FIAC: Ware Kunst statt wahre Kunst

Die diesjährige Ausgabe der FIAC, der Pariser Messe für zeitgenössische Kunst, fällt schwächer aus als ihre unmittelbaren Vorgänger. Die Platzhirsche präsentieren Gefälliges, die jungen Galerien können kaum überzeugen. Stark sind die Frauen vertreten; sie zeigen, das Kommerz auch Kunst sein kann.

Keine Gewalt, kein Sex, kein Swarowski-Bling-Bling, kaum Politik. Die Galerien an der Pariser Kunstmesse FIAC fokussieren in diesem Jahr vor allem auf Apartes und Bewährtes. In beunruhigenden Zeiten kein Wunder.

Henri Matisse verlangte einst „eine Kunst als geistiges Beruhigungsmittel, etwas Ähnliches wie ein guter Lehnstuhl, der von physischer Ermattung Erholung gewährt.“ Der moderne Mensch will sich heute von der psychischen Ermattung erholen, an der wir durch die dauernde Bedrohung leiden, egal ob real oder gefühlt.

Trost für den Schrecken der Welt

Den Werken, die an der FIAC gezeigt werden, gelingt das oft. Aber nicht, weil sie uns einlullen mit Schönheit und dem künstlerischen Genuss, der unserer Seele Stabilität gibt, sondern indem sie uns gerade nicht berühren. Indem sie uns kalt lassen und einzig durch ihren monetären Wert statt durch den ästhetischen staunen machen. So holen wir uns im Grand Palais von Paris Trost für den Schrecken der Welt, der uns bedroht. Wir wissen, es gibt noch Werte, die bleiben, und seien es nur die unfassbar hohen Preise, die für manche Künstler gezahlt werden.

Doch der Erholungsfaktor ist von kurzer Dauer. Überforderung durch Masse stellt sich ein. Einmal mehr wurde die Anzahl ausstellender Galerien erhöht. 186 aus 27 Ländern wurden von der Direktorin der Messe, Jennifer Flay, zugelassen. Sie zeigen unzählige Werke, die an uns vorbeirauschen und um Aufmerksamkeit heischen. Um den nervous breakdown zu vermeiden, tut man wie jedes Jahr gut daran, auf der Empore zu beginnen, wo die jungen Galerien ihre Künstler zeigen. Neben einigem Unausgegorenen finden sich hier immer auch neue, interessante Positionen.

So der koreanische Künstler Cody Choi bei PKM Gallery, der uns mit neuen Werken darauf vorbereitet, dass Zeichen und Bezeichnetes auch an der FIAC nicht immer übereinstimmen. Ein wenig Verwirrung der Sinne stärkt die Bereitschaft zur Differenzierung. 35’000 Dollar zahlt man für ein Bild.

Ein Essen mit dem Künstler

Charbel-joseph H. Boutros zeigt bei Grey Noise die Schuhe des Künstlers (also wohl seine), der eine gefüllt mit Salz, der andere mit Zucker. Dazu zwei Kassenzettel, die eingekauften Waren ergeben anagrammhaft „Mon Amour“. Einmal Abendessen, einmal Frühstück mit dem süss-salzigen Künstler? Jedenfalls stechen seine Werke heraus, versteckt sind politische Aussagen zu seiner Heimat, dem Libanon. Eine Position mit Potenzial.

Bei Stigter van Doesburg präsentiert Dina Danish drei imaginäre Fussballtrikots, bemalt mit Acrylfarbe. Ein spätes Echo auf die wunderbaren Yves-Saint-Laurent-Kleider im Mondrian-Stil von Silvy Fleury, die die Zürcher Galerie Karma International zeigt.

Begeisternd auch die Installation der New Yorker Künstlerin Liliana Porter bei mor charpentier. Sie stellt einer Miniatur-Putzfrau mit Besen mitten in der Koje die unlösbare Aufgabe, den ganzen „mess“, hier dargestellt als rotes Pulver, in den drei Pariser Tagen wegzuputzen.

