Last Exit Fehmarn

Das Kunsthaus Zürich zeigt eine grosse Anzahl Werke des Brücke-Künstlers Ernst Ludwig Kirchner.

1911 zieht der Mitbegründer der Künstlergemeinschaft „Die Brücke“ Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) von Dresden nach Berlin. Die Sommermonate der folgenden Jahre verbringt er auf der Ostseeinsel Fehmarn, bis der Ausbruch des Ersten Weltkriegs der Idylle ein Ende bereitet. Nach einem physischen und psychischen Zusammenbruch im Jahr 1915 und mehreren Aufenthalten in diversen Sanatorien zieht Kirchner 1918 nach Davos, wo er bis zu seinem Freitod 1938 lebt.

Kirchner_Zwei Akte an einem Baum

Ernst Ludwig Kirchner. Zwei Akte an einem Baum. Fehmarn 1912/13. Privatsammlung

Im Zürcher Kunsthaus sind derzeit rund 160 Werke aus den Berliner Jahren 1910 bis 1917 zu sehen, vor allem Bilder, Zeichnungen und Drucke. Die frühesten Werke zeigen noch Einflüsse von Vincent van Goghs pastoser Malweise, bald schon sind aber die brücketypischen Farbflächen auszumachen. Einige der Fränzi-Bilder markieren einen ersten Höhepunkt dieser an herausragenden Werken reichen Ausstellung. Ab 1911 entwickelt Kirchner seinen eigenen Stil, nach der Auflösung der „Brücke“ spiegelt sich in seinem Malgestus das flirrende, lebendige Leben Berlins mit seinen Boulevards und den darauf nach Kundschaft suchenden Kokotten. Diese durften nicht stehen bleiben (Prostitution war in der Hauptstadt verboten), sondern mussten sich ständig bewegen. Kirchner gelingt es, diese Bewegungen in seinem nervösen und kantigen Pinselstrich nachzuformen.

Quasi als Kontrast zum Berliner Leben und doch demselben Ziel folgend – das Dasein möglichst direkt in die Kunst zu übertragen – malt Kirchner Strand- und Naturszenen auf Fehmarn; Bilder von „absoluter Reife“, wie sie Kirchner selbst bezeichnet. Darunter ein wunderbares Bild mit zwei Akten an einem Baum, das aus einer Privatsammlung in die Ausstellung gelangt ist.

Erschütternd, was der Erste Weltkrieg auch Kirchner antut. Er meldet sich freiwillig, hält das Soldatenleben aber nicht aus. Nach seinem Zusammenbruch ergibt er sich den Drogen: Morphium, Veronal, Absinth. Ein Selbstporträt aus dieser Zeit zeigt ihn beklemmend ausgemergelt. Zwei Jahre später stellt ihn eine weitere Zeichnung im Morphiumrausch dar, auch dieses Werk von anrührender Selbstentblössung. Überhaupt die Drucke und Zeichnungen: Sie alleine sind Grund genug, diese hervorragend kuratierte Ausstellung zu besuchen. In Ihnen beweist sich Kirchner als einer der grossen Meister seiner Zeit.

Grossstadtrausch/Naturidyll. Kirchner – Die Berliner Jahre. Kunsthaus Zürich. Bis 7. Mai 2016. Die Ausstellung wird von einem Katalog auf Deutsch und Englisch begleitet (CHF 59.-)

Beitragsbild: Ernst Ludwig Kirchner: Die Strasse, 1913;The Museum of Modern Art, New York, purchase, 1939. Foto © 2017 Digital image, The Museum of Modern Art/Scala Florence

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