Die Aufgabe der Künste

Ein Beitrag von Ludwig Luchs

Der Nationalismus führt die Länder Europas in die Sackgasse. Die Politiker sollten darauf Antworten finden, die Künstler dürfen die Fragen stellen.

Leben wir gerade in einer Zeitenwende? Das in Jahrzehnten gewachsene Europa sieht sich eingezwängt in Probleme, aus denen es sich nicht herauswinden kann. Gemeinsamkeiten werden von den Ländern zunehmend ignoriert, Nationalismen geben den Ton an. Und Amerika zeigt, wie es weitergehen soll: Mit dem Slogan „Make America Great Again“. Dabei ist Donald Trumps Motto ebenso substanzlos wie rückwärtsgewandt. Er erinnert an den Gedanken, Europa zu retten, indem auf Karl den Grossen rekurriert wird. Der Herrscher scharte Intellektuelle aus ganz Europa um sich und versuchte, auf antiken Bildungsscherben und christlichen Traditionen sein Reich zu konsolidieren. Ein heute proklamiertes christliches Abendland wäre angesichts der vielfältigen kulturellen Einflüsse in Europa zum Scheitern verurteilt.

Europa ohne Grossbritannien muss für sich eine neue Erzählung erfinden. Diese kann kaum auf Mythen basieren, sondern muss sich in der Gegenwart herausbilden – mit der Geschichte als Leitfaden. Der Nullpunkt 1945 nach dem moralischen Bankrott soll im neuen Europa mitschwingen. Die erstaunliche Geschichte der deutsch-französischen Freundschaft, die eine Erzfeindschaft dank stetigem Bestreben in kulturelle Neugier und grenzüberschreitende Sympathie verwandelte, muss als Eckstein im neuen Europa für Stabilität sorgen. Das ist die Aufgabe der Politiker.

Weg mit der Wohlfühlkunst!

Was mich umtreibt, ist die Frage, welche Aufgabe den Künstlern zufällt. Als im Fin de Siècle eine Epoche zu Grabe getragen wurde, formierten sich in der Kunst neue Kräfte. Jung Wien entstand in der Literatur und die Wiener Secession in der Bildenden Kunst. Beide fegten die grauen Rauschebärte der traditionellen, sich behaglich im Bürgertum eingerichteten Wohlfühlkunst hinweg. Das Alte musste überwunden werden, wie der programmatische Titel von Hermann Bahrs Band „Die Überwindung des Naturalismus“ deutlich machte. „Zurück“ war keine Option, man musste ins Neue, ja, ins Unbekannte aufbrechen.

Dass dieser ästhetische Aufbruch die politische Katastrophe nicht aufhalten konnte, lässt sich in Stefan Zweigs Erinnerungen „Die Welt von gestern“ nachlesen. Dennoch muss die Kunst sich zu Wort melden. Genügt es aber heute, mit dem – mittlerweile jedem ästhetischen Diktat entflohenen – zeitgenössischen Kunstverständnis an das Problem des florierenden Nationalismus heranzugehen? Die Beliebigkeit der zeitgenössischen Ästhetik wirkt auf die eigene politische Sprengkraft, indem sie sie negiert. Kraftvoller als das Aufbegehren von Künstlern gegen die Stupidität der Trump’schen Politik erscheinen in den vergangenen Tagen die gehäkelten rosa Mützen, die am „women’s march“ zu Tausenden gegen den Winterhimmel und die grauenhafte politische Realität Farbe bekannten.

Protestieren reicht nicht

Braucht es also eine neue künstlerische Avantgarde, die sich quasi aus dem Protest gegen den Nationalismus speist? Und müssen nicht gerade die Künste Antworten finden, die sich nicht im Protest erschöpfen, sondern einen neuen Ausdruck erzeugen, geschaffen durch einen aktuellen Bezug zur Welt? Kunst ist immer auch die Antwort auf eine Realität. Ihr alternativer Blick setzt die Realität neu zusammen. Ändert sich die Realität – so vielfach gebrochen und simuliert sie auch sein mag –, so muss sich auch der künstlerische Umgang mit ihr ändern.

Bildende Kunst, Musik und Literatur sind also gefordert, sich der Realität des Nationalismus zu nähern. Sie haben alle ästhetischen Freiheiten, ihn als das darzustellen, was er ist: Ein Weg in eine Sackgasse. Die Wege aus der Sackgasse aufzuzeigen, bleibt Sache der Politik.

Beitragsbild: Erich Heckel: Mann in der Ebene. Foto: Kunstsammlung Chemnitz. © Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen. http://www.kunstsammlungen-chemnitz.de/index.php?loc=ghm&content=ausstellungen

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