Haus Liechtenstein gibt sich die Ehre

Die Fürstlichen Sammlungen im Kunstmuseum Bern

Der Fürst lädt ein und alle kommen nach Bern, ins Kunstmuseum. Dort zeigt das Haus Liechtenstein eine Auswahl von 200 Werken aus der eigenen Kunstsammlung, die durch seine Würdenträger über vier Jahrhunderte zusammengetragen wurde. Wobei der Singular hier scheinbar fehl am Platz ist. „Liechtenstein. Die fürstlichen Sammlungen“ heisst die Ausstellung. Plural sei es, obwohl nicht klar wird, wo in dieser Ausstellung die eine Sammlung aufhören und die andere beginnen soll.

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Anton Jenik: Fürst Johann I. von Liechtenstein mit seiner Familie. Detail.

Dass alle Sammlung mit den Fürsten des Hauses beginnt, wird hingegen schnell klar. Da umringen auf einem grossformatigem Bild von zweifelhafter Qualität die männlichen Familienmitglieder von Fürst Johann I. (1760-1836) mit geröteten Wangen ihren Chef, während die Damen züchtig auf der anderen Seite des Raumes gruppiert wurden, begleitet von einigen hübsch beschnautzten Kavalieren. Warum sich das irgendjemand anschauen sollte, bleibt schleierhaft – es sein denn, um sich der grossartigen Geschichte des Fürstenhauses bewusst zu werden.

Haus Liechtenstein auf Shopping-Tour

Deutlich wird im weiteren Verlauf der Ausstellung, dass die Fürsten seit Karl I. (1569-1627) kreuz und quer kauften, und zwar alles, was gesammelt werden konnte: Bilder, Skulpturen, seltene Trinkgefässe, Rüstungen und Kanonen, Pokale und Elfenbeinarbeiten. Glücklicherweise setzt das Kuratoren-Team mit Regula Berger, Matthias Frehner und Rainer Lawicki Schwerpunkte. Beispielsweise bei der niederländichen und flämischen Kunst, die die Fürsten bevorzugt sammelten. Thematisch gegliedert hängen in den offenen Räumen Porträts von Frans Hals, Peter Paul Rubens und Anthonis van Dyck. Von van Dyck findet sich im der christlichen Hagiographie gewidmeten Raum auch ein Hieronymus samt Löwe.

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Pieter Brueghel d.J.: Die Volkszählung in Bethlehem. Detail.

Zweifellos ist niederländische Malerei ohne Genre-Bilder nicht denkbar, und eine Sammlung wie die fürstliche wäre ohne diese nicht vollständig. Pieter Brueghel d. J. ist mit einem bemerkenswerten Bild vertreten, das die Volkszählung in Bethlehem in eine holländische Kleinstadt verlegt und Maria und Joseph nur ganz nebenbei als zwei von vielen Beteiligten zeigt. Adriaen van Ostade, Schüler von Frans Hals, versetzt mit einem repräsentativem Werk, das tanzende Bauern in raffinierter Lichtsetzung zeigt, in Erstaunen.

Tote Hasen und gehörntes Getier

Zudem sammelten die Fürsten alte Meister, die weiter südlich arbeiteten. So kaufte Fürst Joseph Wenzel I. (1696-1772) noch direkt bei Canaletto ein, von dem auch in Bern eine wunderbare Vedute zu sehen ist, die die Mündung des Canale di Cannaregio in den Canal Grande zeigt. Die Stadtansicht wurde irgendwann verkauft, 2007 erwarb sie Fürst Hans-Adam II. erneut für das Haus Liechtenstein, wie er es mit einigen Werken aus dem früheren Fürsten-Fundus tat, welche, ob aus Geldnot oder Überdruss, von seinen Vorfahren veräussert wurden. Seit Johann II. (1840-1929) verzichtet das Haus auf den Ankauf zeitgenössischer Kunst, weshalb der Biedermeier-Maler Friedrich von Amerling auch den zeitlichen Schlusspunkt der Schau bildet.

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Giovanni Antonio Canal, gen. Il Canaletto: Vedute.

Tote Hasen und gehörntes Getier erwarten die Besucher am Ende der Ausstellung; Jagd-Stilleben, ergänzt von allerlei Haupt- und Treibjagden. Adliges Vergnügen eben, das beim Rezensenten einmal mehr ein Unbehagen auslöst, das ihn schon während des Rundgangs begleitet hatte. Er fühlt sich wie ein Mann des Volkes, der die Schatzkammern des Fürstenhauses besuchen darf. Fraglich ist, ob das im Jahr 2016 noch zeitgemäss ist. In der Schweiz war es das erfreulicherweise nie.

Ein Bild fernab der Erdenschwere

Warum also nach Bern fahren? Zum ersten wegen des hübschen Porträts der Fürstin Karoline von Liechtenstein, gemalt 193 von Elisabeth Vigée-Lebrun, die hier ihre nicht hoch genug zu schätzende Kunstfertigkeit zeigt. So schwebt die Fürstin barfüssig in rauchgeschwängerter Luft fernab jeder Erdschwere, eingerahmt von einem perfekt sich rundendem Seidentuch.

 

Den zweiten und wichtigeren Grund liefert Bartolomé Esteban Murillo mit seiner unglaublichen Abbildung der Madonna mit dem Kind, die er um 1650 malte. 2010 hat sie Fürst Hans-Adam II. erworben. Die herzerwärmende Intimität der Szene wird bereichert durch die überwältigende Farbgebung der Stoffe. Rot, Grau und Dunkelgrün schimmern sie im Licht, Reflexe und Glanzlichter mischen sich in den Fluss der Textilien, die ihre Konturen hie und da im schwarzen Schatten verlieren. Ein wunderbares Bild, das jegliches Unbehagen vertreibt und zeigt: Nicht dem Sammler, sondern dem Künstler gilt die Bewunderung.

 Kunstmuseum Bern, bis 19. März 2017, Katalog im Hirmer Verlag, CHF 60.90

Beitragsbild: Elisabeth Vigée-Lebrun (1755–1842): Porträt der Fürstin Karoline von Liechtenstein; Cover des Katalogs

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