Die Suche nach Identität

Wer sind wir? Und wohin bewegen wir uns? Diesen Fragen geht das Lucerne Festival seit dem 11. August bis zum 10. September 2017 musikalisch nach. 

Während der Klassik-Saison vom Herbst bis zum Frühjahr steht die Stadt Luzern jeweils ein wenig im Schatten des tonangebenden Zürich. Da spielt das heimische Luzerner Sinfonieorchester im städtischen Kultur- und Kongresszentrum (KKL) oft für ein Publikum, das vor allem aus der Innerschweiz anreisen. Ausnahmen bilden Abende, wenn Weltstars nach Luzern kommen, um die hervorragende Akustik des KKL für die eigenen Klänge zu nutzen. Bei Auftritten von Musikerinnen wie die Cellistin Sol Gabetta und die Pianistin Hélène Grimaud sind die Ränge des grossen Saals gefüllt.

Die grossen Namen sind es auch, die Luzern jeweils im Sommer alle Konkurrenten um das Klassikpublikum überrunden lassen. Zum Lucerne Festival, das sommers in Luzern stattfindet, sind die Stühle auf der Bühne mit virtuosen Musikern besetzt und die freien Plätze im Zuschauerraum rar. Seit der Gründung durch den weltberühmten Dirigenten Arturo Toscanini im Jahr 1938 ziehen die grossen Namen der Klassikwelt ein internationales Publikum in den Bann, das den Besuch des Festivals oft mit einem Kurzurlaub am Vierwaldstättersee verbindet.

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Das KKL Luzern vor dem Pilatus

Neben den prominenten Solisten ist das Lucerne Festival Orchestra der eigentliche Star des Festivals mit seinen über 100 Konzerten in vier Wochen. Es vereint seit seiner Gründung durch den Dirigenten Claudio Abbado im Jahr 2003 internationale Musiker in einem Klangkörper und knüpft damit an die Zeit Toscaninis an, der in einem „Concert de Gaia“ gefeierte Virtuosen seiner Zeit zusammenbrachte. Berühmte Streicherinnen und Pianisten, Musikprofessoren, Kammermusiker, Mitglieder des Tonhalle-Orchesters oder des Mahler Chamber Orchestra finden sich auch in der Gegenwart temporär zusammen: Für viele hervorragende Musiker ist der Ruf in dieses Orchester eine Ehre. Nicht wenige von ihnen verbringen ihre Sommerferien in Luzern, um in inspirierender Atmosphäre Musik zu machen.

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Das Lucerne Festival Orchestra mit seinem Dirigenten Riccardo Chailly

Vielfältiges Jahresthema

Das diesjährige Festival widmet sich dem Thema „Identität“. In Zeiten, die durch Flüchtlingskrise und die Frage nach der Akzeptanz des „Anderen“ geprägt sind, ist das eine naheliegende und ergiebige Wahl. Selbstverständlich werden die Identitätssuchenden auf die Bühne gebeten, und so treten im Rahmen des Festivals auch Flüchtlinge auf. Der Stuttgarter Regisseur Bernd Schmitt führt beispielsweise mit einem Flüchtlingschor Mozarts Oper „Idomeneo“ auf (27.8.). Auch im Rahmen des Kurzprogramms 40 min sind Szenen daraus mit dem Chor und der Mezzosopranistin Claudia Lanz zu sehen (22. 8.). Ebenfalls im Kurzprogramm tritt ein Chor mit Flüchtlingen auf, die in der Region Luzern eine neue Heimat gefunden haben (4.9.). Bei der Suche nach der neuen Identität im Gastland, die auf der eigenen Herkunft aufbauen muss, verlassen sich diese Menschen auf den Halt, den ihnen die Musik gibt. Diese wirkt als Konstante stabilisierend, egal, wie stark man selbst sich verändert.

