Das Ende, das ein Anfang war

Zwei Ausstellungen im Kunstmuseum Bern und im Zentrum Paul Klee widmen sich der Russischen Revolution und der Kunst der Russischen Avantgarde sowie ihren Folgen bis in die Gegenwartskunst.  

Vor rund 100 Jahren machten sich unterschiedliche Männer auf, die Welt auf ihre je eigene Weise zu verändern. Am 9. April 1917 bestieg der russische Politiker Wladimir Iljitsch Lenin den Zug von Zürich nach Petrograd, das heutige St. Petersburg, um dort sogleich eine Verstaatlichung des Bodens und der Produktionsmittel zu fordern und die Oktoberrevolution desselben Jahres vorzubereiten. Bereits drei Jahre früher malte der Künstler Kasimir Malewitsch ein schwarzes Quadrat und nannte das Bild „Viereck“. Es stellte nichts anderes dar als ebendies: ein schwarzes Viereck. Und es sollte die bildende Kunst revolutionieren: Eine Farbfläche konnte eine Farbfläche sein und musste nicht für einen mitgemeinten Gegenstand stehen. Die abstrakte Malerei war geboren.

Malewitsch gründete den Suprematismus als Kunstströmung und beeinflusste als Mentor den russischen Konstruktivismus. Der Einfluss seiner Gedanken reichte weit ins 20. Jahrhundert mit seiner konkreten und gegenstandslosen Kunst und ist bis heute spürbar. Dass die russische Revolution ebenfalls Folgen zeitigte, die bis weit ins 20. Jahrhundert die Lebensläufe von Millionen von Menschen bestimmten, muss kaum erwähnt werden. In Bern zeigen das Kunstmuseum und das Zentrum Paul Klee noch bis 9. Juli 2017 in zwei sehr unterschiedlichen Ausstellungen Entstehung, Folgen und kritische Reflektion dieser so nachhaltigen Revolutionen – reduziert auf ihre künstlerischen Manifestationen notabene.

Das Kunstmuseum blickt auf die Kunst des real existierenden Sozialismus und ihre kritische Rezeption bis in die Gegenwart. Mit der Oktoberrevolution sollte nach Ansicht der neuen Machthaber auch der revolutionäre, der umstürzlerische Teil der russischen Gegenwartskunst an ein Ende gekommen sein und die Kunst musste sich in den Dienst des Aufbaus stellen. Gemäss Lenin hatte der Künstler als „treuer Helfer der Partei bei der kommunistischen Erziehung der Werktätigen“ tätig zu sein.

Ingenieure der Seele

Ein Grossteil der bäuerischen Bevölkerung war des Lesens nicht mächtig; gleich der christlichen Kunst des Mittelalters und der frühen Neuzeit sollte deshalb über Malerei Propaganda betrieben werden: Wer nicht lesen konnte, wird über Bilder erreicht und indoktriniert. Künstler mussten als „Ingenieure der Seele“, wie Stalin sich ausdrückte, mithelfen, den neuen Menschen zu formen. Und dies konnten sie gemäss sozialistischer Auffassung nur durch einen malerischen Realismus, wobei dieser nicht die Realität der Hungersnöte abbildete, sondern die konstruierte Realität der potemkinschen Dörfer in den Köpfen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei. „Der Sozialistische Realismus ist ‚wahr’, insofern er die ‚Wahrheit’ der Partei wiedergibt“, wie es im angenehm kompakten Katalog zu den beiden Ausstellungen geschrieben steht.

Bisky

Norbert Bisky: Ich will nachhause Mutti. 2003. © Pro Litteris

Glücklicherweise ist dieser Art Kunst in der Schau nur wenig Platz gegeben. Bald schon begegnet der Besucher auf seinem Rundgang Bildern ostdeutscher Maler wie Willi Sitte und Wolfgang Mattheuer, die etwas reflektierter mit der Darstellung des immersonnigen Sozialismus umgingen. Für Mattheuer war sozialistisch-realistische Kunst eine „permanent gefährliche Gratwanderung zwischen Schönfärberei und Schwarzmalerei“. Bei diesem Balanceakt konnte keine hervorragende Kunst entstehen. Davon kann man sich im Kunstmuseum Bern schnell überzeugen lassen. Und auch wenn im Katalog betont wird, dass sich Willi Sitte für eine Öffnung zum Westen einsetzte: Man darf nicht vergessen, dass der langjährige Präsident des Verbandes Bildender Künstler in der DDR dissidente Künstler wie zum Beispiel den kürzlich verstorbenen A.R. Penck gemeinsam mit dem Staatssicherheitsdienst schwerwiegendsten Repressalien aussetzte. Darüber hinaus – so kann man auch in Bern konstatieren – ist die Kunst Sittes und Mattheuers, wenn man die politischen Komponenten weglässt, einfach schlecht.

Die Flucht des Sisyphos

Wolgang Mattheuer: Die Flucht des Sisyphos. 1972. © Pro Litteris

Den Gewinnern ist das Lachen vergangen

Dass die kritische Auseinandersetzung mit der sozialistisch-optimistischen Welt durchaus aussergewöhnliche Kunstwerke hervorbringen kann, zeigen Norbert Bisky und das Künstlerduo Vladimir Dubossarsky und Alexander Vinogradov. Sie spielen auf ihre je eigene Weise mit den Versatzstücken der revolutionären Kunst und der Darstellung der lachenden Gewinner des Sozialismus, die so nur in der Kunstproduktion vorkamen. Die heroische Darstellung bleibt, aber die Protagonisten verrichten nur noch dumpfe Arbeit, stehen am kommunistischen Abgrund oder schlachten sich gegenseitig ab. Die leuchtende Zukunft stürzt in sich selbst.

