Kunst Zürich: Die Suche nach dem „gap“

„It’s not what you see that is art, art is the gap“. Dieses Zitat wird, zurecht oder nicht, Marcel Duchamp zugeschrieben, dem Erfinder des ready-made. Mit diesem Zitat im Kopf ging ich an die Kunst Zürich, die jährliche Kunstmesse in einer alten Industriehalle in Zürich Oerlikon, und ich machte mich auf die Suche nach der Lücke, dem Spalt, dem Ausgesparten, ja dem Unausgesprochenen.

Eingeladen war ich von der Galerie sam scherrer contemporary, darum starten wir die Suche nach dem gap auch hier. Zu den langjährigen Bestsellern der Galerie gehören die Kopf&Hals-Tiere von Viviana Chiosi, die eine Mischung von Hase und Manga-Figur zu sein scheinen. Versehen mit aktuellen Referenzen (an der Messe hängt eine Figur, deren Torso mit einer Westwing-Werbung versehen ist, und die auf den online-Kaufrausch verweist, der einen giftgrün werden lässt) zeigen sie die Lücke zwischen Wunsch und Erfüllung, zwischen Ideal und Realität auf. Hinter der auf den ersten Blick lustigen Comic-Figur lauern die Verfremdungen heutiger Lebensläufe.

Auch Lukas Salzmann präsentiert neue Arbeiten, mit pastösem Strich übermalte und ebenfalls verfremdete Frauenporträts, farbenfroh und doch der Verschiebung gegenüber der Realität unterworfen. Traumbilder, auf barocke Weise aus der Zeit gefallen.

Einige Boxen weiter ziehen mich wieder Farben in den Bann. Schwefelgelb glimmen die Bilder des Herzchirurgen Dierk Maass, der nebenberuflich fotografiert und auf seiner Webseite erwähnt, dass er Achttausender ohne Sauerstoff besteigt. Für seine neue Serie war er in Grenzregion zwischen Chile und Argentinien, um Schwefelberge zu fotografieren. Faszinierende Farben, aber nach dem gap suche ich noch.

Pure Farben

Die Galerie von Braunbehrens bringt den Finnen Sami Lukkarinen nach Zürich, der sich mit pixligen Porträts etablierte und mittlerweile eine Art von rauem Pointillismus zelebriert, der die Malerei zurück zur reinen Farbe führt. Alte Technik in neuem Kleid, die überraschend gut funktioniert. Für 9’085 Franken zu haben.

Ebenfalls auf eher alte Techniken vertraut Thomas Hildenbrand, den die Frankfurter Galerie mühlfeld + stohrer nach Zürich bringt. Er nimmt Bezug auf alte süddeutsche Holzschnitz-Traditionen, traut sich gar, im Jahr 2016 den heiligen Sebastian in Holz zu schneiden (20’600 Franken), windet sich aber geschickt (und hier kommt der gap) aus der Traditions- und Imitatsfalle, und ja – auch der Kitsch wird knapp vermieden. Seine Skulpturen strahlen eine hölzerne, barock-moderne Körperlichkeit aus, die sich dem Religiösen entzieht, das einem als erstes in den Sinn kommt, wenn der Galerist erzählt, dass Hildenbrand kürzlich eine Riemenschneider-Figur kopiert habe. Wer sich auf der Webseite Hildenbrands umschaut, bemerkt, dass auch diese Art, Kunst zu gestalten, Entwicklungsspielraum bietet.

Auch die Bilder des Iraners Alireza Varzandeh referenzieren auf Techniken die schon mal da waren. Unmittelbar kommt dem Betrachter Joaquín Sorolla in den Sinn, auch wenn Varzandehs Pinselstrich expressiver erscheint. Grossformatige Bilder, die das Leben feiern, mutig koloriert.

Hingetuscht

Das beste Stück auf der Messe (mal abgesehen von den Meistern der Moderne wie Sam Francis) kommt von Dieter Mammel, von der Galerie Hübner und Hübner aus Frankfurt mitgebracht. Ein überwältigendes Gelb, das mit Tusche „bespielt“ wird, eine Technik, die keine Fehler zulässt. Mammel ist ein luftig-leichtes, lockeres Bild gelungen, „hingetuscht“ im wahren Sinn des Wortes, Kindheit pur, eingefrorene Lebenslust. Leichter kann Kunst nicht sein, kann der Abgrund des Absurden, den das Leben für uns bereithält, nicht überwunden werden. Dabei sind Mammels Bilder der gelben Serie grundsätzlich eher lebensschwer. Schön, dass dieses Werk, das den gap schliesst, in Zürich gezeigt wird.

Die Essener Galerie Obrist hat zwei wunderbare Werke des bald siebzigjährigen Norbert Thomas im Gepäck. Für rund 5’000 beziehungswiese 10’000 Franken zu haben sind lackierte Kunststoff-Gebilde, die die Farbe ihrer Träger auf die weisse Wand, an der sie hängen, applizieren. Dieselbe Technik wendet gelegentlich die viel jüngere Rana Begum an, die kürzlich eine Einzelshow in London hatte (und in Zürich nicht vertreten ist). Von beiden bin ich gleichermassen verzückt. Der gap? Der wird quasi in der Luft durch Farbe ausgefüllt.

Fazit des Besuches der Kunst Zürich: Mehr Platz als in Paris vor einer Woche in einer vergleichbar begeisternden Halle, aber die Qualität des Gezeigten ist – wen wundert’s – nicht auf gleichermassen konstant hohem Niveau. Hervorragende Arbeiten harren der Entdeckung, junge Künstler erhalten Messepräsenz, einige Arbeiten lohnen den Griff ins Portemonnaie ganz sicher – ob als Investment sei allerdings dahingestellt. Aber dazu sollte man auch keine Kunst kaufen.

Zurück geht’s ins nahgelegene Parkhaus, das zu einem Einkaufscenter gehört. Spätestens hier ist der gap nahezu geschlossen, die Realität hat mich wieder, die Kunst ist weit weg. Und doch bleibt, lässt man es nur zu, diese Spalte, die die Axt ins gefrorene Meer in uns schlägt.

Kunst 16 Zürich. Bis 30. 10. 2016. ABB-Halle 550, Zürich Oerlikon. Katalog erhältlich.

 Beitragsbild: Alireza Varzandeh: Ohne Titel

 

 

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