Die Suche nach einer Identität wird virulent, wenn der Mensch sich radikalen Veränderungen unterwirft, sei das aufgrund äusserer Einflüsse, oder weil er an seinem Selbst arbeitet. Herkunft, Heimat, Interessen, Religion oder Kultur können identitätsstiftend wirken. Das Festival nimmt diese facettenreichen Themen auf und transformiert sie in unterschiedliche Klangwelten.  Am Erlebnistag etwa, dem 27. August mit 14 Konzerten in 12 Stunden, spürt der spanische Musikwissenschafter und Gambist Jordi Savall gemeinsam mit Musikern und Tänzern aus Afrika den Wegen der Slaverei im 19. Jahrhundert nach. Traditionelle afrikanische und spanische sowie lateinamerikanische Musik treten in ein Spannungsverhältnis, das die Spuren dieser Unterdrückung bis in die heutige Zeit vergegenwärtigt.

© Andreas Knapp - www.andreas-knapp.de

Mozart-Oper mit Flüchtlingen: Der Chor der Idomeneo-Aufführung

Alleine schon seiner Zusammensetzung wegen stellt das bekannte West-Eastern Divan Orchestra des Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim die Frage nach der politischen Identität. Es besteht zu gleichen Teilen aus israelischen und arabischen Musikern und setzt sich für eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts ein. Gemeinsam mit der Star-Pianistin Martha Argerich spielt das Orchester Werke von Maurice Ravel, Alban Berg und Dmitri Schostakowitsch (16.8.). Der Russe musste zeitlebens um seine musikalische Identität kämpfen, da ihn die Sowjetunion unter Stalin für seine Musik mitunter mit dem Tod bedrohte.

Weniger politisch interpretieren die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und der Cellist Jay Campell, das Thema. Die vom Festivalintendanten Michael Häfliger als „artistes étoiles“ eingeladenen Künstler spielen Werke von George Enescu, Ravel und Zoltán Kodály (27.8.). Letzterer hat zusammen mit Béla Bartók zu Anfang des 20. Jahrhunderts die Volkslieder des Balkans erforscht und damit einen ganz eigenen Beitrag zur Identitätsfindung einer ganzen Region geleistet. Ergänzt werden die Konzerte am Erlebnistag durch kurze Führungen im Kunstmuseum Luzern – das an diesem Tag auch Musikbühne ist – zum Thema „Identität“.

Grosse Namen ziehen Publikum an

Wie jedes Jahr kann das Festival auch 2017 wieder mit einer Reihe ganz grosser Namen auftrumpfen. Neben dem Musikdirektor der Mailänder Scala, Ricardo Chailly, der 2016 die Nachfolge von Claudio Abbado als Chefdirigent des Lucerne Festival Orchestras angetreten hat, ist mit Sir John Eliot Gardiner ein weiterer Star am Taktstock in Luzern präsent. Er bringt die drei erhaltenen Opern von Claudio Monteverdi, dessen 450. Geburtstag im Jahr 2017 gefeiert wird, auf die Bühne des KKL.

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Simon Rattle dirigiert die Berliner Philharmoniker zum letzten Mal in Luzern

Sir Simon Rattle wird ein letztes Mal in Luzern seine Berliner Philharmoniker leiten, bevor er im September sein neues Amt als Chefdirigent des London Symphony Orchestras antritt. Er dirigiert unter anderem die erste und die letzte Sinfonie von Schostakowitsch, um dessen unter so vielen musikalischen Masken verborgenen Identität auf die Spur zu kommen (31.8.). Der frühere Dirigent des Zürcher Opernaus-Orchesters Daniele Gatti kommt zum ersten Mal in seiner neuen Rolle als Chefdirigent des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam nach Luzern und präsentiert mit diesem traditionsreichen Klangkörper Sinfonien von Gustav Mahler und Joseph Haydn (5.9.).

Das Luzerner Festival glänzt auch immer mit hervorragenden und weltbekannten Solisten. Dieses Jahr wird die Violinistin Anne-Sophie Mutter mit einem Konzert von Antonin Dvořák zu sehen und zu hören sein, ebenso der Pianist András Schiff und das ehemalige Wunderkind und heutige Jahrhunderttalent am Klavier Daniil Trifonov, dem Martha Argerich „Zärtlichkeit und ein dämonisches Element“ zugleich attestiert. Der amerikanische Poet am Klavier, Emanuel Ax, ist ein gerne gesehener Gast in Luzern und verzauberte das Publikum bereits seit 1986. Dieses Jahr spielt er gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern das Es-Dur-Konzert KV 449 von Mozart (9.9.). Nicht verpassen sollte man das Klavierrezital des mittlerweile 75jährigen Maurizio Pollini, des vielfachen Preisträgers (unter anderem ein Grammy), der am 21. August Werke von Robert Schumann und Frédéric Chopin spielen wird.

