Die Notwendigkeit des Handelns

Ein Beitrag von Ludwig Luchs

Ich mag ja gerne glauben, dass Donald Trump nun präsidial wird; dass er sich nicht mehr so gebärden kann wie zu Wahlkampfzeiten; dass der moralisch Unflätige eigentlich der Journalist ist, der die „Pussy-Aufnahme“ von Trump an die Öffentlichkeit brachte (und nicht etwa der president elect, der „boys-talk“ über die einfache Verfügbarkeit von Frauen von sich gab); dass man sich über die Ohrfeige fürs Establishment freuen sollte, dass das amerikanische System von „checks and balances“ Trump in die Schranken weisen wird; dass ein wenig Know-how in Betriebswirtschaft der amerikanischen Politik ganz gut tun wird; dass Donald Trump schnell lernt; dass bereits die Wahl von Washington-Insidern für sein „transition-team“ sein Unvermögen aufzeigt, sich vom Establishment zu lösen – kurz: dass alles nicht so schlimm kommen wird, wie von vielen Menschen, von links über grün bis zu liberal eingemittet, befürchtet.

Aber: Es wird so schlimm kommen. Denn das amerikanische Volk hat am 9. 11.2016 nicht einen neuen Charakter für Donald Trump gewählt, sondern ebendiesen Siebzigjährigen darin bestärkt, dass sein Charakter geeignet sei, ihn ins höchste Amt zu führen. Warum sollte Trump sich jetzt das Mäntelchen des Moderaten umhängen? Deshalb ist es gefährlich, seine Sprüche der vergangenen Monate in die Mottenkiste der zugespitzten Wahlkampf-Aussagen zu verstauen.

Selbstverständlich hat Trump auf der Klaviatur der Ressentiments und der Ängste gespielt – und das offensichtlich besser als alle anderen. Aber er hat eben auch ausgesprochen, was er für richtig und wahr hält. Offenbar gehen diejenigen, die ihm nun eine Schonzeit zugestehen, davon aus, dass er schon irgendwie lernen wird, wie man Präsident wird. Je weniger er dabei von Politik versteht, umso besser, scheint es.

Verworfen und vergessen also die frauenfeindlichen Aussagen, vergessen die Drohung, politische Gegner ins Gefängnis zu werfen, vergessen die Einschätzung des Gegenübers aufgrund dessen Sex-Appeals, vergessen seine Beleidigungen gegenüber Behinderten, vergessen seine Willensäusserung, Atomwaffen einzusetzen, wenn man sie doch schon mal habe, vergessen die Androhung von Busse für abtreibende Frauen, vergessen die Geringschätzung von Journalisten bis hin zu Drohungen. Und das ist lange nicht alles, was plötzlich nur dem Wahlkampf geschuldet sein soll.

An den Worten messen

Aber es gibt genügend Menschen, die sich erinnern, was er sagte; und die das für bare Münze nehmen. Sie sind entschlossen, Trump nicht nur an seinen Taten, sondern auch an seinen Worten zu messen. Das ist der – Trump offensichtlich unbekannte – Unterschied zwischen einem Businessman und einem Politiker: Bei Letzterem zählen Worte als Taten.

Der Künstler Olafur Eliasson ist einer derjenigen, die nicht vergessen wollen, was vor dem Wahltag gesagt wurde. Er ruft deshalb zur Aktion auf: „We must not remain inactive. We have no choice but to use this moment as an opportunity to give rise to new movements built on respect and empathy, and to really listen to those who feel unheard.“ Eliasson fordert Respekt und Empathie, zwei klare Defizite in den Aussagen und wohl auch dem Denken Trumps.

Eliasson erkennt aber auch, was nun Not tut: Denen zuhören, die ihre „stumme Stimme“ erhoben haben in dieser Wahl. Nicht diese leben in einer Blase; in der Blase lebten bis zum Wahltag vielmehr die Intellektuellen und Künstler, die Liberalen und Linken, die davon ausgingen, dass die Mehrheit der Amerikaner so tickt wie die Intellektuellenszene in New York, Paris, Berlin, Zürich oder London. Dass es – und nicht nur in Amerika – unzählige Menschen gibt, die der Zeit nachtrauern, in der sie sich überlegen fühlen konnten (gegenüber Schwulen, Schwarzen, Frauen, Anarchisten, Sozialisten, Asiaten, Afrikanern, you name it…), war ihnen nicht bewusst. Weil es in ihre Blase nicht durchdrang. Weil alle, mit denen sie redeten, linksliberale oder postmodern angehauchte Atheisten waren – wie sie selbst.

