Mehr Kunst geht nicht

Bei der Art Basel gibt’s alles, was man sich wünscht. Nur kann es kaum jemand bezahlen.

Die Art Basel und ich freunden uns an. 2016 durfte ich noch nicht als Pressevertreter hin, dieses Jahr hat die Medienabteilung den überragenden Wert der Zürcher Miszellen als Multiplikator erkannt und ich konnte mir einen Press Badge abholen. Ich blieb natürlich cool, obwohl ich jetzt an der Vortüre zum Kunsthimmel war. Warum Vortüre? Weil mir der Zugang nur zu den Public Days gewährt wurde. Für die zwei Preview-Tage muss ich noch an meinem VIP-Status arbeiten. Was mit dem folgenden Text in Angriff genommen wird.

Sollst man hinfahren?

Lohnt sich der ganze Aufwand denn? Immerhin muss man nach Basel fahren und dort stundenlang nach einem Parkplatz suchen. Danach drückt man sich mit Tausenden von Menschen, die alle viel wichtiger sind als man selbst und darüber hinaus noch viel mehr Geld, tolle Freunde und eine eigene, durch nichts zu erschütternde Meinung zu jedem Kunstwerk haben, durch stickige Hallen.

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Jean-Michel Basquiat: Big Sun, 1984. Van de Weghe Fine Arts.

Ja, trotzdem, oder vielmehr gerade deswegen lohnt sich der Besuch; vor allem für diejenigen Menschen, die mal eben einige hunderttausend Dollar übrig haben, um beispielsweise eine Skulptur von Tony Cragg zu kaufen. Von denen gab es viele schöne Exemplare zu sehen und zu erwerben. Nur: Wer kaufen will, sollte schon ein VIP sein und am ersten Tag bereits in die heiligen Hallen eintreten dürfen. Denn gemäss (den allerdings bei jeder Kunstmesse gleich euphorischen) ersten Meldungen gingen bereits in den ersten Stunden der Messe die besten Werke im zum Teil siebenstelligen Dollarbereich weg. Die Galerien Hauser & Wirth und David Zwirner liessen gemäss artnews.com verlautbaren, es sei der beste erste Tag seit je an der Art Basel gewesen. Gemach; sie werden nächstes Jahr dasselbe sagen.

Ein Besuch lohnt sich auch für diejenigen Kunstfreunde, die zum ersten Mal an die Art Basel kommen. Ein Rundgang durch die drei Hallen ist schlicht überwältigend. Jede Galerie, die das Glück oder den Namen hat, für viel Geld eine Booth (einen eigenen Stand) zu erhalten, bringt das Beste und Teuerste mit, das aktuell im Lager herumsteht.

Man spaziert also an Werken von Miro und Magritte vorbei, von Max Beckmann und Mel Bochner, von Lucio Fontana und Günther Förg (er scheint eine Renaissance zu erleben, gemessen an der Anzahl der angepriesenen Werke), von der verehrungswürdigen Etel Adnan und Richard Aldrich, von Ugo Rondinone und Anselm Reyle, und so weiter und so weiter. Die Klassische Moderne ist mit museumsreifen Werken ebenso vertreten wie die Kunst der Gegenwart.

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Elmgreen & Dragset: The Critic (Vulture Modernisme) 2017, vor Katharina Grosse, o.T., 2016

Was aber kaufen, falls man denn kann? Und falls man nicht kann: Wo anhalten und schauen? Mehr als an anderen Messen gerät man an der Mutter aller Kunstmessen, der Art Basel, in Gefahr, sich einfach treiben zu lassen, all die tolle Kunst aufzunehmen und zu bewundern und dann nach Absolvierung des Erdgeschosses zu merken, dass man bereits drei Stunden hier verbracht hat und der erste Stock sowie die Unlimited-Show mit den richtig grossen Krachern auch noch auf einen selbst und die müden Füsse warten.

Darum hier fünf Tipps, was man sich anschauen soll. Und fünf Tipps, was man nicht kaufen sollte.

