Von der Allmacht der Zeit

Als Gast des Kaisers von China entwirft der weltbeste Uhrmacher Alister Cox aussergewöhnliche Automaten und versucht, über den Mysterien der Zeit den Tod seiner Tochter zu überwinden. Christoph Ransmayr schreibt über das Wesen der Zeit.

Der britische Uhrmacher und Automatenbauer Alister Cox, mit 900 Angestellten ein Grossunternehmer in Sachen Zeit und Lieferant vieler Königshäuser, segelt im 18. Jahrhundert gen Osten, nachdem er von Gesandten des Kaisers von China mit drei seiner besten Mitarbeiter eingeladen wurde. Cox soll dort innerhalb von zwei Jahren die weltberühmte Uhrensammlung des Kaisers mit den raffiniertesten Zeitmessern vervollständigen, die bis anhin ersonnen wurden.

Qianlong, der Kaiser, erweist sich als weitgehend unsichtbarer Auftraggeber, der seine Befehle, als Wünsche getarnt, durch den chinesischen Übersetzer Kiang ausrichten lässt. Der Kaiser herrscht absolutistisch, ist allmächtig, lässt kleinen Betrügern die Nase abschneiden (die grausame Beschreibung dieser blutigen Bestrafung eröffnet den Roman), sieht sich als Herrscher über Zeit und Welt. Er versucht, sich gar die Natur untertan zu machen, verlängert den Sommer bis in den Winter hinein, wenn es nötig scheint.

Doch er stösst an seine Grenzen: Das Wetter, der eigene Körper, die Zeit: Die Naturgesetze kann auch ein Kaiser nicht aushebeln, der sich als allmächtiger Herrscher sieht.  An den Zwängen der Natur scheitert der Allmachtsanspruch. Christoph Ransmayr zeigt die absurde Auflehnung gegen den Lauf der Welt in kurzen, meisterhaften Episoden innerhalb des Romans.

Ein Versuch Qianlongs, sich die (menschliche) Natur untertan zu machen, besteht im Befehl an die Uhrmacher, mechanische Apparate zu erfinden, die das Vergehen der Zeit messbar machen. Und zwar nicht das gnadenlose, regelmässig getaktete Fortschreiten, das auch die Uhren an unseren Handgelenken messen, sondern vielmehr die empfundene Zeit: So soll Cox eine Uhr entwerfen, die das von Menschen gefühlte Verstreichen der Zeit misst.

„Der Kaiser wollte, dass Cox ihm für die fliegenden, kriechenden oder erstarrten Zeiten eines menschlichen Lebens Uhren baute, Maschinen, die gemäss dem Zeitempfinden eines Liebenden, eines Kindes, eines Verurteilten und anderer, an den Abgründen oder in den Käfigen ihrer Existenz gefangenen oder über den Wolken ihres Glücks schwebenden Menschen den Stunden- oder Tageskreis anzeigen sollten – das wechselnde Tempo der Zeit.“

Cox entwirft die aussergewöhnlichsten Stücke, die allerdings nie zu Ende gebaut werden, denn der Kaiser wünscht jeweils neue Arbeiten, noch bevor die alten abgeschlossen sind. Die finale Herausforderung besteht in der Konstruktion eines Perpetuum Mobile, mit dem der Herrscher die Ewigkeit messen möchte. Dass diese Maschine sich durch ihre eigene Ewigkeit dem Allmachtsanspruch des Kaisers entzieht, macht den Auftrag zu einem gefährlichen Unterfangen, an dessen Ende der Zorn des Herrschers und der Tod der Uhrmacher stehen könnte.

Sehnsucht nach der Tochter

Christoph Ransmayr baut auf kunstvollste Art (gleich einem komplexen mechanischen Uhrwerk) verschiedene Erzählstränge zu einer äusserst präzise funktionierenden Geschichte zusammen. Da ist die tote Tochter von Cox, Abigail, die mit nur fünf Jahren verstarb, und in deren Andenken der Uhrmacher eigentlich all seine verspielten Apparate schafft. Rührende, nie in den Kitsch abschweifende Szenen erzählen von der Sehnsucht nach dem Kind.

Da ist Faye, die Frau zuhause in London, die nach dem Tode Abigails verstummte. Cox hofft, dass die tausende Kilometer entfernt gebauten, noch nie gesehenen Uhrwerke Faye zurück zur Sprache bringen.