Nun ist die Blase geplatzt. Die Reaktionen der Intellektuellen sind deutlich. Der amerikanischen Autorin und Feministin Siri Hustvedt schwante bereits vor der Wahl Böses: „Wenn Trump zum Präsidenten gewählt wird, dann werde ich definitiv nicht das Land verlassen, sondern erst recht mehr Zeit für die Politik investieren, an die ich glaube. Das kann ich ohne zu zögern sagen. Aber ich habe grosse Angst.“ Und der französische Publizist Bernard-Henri Lévy meinte sinngemäss, dass nun alles in Gefahr sei, was die Postmoderne an Verständnis für eine pluralistische Gesellschaft geschaffen habe.

Foucaults Rat

Vielleicht tut es gut, sich in Intellektuellenkreisen an den französischen Philosophen Michel Foucault zu erinnern, der in einem Gespräch mit Paul Rabinow über die Möglichkeiten des Regierens sagte, man müsse heutzutage „möglichst nahe an der Frage nach der Beschaffenheit und Genese der Vernunft bleiben, die wir benutzen.“ (siehe hier, S. 333ff.)

Foucault führte aus, dass man sich die Frage stellen muss, wie wir „als rationale Wesen existieren (können), denen es glücklicherweise gegeben ist, einer Rationalität zu folgen, die unglücklicherweise Gefahren birgt.“ Es geht ihm dabei nicht darum, die Vernunft zu verneinen, aber er plädiert für die stetige Möglichkeit, die Rationalität kritisch zu hinterfragen. Am Beispiel des Rassismus, der sich auf die „strahlende Rationalität des Sozialdarwinismus“ gestützt habe, und der Bestandteil des Nationalsozialismus geworden sei, zeigte Foucault auf, dass es eine Irrationalität gibt, die „zugleich eine Form von Rationalität“ darstellt.

Er schliesst, dass diese Hinterfragung der gegenwärtigen Rationalität nicht darin münden darf, in eine „gute alte Zeit“ zurückzukehren: „Wir sollten unter allen Umständen jeglicher Art von Rückkehr misstrauen. Einer der Gründe für dieses Misstrauen liegt auf der Hand: Es gibt keine Rückkehr.“

Trump versprach seinen Wählern und Wählerinnen genau das: Rückkehr. Rückkehr der Dominanz des weissen, heterosexuellen Patriarchats. Rückkehr der verlorenen Jobs in geschlossenen Fabriken. Rückkehr der Grösse Amerikas. „Make America great AGAIN!“

Es ist nun nicht zuletzt an den Intellektuellen und den Kulturschaffenden, „nahe an dieser Frage zu bleiben“, und die Folgen der Unmöglichkeit einer Rückkehr in eine positive Richtung zu wenden, die (vermeintliche) Irrationalität, die nun in den USA tr(i)umphierte, hinterfragend zu begleiten. Der Sieg Trumps ist ein Auftrag an sie, das Erreichte zu bewahren und die Vernunft künftig mit neuen Vorzeichen weiterzuentwickeln.

Beitragsbild: Alfred Manessier. https://www.wikiart.org/en/alfred-manessier/composition-1959

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3 Kommentare

  1. Hm… Na gut, kritisches Hinterfragen ist immer fein, aber Rassismus als Beispiel für Rationalität find ich doch ein bisschen albern.
    Und in dem Sinne würde ich dann als weiteren Kritikpunkt hinzufügen, dass natürlich auch Trumps Wähler in einer Blase leben. Tun wir ja alle, gewissermaßen, insofern finde ich es zu einfach, zu behaupten, nur die einen, die anderen aber nicht.

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  2. Vielen Dank für deinen Kommentar, Muriel.
    Gerade weil es so weit hergeholt scheint, hat Foucault wohl das Beispiel des Rassismus gewählt. Und ja: wir alle leben in einer Blase, noch viel mehr, seit es Social Media gibt und wir dank der Facebook-Algorithmen nur noch diese Meldungen erhalten, die uns in unserer Anschauung bestätigen.
    Ludwig

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    1. Hm. Das Beispiel Rassismus finde ich nicht lediglich weit her geholt. Ich finde es falsch. Rassismus ist auf mehreren Ebenen manifest irrational. Die zugrundeliegenden Tatsachenannahmen sind falsch und nicht gerechtfertigt, und wenn sie wahr wären, vermöchten sie die Schlussfolgerungen nicht zu tragen.
      Dass wir noch viel mehr in einer Blase leben, seit es Social Media gibt, halte ich ebenfalls für falsch. Da bin ich mir zwar weniger sicher, aber ich kenne zumindest keine Belege dafür und habe gerade letztens verschiedene Studien zu dem Thema gesehen, die eher zu dem Ergebnis kamen, dass Leute dadurch mehr Berührungen mit abweichenden Meinungen haben und sich jedenfalls nicht unbedingt einseitiger informieren.

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