Was ist gut:

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Jean-Michel Basquiat. Untiteld. 1986. Van de Weghe Fine Arts

Die Basquiats: Die 110 Millionen Dollar, die ein Chinese für ein Bild von Jean-Michel Basquiat bei Sotheby’s kürzlich bezahlt hat, mögen ja ausserhalb jeder Rationalität liegen. Nicht zu verneinen ist aber, dass damit neuer Schub nicht nur für die durch die kurze Lebensspanne des Künstlers limitierte Anzahl von Werken generiert wurde, sondern ein ganzer Markt Hoffnung schöpfte, dass es noch Menschen gibt, die jedes finanzielle Mass verloren haben. Und darum tief in die Tasche greifen. Also wurden die Basquiats an die Messe gebracht – glücklich die Galerie, die einen im Backoffice hängen hat. So zeigt zum Beispiel die New Yorker Galerie Van de Weghe Fine Art gleich mehrere Leinwände des Künstlers, davon einige aus seiner besten Periode Anfang der 1980er-Jahre. Nein, so sagt der Galerist der artnews, nein, er habe die Preise nicht erhöht nach dem Sotheby’s-Ergebnis. Ja, klar, glauben wir natürlich! Aber man muss schon zugeben: Gute Kunst ist es. Der Einsatz von Farbe und auch von Schrift ist umwerfend.

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: Die New Yorker Galerie Peter Blum zeigt in der „Feature“-Sektion der Art Basel Gemälde von Robert Ryman. Der Minimalist malt seit 1955 beinahe ausschliesslich mit der Farbe Weiss. Welch vielfältigen Ausdruck man mit dem Verzicht auf jede Farbigkeit erschaffen kann, sieht man bei Peter Blum.

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Niele Torroni. Galerie Pietro Spartà

Ebenfalls im „Feature“-Teil, dessen Galerien sich jeweils auf einen Künstler oder eine Künstlerin fokussieren, zeigt die Galerie Pietro Spartà aus Chagny die wunderbaren Bilder des Tessiners Niele Toroni. Wer stilisierte, grossformatige und einfarbige Pinselstriche mag, muss nicht gleich viel Geld für ein Werk von Lee Ufan ausgeben, was man an der Art Basel auch könnte. Toroni malt seit vielen Jahren immer dasselbe: Pinselstriche mit klar fixiertem Abstand. Das schafft eine Ordnung in der (Kunst-)Welt, die für einmal sehr beruhigend wirkt.

Jeppe Heins “If you can’t change the world, change yourself”: Weil die Idee so einfach ist, weil sie gut umgesetzt ist und weil es das ist, was gute Kunst ausmacht. Und weil das Werk bei der Galerie König zu finden ist, die den besten Stand an der Art Basel hat; kein einziges Werk, das nicht durch seine künstlerische Qualität überzeugt.

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Jeppe Hein “If you can’t change the world, change yourself. Galerie König

Überrascht hat mich, dass nur ein Bild des kürzlich verstorbenen A.R. Penck auf der Messe zu sehen war: „Himmel und Hölle“ von 1967 bei Pencks Galerie Michael Werner. Offenbar spielt der Sekundärmarkt noch nicht. Sicher eine gute Investition.

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A.R. Penck. Himmel und Hölle. Galerie Michael Werner

Ja, und dann war noch so viel tolle Kunst zu sehen, dass man gar nicht alles aufzählen kann: Elmgreen & Dragsets Inkorporation eines Kritikers in einem Geier und Anselm Reyles unbetitelte Stahlkonstruktion bei der König Galerie; viele so wunderbare wie enigmatische Werke von Liz Magor; Rodins Kuss, von dem die Besucherinnern und Besucher sich Knetmasse abzwacken und damit eigene Kunstwerke an eine Wand kleben konnten. Eine Idee des Schweizer Künstlers Urs Fischer. Mehr davon und von weiteren Werken in einer Bilder-Nachlese in einigen Tagen.

Was sollte man nicht kaufen:

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Mary Corse: Untitled. 2017. LehmanMaupin

Das Bild von Mary Corse: Super-minimalistisch, riesig und auch spannende Materialien. Aber die Frau hat nicht mal einen deutschen Wikipedia-Eintrag. Sie mag heute teuer sein, in 30 Jahren nicht mehr.

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John Baldessari: Ear Sofa (Ausschnitt). 2009/2017. Sprüth Magers Galerie

Die Stahl-Palme von Ito Barrada: Warum sollte eine mit Glühbirnen bestückte Stahl-Konstruktion in Form einer Palme Kunst sein? Nicht mal, wenn sie blau angemalt ist.

Alicja Kwade: Stuhl aus Baumstamm bei kamel mennour: Weil es so viel bessere Werke von Kwade gibt!

Den hundertsten Hohlspiegel von Anish Kapoor und tote Fische von Damien Hirst.

Das absolut coole „Ear Sofa“ von John Baldessari: Weil es wohl unbezahlbar ist und weil das Lady-Gaga-like-Model samt Hündchen wahrscheinlich nicht Teil der Lieferung ist.

Art Basel in Basel. Noch bis Sonntag, 18. Juni 2017

Beitragsbild: Sam Durant: They tried to bury us. They didn’t know we were seeds. 2016. Blum & Poe

 

 

 

 

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