Jay Campbell by Beowulf Sheehan

Der artiste étoile Jay Campell

Grosse Werke für kleine Besucher

Traditionellerweise widmet sich das Lucerne Festival auch dem Nachwuchs, sei dieser auf der Bühne oder im Publikum zu finden. Der deutsche Komponist Wolfgang Rihm, künstlerischer Leiter der Lucerne Festival Academy, führt ein Seminar für junge Komponisten durch, das in der ersten Woche auch für das Publikum geöffnet wird. Ein Besuch ist empfehlenswert, da bei dieserart Lehrgänge erfahrungsgemäss tief in die Details der Musikgeschichte und die Kompositionslehre eingetaucht wird, was für Teilnehmer wie Publikum neue Perspektiven auf die zeitgenössische Musik öffnet.

Auch für die jungen Zuschauer wird einiges geboten: Ein Sinfoniekonzert für Erwachsene und Kinder von Zoltán Kodály mit dem Sinfonieorchester Basel und dem Schauspieler Florian von Manteuffel als Erzähler. Das Sonus Brass Ensemble gestaltet das inszenierte Konzert Die Verblecherbande, in der die Bläser versuchen, den musikalischen Code eines Banktresors zu knacken; ein Vergnügen für alle ab sieben Jahre. Die „Artiste étoile“ Patricia Kopatchinskaja gibt ein Sitzkissenkonzert nach einer Idee ihrer Tochter Alice. Und das Figurentheater Petruschka zeigt mit der Zaubermuschel ein musikalisches Märchen, in dem das Kinderpublikum eine aktive Rolle spielt.

Auch ohne Musik und Festival bietet Luzern im Sommer viele Gründe für einen Besuch. Musik rundet aber einen Ausflug an den Vierwaldstättersee erst ab, vor allem, wenn sie von solchen Weltklasse-Musikern dargeboten wird wie am diesjährigen Lucerne Festival. Karten gibt es online, schweizweit an diversen Verkaufsstellen (auf der Webseite des Festivals abrufbar) sowie am Telefon unter 041 226 44 80. Gratis dabei sein kann man beim Public Viewing des Eröffnungskonzerts am 11. August mit Musik von Richard Strauss auf dem Luzerner Inseli sowie bei den moderierten Kurzkonzerten der Reihe 40min jeweils wochentags um 18:20 Uhr vor den grossen Sinfoniekonzerten im Luzerner Saal des KKL.

Alle Konzerte, viele weitere Informationen zu Werken und Künstlern sowie Karten gibt es online: https://www.lucernefestival.ch/

Das Lucerne Festival Orchestra

Im Jahr 2003 gründete der mittlerweile verstorbene italienische Dirigent Claudio Abbado gemeinsam mit dem Intendanten Michael Haefliger das Lucerne Festival Orchestra und knüpften damit an die Geburtsstunde der Luzerner Festspiele im Jahr 1938 an, als Arturo Toscanini mit einem Concerto de Gaia Virtuosen seiner Zeit zu einem einzigartigen Eliteorchester vereinte. Claudio Abbado lud jedes Jahr international renommierte Musiker nach Luzern ein. Das so genannte „Orchester der Freunde“ etablierte sich weltweit als eines der führenden Sinfonieorchester.

Nach Abbados Tod 2014 übernahm Riccardo Chailly im Sommer 2016 die künstlerische Leitung des Orchesters. Ein Glücksfall für Luzern, ist Chailly doch einer der gefragtesten Dirigenten der Gegenwart. Der Mailänder ist dem Festival seit 1988 eng verbunden und gastierte in Luzern bereits mit zahlreichen Konzerten des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam und des Gewandhausorchesters Leipzig.

Der Text erschien ursprünglich im medico Journal: www.medicojournal.ch

Bilder: © Lucerne Festival und KKL. Beitragsbild: Das Sonus Brass Ensemble und de «Verblecherbande» 

 

 

 

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