Ausgestopfter Schrecken: Cattelan in Paris

Maurizio Cattelan ist fünf Jahre nach dem Beginn seines selbsternannten Vorruhestandes – den er 2011 mit einer fulminanten Retrospektive all seiner Kunstwerke in New York einläutete – auf die Kunstbühne zurückgekehrt; von der er natürlich nie wirklich verschwunden war.

2013 stellte er fünf kopflose, an der Wand befestigte Pferde unter dem Titel „Kaputt“ in der Fondation Beyeler in Riehen aus. Und erntete damit mitunter harsche Kritik, so in der FAZ, die ihm vorwarf, „schweifwedelnd“ den Kunstmarkt mit sommerlochfüllenden Blödeleien zu bedienen. Im Frühling 2016 liess Cattelan die Schweizer Rollstuhl-Athletin Edith Wolf-Hunkeler im Rahmen der Manifesta über den Zürichsee paddeln – eine reichlich misslungene Performance, inhaltlich wie in der Ausführung.

Jetzt meldet er sich also offiziell zurück, in einer kleineren Retrospektive bekannter Werke in der Monnaie de Paris, der Münzprägeanstalt am Quai de Conti mit ihren neoklassizistisch-prachtvollen Räumen.

Von Intellekt umwabert

Seit meiner Entdeckung seines suizidalen Eichhörnchens von 1996 bin ich begeistert vom hintergründigen Schalk in Cattelans Werken. Mit Betonung auf Schalk. Den Hintergrund liess ich eher unerforscht mitlaufen. Es machte sich halt gut, wenn den Humor ein wenig Intellekt umwabert.

Als ich mich auf den Weg zum linken Seine-Ufer machte, freute ich mich also vor allem darauf, die bekannten Werke, wie den von einem Meteoriten erschlagenen Papst Johannes Paul II, realiter zu sehen und auf intelligenten Witz jenseits der Blödelei.

Das erste Werk, auf das bereits am Eingang in den Hof durch ein Schild aufmerksam gemacht wird, sollte mich allerdings durch seine Abwesenheit darüber informieren, dass mich mehr als reiner Schalk erwartet. Ein „Pinocchio“ wurde angekündigt, war aber nirgends zu entdecken. Auf Nachfrage erklärte eine Museum-Mitarbeiterin, dass der Pinocchio nur einen Tag auf dem Dach der Monnaie ausgestellt war, dann aber entfernt werden musste. Grund: Es gab Klagen von Menschen, die sich über ihn erschreckten!

Mit nicht mehr ganz so fluffig-gedankenfreier Vorfreude betrete ich die Ausstellung. Und mit jedem Raum, den ich durchschreite, wird mir unbehaglicher zumute. In der hohen Treppe am Eingang baumelt ein Pferd, der Blick geht von ihm zu der gekreuzigten Frau, die an der Wand der Treppe hängt, dem Betrachter den Rücken zuwendend.

Im ersten Saal dann der erschlagene Papst, stilecht mit roten Schuhen. Von oben herab klingt der mahnende Schlag des kleinen Trommlers. Nein, es ist nicht lustig. Vielmehr kündigt sich hier das Unheil an, das sich in den Werken Cattelans verbirgt. Gänsehaut überzieht mich beim Anblick der mit Leintüchern aus Marmor überzogenen Leichen, die in Reih und Glied gelegt sind – noch in der Todesstarre von strammer Überzeugung, für das Richtige gestorben zu sein.

Es folgt eines der berühmten kopflosen Pferde. Sie sind übrigens, wie die anderen Tiere, die zu sehen sind, nicht etwa einfach „ausgestopft“, sondern taxidermiert, wie der Fachbegriff lautet. Das gleiche Schicksal fanden zwei Labradore, die sich offensichtlich liebevoll um ein Küken kümmern, das zwischen ihnen steht. Wachsam und fürsorglich beschützen sie das vermeintliche Adoptivkind. Wann werden sie merken, dass es, obwohl von derselben Feder-/Fell-Farbe, doch nicht von ihrem Schlag ist?

Gebändigte Rebellen

Bereits erfahren, dass man gegen Autoritäten nicht aufmucken sollte (seien diese natürlich oder gesellschaftlich), hat der Junge, dessen Hände mit Bleistiften an das Schreibpult genagelt sind. Vielleicht sitzt er da, Gesicht zur Wand, um eine Strafarbeit zu schreiben. Seine Peiniger erfanden eine noch erniedrigendere Art, ihn zu bändigen.

Das Lachen ist mir schon lange vergangen, als ich den letzten Raum betrete. Ein Junge beim Beten, der mir den Rücken zukehrt, erwartet mich da. Natürlich weiss ich, dass das „Him“ betitelte Werk Adolf Hitler darstellt. Und doch: Der Schrecken ist gross, als ich ihn umrunde und ihm ins Gesicht blicke. Da kniet er, erstarrt in der Anbetung, ein Bild von Zwang und Unterwerfung und missbrauchter Macht. Ich wünsche mir so einige andere an seiner Seite, ein Kabinett aus knienden Unterdrückern und Diktatoren, die hier so viel besser aufgehoben wären als in der realen Welt, in Damaskus und Istanbul…

Mit einfachen Gesten kommentiert Cattelan die Welt und ihre Absurdität. Der Intellekt hinter dem Schalk lässt sich einfacher erfahren als erklären. Wer die Werke eines grossen zeitgenössischen Künstlers sehen möchte, der von sich selbst zurecht sagt, dass seine Skulpturen weder witzig noch zynisch seien, da er den Zynismus des Alltags gar nicht erreichen könne, der fahre nach Paris. Noch bis zum 8. Januar 2017.

Maurizio Cattelan: Not afraid of Love
Monnaie de Paris
11, quai de Conti,
75006 Paris

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