Zum ersten Mal ist auch eine polnische Galerie in Paris vertreten. Die Warschauer Raster Gallery bringt Rafal Bujnowski, der viel monochrom arbeitet, aber so ganz andere Werke zeigt, als die auch in diesem Jahr präsentierten Platten in einheitlichen Blau, Grau, Weiss oder Schwarz (in aufsteigender Beliebtheit und Beliebigkeit). Bujnoswki forscht vielmehr den Möglichkeiten nach, die in Farbe stecken, die Vielfarbigkeit, die Schwarz im Zusammenspiel mit Licht eben auch ausmacht. Faszinierend, wie er dem Betrachter den flüchtigen Rauch einer ausgeblasenen Kerze nur mit schwarzer Farbe nahebringt. Das Diptychon war für 8’000 Dollar zu haben.

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Kunst mit der Pistole

Für die weggefallene Nebenmesse „officielle“, die jeweils im Pariser Osten weniger finanzstarken Galerien die Möglichkeit der Präsentation gab, hat Jennifer Flay nun einerseits den Petit Palais gleich über die Strasse gekapert, wo grosse Installationen Platz finden. Erweitert hat sie aber auch den Bereich im oberen Stock, und zwar vor allem um den Salon Jean Perrin, in dem Künstler des 20. Jahrhunderts gezeigt werden, denen man ein Revival gönnt.

Das war eine gute Idee, denn so kommen die Besucher zur gänzlich unerwarteten Begegnung mit rund einem Dutzend Werke des Beat-Autors und Künstlers William S. Burroughs. In ihnen zeigt sich plötzlich, zu was Kunst neben allem Kommerzdenken eben auch fähig ist: rohe, freche, ausgelassene und amüsante Provokation. „Spray paint and gunshot holes“, so wurden die meisten dieser Werke erstellt. Da hüpft des Rezensenten Herz!

Im Erdgeschoss dann die Platzhirsche. Gagosian zeigt ihren Anspruch, die führende Galerie zu sein, nicht nur durch den Platz gleich beim Eingang, nein, ihre ist auch die einzige Schau, in der die Kunstwerke nicht angeschrieben sind. Wer nicht weiss, was er sieht, kann es eh nicht bezahlen. So geht Arroganz der Macht und des Geldes.

Temporäre Wasserspiele

Gleich weiter darum, Neues sieht man dort eh nicht. Auch bei Guillermo de Osma nicht, die Madrider Galerie hängt aber hervorragende konkrete Kunst unter anderem von Camille Graeser und César Paternosto an die Wände.

Wie jedes Jahr jagen sich Hohlspiegel von Anish Kapoor, Concettos spaziale von Lucio Fontana in allen Farben, Schmetterlinge von Damien Hirst, erfrischende Provokationen von Richard Prince und undefinierbare Wasserspiele in temporären Pools gegenseitig die Schaulustigen ab.

Darum zu den wahren Stars der diesjährigen FIAC, den Frauen. Etel Adnan zeigt bei der libanesischen Galerie Sfeir-Semler und der Galerie Lelong, dass sie den Grossteil der zeitgenössischen Kunst mit ihrem farbenfrohen Minimalismus locker in den Schatten stellt, aus dem jede Konzeptkunst nur schwer wieder herausfindet. Die wunderbare Alicja Kwade macht weiterhin Kunst mit Verstand und Herz und präsentiert bei kamel mennour ein neues Werk mit sich raffiniert spiegelnden Steinen.

Essen an der Wand

Lita Albuquerque bringt Licht und Raum bei der Kohn Galerie auf den goldenen Punkt. Die Turner-Preisträgern Laure Prouvost, bald in der Kunsthalle Luzern zu sehen, zeigt einen Blumenstrauss, den man nur im Spiegel erkennen kann. Und Chloe Weiss klebt wie weiland Daniel Spörri Essen auf Teller und hängt sie an die Wand. (Daniels Spörri mag mit seinen Literaturwürsten auch Pate gestanden haben für das merkwürdigste Werk an dieser FIAC: in Kondome verpackte Spaghetti mit Tomatensauce des Künstlers Puppies Puppies à 700 Dollar das Stück.)

Es gibt also Hoffnung für die moderne Kunst, auch wenn sie im Umfeld von Kunstmessen ihre Daseinsberechtigung weiterhin vor allem aus ihrem Warencharakter und weniger aus der Auseinandersetzung mit der Welt bezieht. Aber was erwarten wir anderes, wenn die Wand, an der das Werk hängt, oft teurer ist als das Werk selbst. Das kann A. R. Pencks kleinem Totem nicht passieren. Er steht ja im Raum und macht sich offensichtlich so seine eigenen Gedanken zum Kunst-Rummel.

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