Chagall: Paris mon Amour

Nur wer glaubt, alles von Chagall zu kennen, wird enttäuscht sein. Im Neubau des Kunstmuseums Basel wird Chagalls erste Liebe zu Paris dargestellt. Mit „Die Jahre des Durchbruchs“ gelingt der Ausstellung ein fulminanter Blick auf die frühen Jahre, die jeder kennen sollte, der die späteren verstehen will.   

Marc Chagall, der damals noch Moishe Shagalov hiess, war soeben aus Witebsk, einem Provinz-Städtchen im heutigen Weissrussland, angereist, im Gepäck einige Bilder und Zeichnungen. Er hatte die Reise mit der festen Überzeugung angetreten, dass seine „Kunst Paris brauchte, so nötig wie der Baum das Wasser,“ wie er später in seinen Memoiren „Mein Leben“ schrieb. Doch der erhoffte nährende Segen der Stadt blieb zunächst aus. Chagall fühlte sich einsam in seiner Wohnung nahe des Gare Montparnasse. Nur die grosse Entfernung zwischen Paris und Witebsk hätten ihn davon abgehalten, sofort zurückzukehren. Das mangelnde Geld wohl auch.

Erdbeeren

Marc Chagall: Erdbeeren

So begann Chagall Bekanntschaften in avantgardistischen Künstlerkreisen zu suchen und lernte unter anderem das Maler-Ehepaar Robert und Sonia Delaunay und den Kubisten Fernand Léger kennen. Bald schon zog in die Künstlerkolonie La Ruche (der Bienenkorb) und lernte neben Guillaume Apollinaire und dem aufstrebenden Poeten Schweizer Herkunft Blaise Cendrars auch Pablo Picasso kennen. Der Spanier soll über ihn gesagt haben: „Wenn Chagall malt, weiss man nicht, ob er dabei schläft oder wach ist. Irgendwo in seinem Kopf muss er einen Engel haben.“ Auch Eberhard Kornfeld, Berner Galerist und Auktionator und viele Jahre mit Chagall befreundet, hebt die Besonderheit Chagalls in seinen ersten Jahren in Paris hervor: „Erstaunlich ist, wie der aus der russischen Provinz stammende Chagall, der kaum französisch sprach, sich schnell dem damaligen jungen Intellektuellenkreis in Paris annähern und in wenigen Monaten einen völlig neuen künstlerischen Ausdrucksstil entwickeln konnte.“

Es blieb nicht aus, dass Chagall in dieser Zeit auch Bekanntschaft mit den zahlreichen

aktuellen –ismen wie Kubismus, Fauvismus, Orphismus machte: Er sog die neuen und kraftvollen Kunstströmungen in sich auf, verzichtete aber darauf, sich einer völlig hinzugeben. Vielmehr entlehnte er sich daraus, was er für seine eigene Kunst brauchte. Er kombinierte dies mit Versatzstücken aus der Bildwelt seiner Kindheit, die sich aus dem jüdischen Milieu seiner Geburtsstadt speiste. Laut Kornfeld verarbeitete Chagall in den Pariser Jahren bildnerisch immer wieder seine Jugendeindrücke, verband sie aber schon in den ersten Monaten seines Wirkens mit den architektonischen Eindrücken von Paris und mit den neuen Strömungen.

Traumhafte Kombinationen mit Köpfen und Körpern

In seinen Bildern aus den Pariser Jahren von 1911 bis 1914 sind bereits viele der Bausteine zu erkennen, die Chagall später jahrzehntelang immer neu kombinierte, und die ihn zu einem der Lieblinge des Kunstmarkts und der Museumsbesucher machte: Fliegende Menschen, Tiere, die ihr Ungeborenes für den Betrachter sichtbar im Bauch tragen, umgekehrt auf dem Rumpf sitzende Köpfe, übermässig nach hinten gedehnte Figuren, als hätten sie eine mannsgrosse Banane verschluckt.

Ausstellung6

©Kunstmuseum Basel, Julian Salinas

Während die in den späteren Jahren gemalten Bilder bereits den Ruch des Manierismus mit sich tragen, so strahlen die im Neubau des Kunstmuseums Basel zu sehenden Bilder der frühen 1910-er Jahre eine Unmittelbarkeit aus, die vergessen lässt, dass man sich hier für einen Künstler begeistert, dessen Bilder längst die Foulards im Museumsshop zieren. Der Journalist Samuel Herzog hat in der NZZ anlässlich einer Chagall-Schau 2013 in Zürich gar vorgeschlagen, Chagalls Stil „Foulardismus“ zu nennen, weil dieser aus verschiedenen Kunstrichtungen quasi zusammengefaltet sei, und sich so hervorragend für den Druck auf ein Seidentuch eigne.

