Yorker Whitney Museums, auf dem der aufgeblasene Frauen-Torso in Realität auch ausgestellt war. In diesem Museumsmodell befindet sich ein Loch, gross wie ein MmcCarthy2enschenkopf. McCarthy ermutigt die Medienvertreter, ihren Kopf durch das Loch zu stecken und damit die Leere des Museums auszufüllen. Ein heiterer Beitrag zu einer jahrzehntealten Diskussion in den eher abseitigen Gefilden der Kunstkritik, in der es um den leeren Raum geht, der von Architektur umschlossen wird.
So nebenbei erzählt McCarthy, dass das aufgeblasene Original des Torsos, das während einer Biennale auf dem Dach des Whitney Museums angebracht war, kaum jemand sah. „In New York schaut niemand nach oben; warum auch?“ Ein schlagender Beweis der amerikanischen Transzendenzverweigerung, die sich in McCarthys Werk allenthalben spiegelt.

Zur Ausstellung zeigt das Kino in der Lokremise zwei neue Filme: WS Mammoth und WS 4 Channel, Single Projection, 7 Hours, eine Kooperation zwischen Paul McCarthy und seinem Sohn Damon.

Lokremise St. Gallen, Grünbergstrasse 7. Bis 13. November 2016

Bilder: Stefan Rohner (Titelbild, Ausstellungansicht) / Gregor Lüthy. Courtesy Ursula Hauser Collection, Switzerland

 

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