Imaginiertes Beben

Warum der literarische Seismograph bei Jonas Lüschers Roman „Kraft“ nicht ausschlägt

Gegen Ende der in Jonas Lüschers Roman „Kraft“ erzählten Geschichte imaginiert der sich in Kalifornien befindende Protagonist gleichen Namens ein grosses Erdbeben, das San Francisco zerstört und eine das Silicon Valley überschwemmende Flutwelle auslöst. Die Natur schlägt zurück und vernichtet die dort ansässige moderne Elite, die sich um alle Naturgesetze foutiert und die Welt mit ihren technischen Erfindungen aus den Angeln hebt.

Der Tübinger Rhetorikprofessor Richard Kraft kam ins Silicon Valley und an die Stanford University auf Einladung eines Freundes aus Studientagen, um an einem wissenschaftlichen Wettbewerb teilzunehmen. Es soll die Frage beantwortet werden, warum alles, was ist, gut ist und wie wir die Welt dennoch verbessern können. Als Preisgeld für die beste Antwort sind eine Million Dollar ausgelobt. Kraft braucht das Geld dringend, um sich von seiner zweiten Frau scheiden lassen zu können. Alimente für die gemeinsamen Zwillinge wollen bezahlt werden. Auch aus der ebenfalls gescheiterten ersten Ehe sind finanzielle Belastungen zurückgeblieben.

Nichts ist gut

Eigentlich ist also nichts, was ist, gut. Und für Kraft kann es nur besser werden. Dazu soll die Million Dollar dienen. Aber natürlich löst Geld weder existenzielle noch metaphysische Probleme, auch wenn Kraft glaubt, dass „der Ausweg aus der Sackgasse, in die er sein Leben hineinmanövriert hatte, sich nicht (…) im scharfen Nachdenken über die Welt, sondern doch einfach im Monetären fand.“

Eine neue Antwort auf die alte, bereits im 18. Jahrhundert von Gottfried Wilhelm Leibniz gestellte Theodizee-Frage findet auch Kraft nicht. Stattdessen erinnert der Autor Lüscher mit der eingangs erwähnten Erdbeben-Halluzination etwas gar offensichtlich an das grosse Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755, das den Philosophen Voltaire zu seinem Werk Candide inspirierte, in dem er Leibniz’ Vorstellung der existierenden Realität als beste alle denkbaren Welten ins Lächerliche zog.

Die existierende Welt des krisengeschüttelten Richard Kraft ist Folge eines Aufwachsens im Prä-Wende-Deutschland mit einer starken Neigung zum Thatcherismus, den Reaganomics und dem deutschen Liberalismus Lambsdorffscher Prägung. Kraft steht darum recht eigentlich vor dem ideologischen Nichts, denn der daraus resultierende Neoliberalismus hat sich – zumindest im linksliberalen Akademiker-Milieu – ins Abseits manövriert. Wie er mit diesem, in vielen Rückblenden aufgefächerten Hintergrund dennoch eine Antwort auf die Wettbewerbsfrage formuliert und wie sich Krafts Schicksal vollendet, soll hier nicht vorweggenommen werden; dem eh schon nicht allzu ausgeprägten Spannungsbogen zuliebe.

Allzu viel Gelehrtes

Jonas Lüscher hat dieses Buch statt einer Dissertation in Philosophie geschrieben, was dem Text anzumerken ist und ihm etwas pudrig-altväterisches verleiht. Allzu viel Gelehrtheit sucht ihren Platz, sei diese nun philosophiegeschichtlich, politisch-historisch oder gar in literarischen Erzählformen zu finden. So feiert beispielsweise der gute alte auktoriale Erzähler fröhliche Urständ. Nur: Warum?

Sinn und Zwecke dieses Romans bleiben im Dunkeln. Für eine Darstellung eines politischen Erwachsenwerdens in der BRD ist er zu episodisch; als Kritik an der Lebensweise der Silicon-Valley-Nerds bleibt er zu oberflächlich; als Beschreibung von Krafts Leben wählt er ein zu wenig fesselndes Objekt. Das Buch möchte alles zugleich sein, verliert so aber seinen Fokus und lässt seine Leser letztlich unbefriedigt zurück.

Und dennoch ist das Buch ein grosses Versprechen. Sollte der in der Schweiz geborene und mittlerweile in München lebende Lüscher seine Ambitionen auf die akademische Laufbahn in philosophischen Fakultäten nun endgültig begraben haben, so kann er sich auf seine literarischen Fähigkeiten konzentrieren. Denn diese funkeln in diesem Buch. In einer Szene beschreibt der Autor eine Bootsfahrt in der Bucht von San Francisco, die für Kraft in einem Debakel endet. So luzide, so präzise habe ich das Ausgeliefertsein des auf sein nacktes Dasein zurückgeworfenen Menschen an die Kräfte der Natur schon lange nicht mehr gelesen. Da passen dann auch die langen, gewundenen Sätze Lüschers, die andernorts oft manieriert erscheinen, so perfekt zum Inhalt, dass wir Zeugen einer starken Literaturproduktion werden.

So erscheint dieser Roman als Übergang des Autors zwischen seiner Beschäftigung mit Philosophie und literarischen Inhalten. Im nächsten Buch überwiegt hoffentlich das Letztere.

Jonas Lüscher: Kraft. C.H.Beck, München. 237 Seiten. € 19.95, CHF 28.90

Jonas Lüscher liest am 26. April im Literaturhaus München, am 4. Mai in Dresden und am 20. Mai in Berlin aus seinem Buch. Weitere Termine auf der Webseite des C.H.Beck-Verlags.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s