Auch wenn sich der Besuch im Kunstmuseum schon nur wegen der Bisky-Bilder lohnt, so soll sich die Besucherin, die vor der Wahl steht, weil sie nur Zeit für ein Museum hat, doch für das Zentrum Paul Klee entscheiden. Schon nur wegen der schieren Menge hervorragender Kunst, die in der dortigen Ausstellung zur Russischen Avantgarde und ihren internationalen Nachfolgern gezeigt wird.

Sicher hatte Malewitsch Vorläufer und die abstrakte Kunst ist nicht alleine in seinem Atelier in die Welt getreten. Und doch markiert das Schwarze Quadrat im Rückblick das Ende einer Epoche in der Kunst und gleichzeitig den Beginn einer neuen Ära. Oder wie Malewitsch es ausdrückt: „ich war am Ursprung der Ursprünge, und als ich zur suprematistischen Fläche, nämlich zum Viereck, kam, schmiedete ich mein Urbild.“

Aus den Strahlen der gestrigen Sonne

Der Suprematismus (von lateinisch supremus = das Höchste) von Malewitsch war mit Pinsel und mit Gedanken auf der Suche nach dem abstrakten Gott, der „die Zukunft im weissen Quadrat als neue weisse Epoche der Konstruktion der Welt“ (Malewitsch) sah, mithin nach einer umfassenden Philosophie der Gegenstandslosigkeit. In der Folge verabschiedeten sich die Mitglieder dieser Kunst-Philosophie vom Gegenständlichen und damit von der herkömmlichen Art, die Welt abzubilden. Die Suprematisten haben „ihre Gesichter aus den Strahlen der gestrigen Sonne“ gewendet, so Malewitsch.

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Kasimir Malewitsch: Suprematistische Komposition. 1915. Fondation Beyeler. Foto: Robert Bayer, Basel

In Bern ist dieser radikale Aufbruch nachzuverfolgen an Bildern von Malewitsch selbst, aber auch von El Lissitzky, der die Realität nicht beschreiben, sondern konstruieren wollte. Der heute vor allem als Fotograf bekannte Alexander Rodtschenko wird in der Ausstellung als Erfinder der monochromen Malerei gezeigt. Das 1921 entstandenes Triptychon „Reine Farbe Rot, reine Farbe Gelb, reine Farbe Blau“ nimmt auf stupende Art und Weise die monochrome Malerei späterer Jahrzehnte vorweg und führt gedanklich direkt zur Farbfeldmalerei Piet Mondrians (von dem in Bern ein Bild zu sehen ist) und zu Barnett Newmans „Who’s afraid of red, yellow and blue“ (nicht in Bern zu sehen). Die monochrome Radikalität ist im Zentrum Paul Klee aufgenommen durch ein gelbes Bild von Joseph Marioni sowie ein rotes Gemälde von Olivier Mosset, der auch mit einem seiner typischen Kreisbilder vertreten ist. Das von Rodtschenko postulierte Ende der Malerei, nach dem er sich vor allem der Fotografie und der gesellschaftlich produktiven Kunst zuwendete, wird Jahrzehnte später zur Geburtsstunde einer künstlerischen Moderne.

Gelungene Auswahl

Wie vielfältig die russische Avantgarde in der Kunst des 20. Jahrhunderts rezipiert und verarbeitet wurde, zeigt die Ausstellung anhand vieler, sehr präzise gewählter Arbeiten. Es kann für die Kuratoren Michael Baumgartner und Fabienne Eggelhöfer nicht einfach gewesen sein, die schier unendlichen Bezugnahmen in der modernen Kunst einzugrenzen und eine Auswahl zu treffen. Es ist ihnen leidlich gut gelungen. Einiges drängt sich auf, wie die Zürcher Konkreten, die mit hervorragenden Werken unter anderem von Verena Loewensberg und Camille Graeser vertreten sind. Eine ganz eigene Welt öffnen die „quinze variations sur une même thème“ von Max Bill, die dessen künstlerische Kreativität in einem einzigen Werk augenfällig werden lassen.

Anderes erscheint fremder, jedenfalls für europäische Augen: Die mit spannungsreichen Werken u.a. von Joaquin Torres-Garcia und Hélio Oiticica vertretenen südamerikanischen Neokonkreten gilt es in Bern zu entdecken.

Im Vergleich der beiden Ausstellungen zeigt sich auch, welche Kunst wirklich revolutionär war: Während die figurative Malerei in ihrer Aussage statisch verharrt und sich dem heutigen Betrachter vor allem als Zeitdokument präsentiert, ist die gegenstandslose Malerei und Skulptur, die im ZPK zu sehen ist, in tiefstem Sinne zeitgenössisch: Sie spricht uns direkt an und wird von jedem Betrachter, jeder Rezipientin mit neuem Sinn aufgeladen.

Die Schau im Kunstmuseum führt uns hingegen zurück in ein politisches Gruselkabinett, dessen Künstler sich irgendwie arrangieren mussten. Wie zerstörerisch der stalinistische Furor hinsichtlich der künstlerischen Produktion sein konnte, lässt sich aktuell übrigens im jüngsten Buch von Julian Barnes nachlesen, einem Roman über den Komponisten Dmitri Schostakowitsch, der wegen einer Oper, die dem Diktator nicht gefallen hatte, fast das Leben verlor und dann zeitlebens versuchen musste, sich mit dem Regime zu arrangieren.

Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution. Von Malewitsch bis Judd, von Deineka bis Bartana. Im Kunstmuseum Bern und im Zentrum Paul Klee. Bis 9. Juli. Katalog.

Titelbild: Vladimir Dubossarsky / Alexander Vinogradow: What the Homeland Begins Witz. 2009, © the artists.

 

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