Da ist die Frage nach der Messbarkeit der Zeit. Im Bennschen Sinn eine Kinderfrage: Wie lässt sich dieses Vergehen des eigenen Lebens messen, das jeder von uns anders erlebt? Während einer der seltenen Audienzen lässt eine lange Litanei des Kaisers über die Vergänglichkeit und das Vergehen der Zeit Cox erschauern. Und Ransmayr umgeht mit einer einzigen, leichthin eingestreuten Bemerkung des Uhrmachers jeden Verdacht, sich in seinem Roman mit einem naiven Zeitbegriff auseinanderzusetzen:

„Eine Banalität von einer Seichtheit, wie man sie ebensogut an der Theke einer Hafenkneipe an der Themse hätten hören können, ein hohles Wort, das aber unbezweifelbar von dieser Stimme im entrückten, fernen Dämmerlicht jenseits eines Wandschirms, den ein Kalligraph mit meisterhafter Eleganz ebenfalls mit Schriftzeichen bemalt hatte, gesagt worden war: Wie schnell die Zeit vergeht.

Wie schnell die Zeit vergeht!

War der berühmteste Uhrmacher und Automatenbauer des Abendlandes um die halbe Welt (…) bis nach Beijing gesegelt und hatte an einem Hof, der für die allermeisten Bewohner des Westens bloss ein märchenhaftes Gerücht war, einen ganzen Herbst lang auf ein Wort des Kaisers von China gewartet, um nun auf Knien vor einem leeren Thron eine solche Plattheit zu hören?“

Die Grenzen der Allmacht

Ransmayr gibt der Versuchung, vermeintlich tiefgründig über die Zeit zu philosophieren, nicht nach. Vielmehr zeigt er auf, was die Zeit mit uns macht, wie sie vergeht und wie sie erfahren wird. Alle weiteren Gedanken überlässt er den Leserinnen und Lesern. Deren Hirnkapazität bestimmt nun die Tiefe oder Seichtheit der weiteren Betrachtungen über das Wesen der Zeit. Auf die Frage, worin sich die verschiedenen Uhren unterscheiden, antwortet Cox: „Durch den Betrachter, durch den, der seine Zeit und den Rest seines Lebens von ihr abzulesen sucht.“

Und da ist die Frage nach der Allmacht des Kaisers, nach dem Allmachtsanspruch von Herrschenden überhaupt. Hier wird Ransmayr überraschend aktuell. Wie können Menschen, die den Naturgesetzen wie alle anderen auch unterworfen sind, dermassen von der eigenen Grösse überzeugt sein, dass sie sich jenseits allen Zweifels über ihre Mitmenschen erheben? Jede Relation verlieren? Und glauben, selbst den Lauf der Jahreszeiten verbiegen zu können? Auch hier versucht sich Ransmayr nicht in Deutungen, sondern zeigt subtil auf, wie absurd diese Vorstellungen sind. Und wie sie schliesslich zum Scheitern verurteilt sind.

Der eigentliche Star dieses aussergewöhnlichen Buches ist aber die Sprache. Ransmayr ist schon lange als Sprachkünstler bekannt. Seine Sprache ist nicht stahlklar und schnörkellos wie beispielsweise diejenige von Peter Stamm. Vielmehr führen Ransmayrs Sätze, den Treppen eines amalfischen Küstendorfes gleich, mit genau geplanten Richtungswechseln in wunderbarer Schönheit zum Ziel. Und transportieren dabei eine Poetik, die in diesem Roman von den Tuschzeichnungen der Chinesischen Malerei inspiriert scheint. So lässt der Autor den Kaiser reflektieren:

„Wenn es überhaupt ein Geräusch geben konnte, sagte Qianlong, nachdem er so lange geschwiegen hatte, dass Cox und Merlin Kiang fragend ansahen und nach einer Geste, einem Zeichen suchten, dass sie sich erheben und verschwinden sollten …, wenn es ein Geräusch geben konnte, das dem Flug der Zeit am ehesten entsprach, dann sei es wohl das gleichförmige Rauschen des Regens, das den Himmel mit der Erde verband. Jede Wasserschnur ein Faden, der die Wolken, das Firmament mit den Gärten und Flüssen, Städten und Meeren und dem Dunkel der Erde, aus dem alles ans Licht dränge, vernähte.“

Christoph Ransmayr: Cox oder der Lauf der Zeit. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016; 304 S.; € 22.00, CHF 31.90

 

 

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