Mit dem aus New York geliehenen Bild „Paris durch das Fenster“ ist eines der bekanntesten Werke aus der frühen Phase in Basel zu sehen. In diesem raumgreifenden Bild, das auch als Cover des Katalogs zur Ausstellung dient, kombiniert Chagall die Funktion des Malers und des Erzählers. Er schafft damit die Bühne für die Darstellung seiner mittlerweile gewachsenen Liebe zur Seine-Metropole. Linkerhand begrenzt durch einen gelb, rot und grünblau changierenden Fensterrahmen schweift der Blick über die Häuser unter einem kubistisch gestalteten Himmel in braun, weiss und rot. Überragt werden die eher an eine deutsche Vorstadt erinnernden Wohnblöcke vom Eiffelturm, der sich grazil in den Himmel schraubt.

Unvermittelt gleitet rechts im Bild eine Figur gen Erde, die sich an einer Art Fallschirm festhält. Zwei über dem Boden schwebende Figuren und eine Katze mit Menschengesicht, die auf der Fensterbank sitzt, verstärken den surrealen Eindruck – oder vielmehr den übernatürlichen (surnaturel), wie Apollinaire angesichts der Bilder Chagalls ausrief. Im Vordergrund, janusköpfig, ein Mensch, der sein Herz nicht auf der Zunge, aber auf der Hand trägt. Das Bild von 1913 zeigt exemplarisch, wie sich Chagall des Kubismus, aber auch der Farbharmonie von Delaunay bediente und doch beim Gegenständlichen blieb, um in einer durch malerische Poesie gestalteten Atmosphäre die Geschichte einer Liebe zu Paris zu erzählen.

Der Sündenfall als Quelle der Inspiration

Von Delaunys kreisförmig angeordneten Farbkombinationen inspiriert ist das aussergewöhnliche Gemälde „Hommage an Apollinaire“, das eine amorphe Figur mit zwei Beinen und zwei Köpfen zeigt. Es sind Adam und Eva mit dem Apfel, die an der Hüfte zusammengewachsen scheinen. Es treibt Adam und Eva auseinander, ihre Oberkörper sind wie mit einem Keil voneinander getrennt, die Blicke gehen in verschiedene Richtungen. Eine Verständigung scheint nicht mehr möglich. Links unten im Bild aber kontrastiert mit dieser Sprachlosigkeit die Liebeserklärung Chagalls an seine Pariser Freunde: Cendrars Name erscheint, derjenige des Filmtheoretikers Ricciotto Canudo, natürlich Apollinaire, dem das Bild gewidmet ist, und auch der Name Walden. Sie rahmen ein von einem Pfeil durchbohrtes, schwarzes Herz ein.

Marc Chagall; Hommage an Apollinaire (Hommage à Apollinaire); 1911-1912

Marc Chagall; Hommage an Apollinaire; 1911-1912; © Van Abbemuseum Eindhoven / Pro Litteris

Herwarth Walden war Galerist und Herausgeber der Kunst- und Literaturzeitschrift „Sturm“. Apollinaire machte ihn mit Chagall bekannt. Auf seinen Rat hin organisierte Walden Chagalls erste grosse Ausstellung, 1914 in Berlin. Chagall packte seine Bilder zusammen und brachte sie in die deutsche Hauptstadt. Darunter auch „Ich und mein Dorf“, ein Bild, das ebenfalls in Basel zu sehen ist, und das mit seiner inhärenten Poesie und der beinahe körperlich spürbaren Spannung zu den herausragenden Werken der Pariser Jahre zählt.

Ebenfalls 1914 in Berlin gezeigt und aktuell in Basel zu sehen, ist das Bild „Russland, den Eseln und den anderen“. Der Titel, von Cendrars erdacht, spiegelt die absurde Komposition wider. Eine rote Kuh auf einem Dach vor sternenloser Nacht. An ihrem Euter saugen ein Knabe und ein Kalb – oder doch ein Esel? Daneben schwebt eine Frau, ihren Kopf einige Handbreit neben dem Rumpf und unter sphärischen Farben, die am Nachthimmel leuchten. Es ist ein Schlüsselwerk Chagalls, das das Centre Pompidou nach Basel ausleiht. Nicht zuletzt dank diesem Werk war die Schau damals in Berlin ein Erfolg und dies trotz dürftiger Infrastruktur. Chagall schrieb später: „In zwei kleinen Räumen der Redaktion der Zeitschrift ‚Sturm‘ wurden meine Bilder, ungerahmt, in grosser Enge aufgehängt, etwa 100 Aquarelle von mir lagen einfach auf den Tischen. Meine Bilder blähten sich in der Potsdamer Strasse, während man in der Nähe die Kanonen lud.“

Zurück in Russland: Kargheit, Armut, Zerfall

Das Geschützfeuer der Kanonen war es auch, das ihn von einer Rückkehr nach Paris abhielt. Nach der Berliner Ausstellung fuhr er für einen Besuch nach Witebsk. Aus der Stippvisite sollte ein Aufenthalt von mehreren Jahren werden. Der Erste Weltkrieg war ausgebrochen. Die Wege zwischen Witebsk und Paris waren nun in Feindeshand. Chagall musste in Russland bleiben.

Solomon Judowin; Junge mit Zigarette; 1912/14

Solomon Judowin; Junge mit Zigarette; 1912/14; ©Zentrum Petersburg Judaica

Der träumerische, leichtfüssige Aspekt verschwand aus seinen Bildern. Witebsk kam in seinen Werken nicht mehr als Referenz an die Erlebnisse der Kindheit und an seine Herkunft aus dem jüdischen Schtetl vor, sondern war nun Lebenswahrheit. Seine Malerei wurde realistischer, er malte und zeichnete, was er sah. Darunter auch bedrückende Szenen mit verletzten Soldaten oder um ihre Männer weinende Frauen. Der Kontrast zwischen den Bildern aus den Pariser Jahren und den eher kleinformatigen Werken aus Witebsk wird in Basel dank einer gelungenen Hängung augenfällig.

Zu jener Zeit war auch der Fotograf Solomon Judowin an den Stätten des Ostjudentums unterwegs, als Begleiter einer ethnografischen Exkursion des russisch-jüdischen Schriftstellers An-Ski. Seine selten zu sehenden Fotografien sind eine Entdeckung in Basel. Viel Platz ist ihnen gewidmet, zurecht, denn abgesehen von ihrem eigenen dokumentarischen und künstlerischen Wert zeigen sie, wie Chagall die Realität, mit der er konfrontiert wird, in Kunst verwandelt. Die Kargheit, die Armut, der Zerfall, der in den Fotografien deutlich zutage tritt, weicht in der künstlerischen Aneignung einem zwar düsteren Ambiente als in früheren Jahren, das aber dennoch durch Farbtupfer besticht. Das geblümte Kleid seiner Frau Bella, die leuchtend roten Erdbeeren auf dem Tisch vor Frau und Tochter oder die strahlend weisse Ziege vor einer leuchtend grünen Hecke: Die Realität mag grau sein, die künstlerische Aneignung bringt sie zum Leuchten.

Die beste Chagall-Schau seit 30 Jahren

Die Ausstellung, die laut Eberhard Kornfeld „sensationell, die beste ihrer Art seit 30 Jahren“ ist, schliesst mit einem Bild, in dem nochmals die ganze Eigenständigkeit des jungen Marc Chagalls durchscheint. Im „Kubistische Landschaft“ betitelten Werk aus den Jahren 1919/1920 mag der Betrachter zuerst ein rein flächiges Bild erkennen, das geometrische Formen kombiniert und miteinander in ein farbliches betontes Verhältnis setzt. Doch auch in dieser mathematisch kombinierten Landschaft bewegt sich ein Mensch, der durch einen grünen Regenschirm wie vor den kunstideologischen Zumutungen beschützt, vor einem prächtigen Stadthaus auf eine kleine, durchscheinende Ziege zuschreitet.

Marc Chagall; Le marchand de bestiaux; 1912

Der Viehhändler. ©Kunstmuseum Basel / Pro Liters

Chagall blieb in Russland bis 1922. Nach dem Krieg wurde er für kurze Zeit begeisterter Revolutionär, Er war als Kunstkommissar für den Bezirk Witebsk tätig und leitete die dortige Kunstakademie, an die er El Lissitzky und Kasimir Malewitsch als Lehrer holte – und sich bald danach aus ideologischen Gründen mit ihnen überwarf. Chagall trat von seinem Posten zurück und ging nach Moskau, bevor er 1922 über Berlin nach Paris zurückkehrte, um seinen unvergleichlichen Stil zu kultivieren und ein weltberühmter Künstler zu werden.

Chagall. Die Jahre des Durchbruchs. Bis 21. Januar 2018 im Kunstmuseum Basel / Neubau. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

Kenner des Kunstmarktes über Chagall und seine heutige Bedeutung:

Laut Eberhard Kornfeld, Galerie Kornfeld Auktionen in Bern, ist Chagall „in den meisten wichtigen Museen der Welt gut vertreten. Im Kunstmarkt kommen heute noch viele Werke vor, meist aber aus späteren Schaffensperioden nach 1925, Blumensträusse, Liebespaare, Pariser Architekturelemente.“ Auch in den Auktionen in Bern seien jährlich rund fünf bis zehn Werke zu erwerben.

Auch Cyril Koller, Geschäftsleiter von Koller Auktionen in Zürich, sieht weiterhin einen Markt für Chagalls Werke, wie er im Interview erläutert:

Herr Koller, welche Bedeutung hat Chagall heute auf dem Kunstmarkt?

Chagall hat in seinem langen Leben sehr viel gemalt. Auf Auktionen werden häufig Werke Chagalls angeboten, die beim Publikum nach wie vor einen grossen Reiz ausüben und gut verkauft werden. Allerdings handelt es sich bei den meisten auf dem Kunstmarkt angebotenen Werken um spätere bis späte Werke des Künstlers.

Heisst das, Gemälde aus der Zeit vor 1920 finden sich selten in Auktionen?

Gemälde aus den Jahren, welche die Ausstellung thematisiert, werden so gut wie nie angeboten und würden bei guter Qualität zweistellige Millionenpreise erzielen.

Beitragsbild: M. Chagall: Der Betrunkene. ©Pro Litteris, Zürich
Beitrag zuerst veröffentlicht in „medico Journal 04/2017. www.medicojournal.ch

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